Audiotour Nummer 1 : Anders wohnen am Kreuzberg: Alte Brauerei ganz neu

Entrückt ist es hier, mitten in Kreuzberg. Auf dem Tivoliplatz scheint Berlin nicht mehr existent. Kein Passantengewimmel, kein Verkehrslärm, nur ein bisschen Vogelgezwitscher. Und das nur fünf Gehminuten vom prallen Leben der Bergmannstraße entfernt.

Anna Sauerbrey
Budlich
Der heutige Tivoliplatz, wo Andreas Budlich sein Büro hat. -Foto: Thilo Rückeis

Im Sandkasten in der Mitte des Platzes liegen noch eine Gießkanne und ein orangefarbener Eimer. Auch die in den Durchgängen rund um den Platz abgestellten Fahrradkinderanhänger geben Hinweise auf die Sozialstruktur des Viktoria-Quartiers an der Methfesselstraße, dieser Stadt in der Stadt, die die Baywobau auf dem Gelände der alten Schultheissbrauerei am Südhang des Kreuzbergs errichtet hat und derzeit um weitere 105 Wohnungen für 40 Millionen Euro erweitert.

An diesem Mittag ist Andreas Budich allein auf dem Platz. Der Unternehmensberater sitzt vor dem etwas erhöht liegenden Eingang zu dem Loft, in dem Hoffmann & Company residiert, schmaucht ein Pfeifchen und genießt die Stille. Gleich, wenn die Schule erst einmal aus ist, ist es vorbei damit. Dann wird Fußball gespielt, und auf dem Spielplatz explodiert ein Tohuwabohu. So ist das, wenn, wie hier, Wohnen und Arbeiten eng beieinander liegen.

Das Loft, in dem die 15 Mitarbeiter von Hoffmann & Company arbeiten, liegt in einem alten gotischen Ziegelbau. Mehrere Gebäude, die zwischen 1862 und 1873 von der Berliner Brauerei-Gesellschaft Tivoli errichtet und später von Schultheiss übernommen wurden, hat die Baywobau saniert und in Wohnungen und Büros umgewandelt. Die alten eisernen Buchstaben an den Ziegelwänden verraten noch ihre historische Funktion. „Flaschenkeller“, liest man, „Schmiede“ und „Beschlagbrücke“. Rundherum sind am Hang angelegte, moderne Wohnwürfel entstanden, beige gestrichen, teils mit Garten, teils mit Dachterrassen, manche als Maisonette oder „Haus im Haus“ mit mehreren Etagen: Diversifizierung für alle Bedürfnisse und Geschmäcker der urbanen Besserverdienenden. 2004 sind die ersten Käufer einzogen.

Unter dem Areal verbirgt sich eine Tiefgarage, die Siedlung ist autofrei. Zur Methfesselstraße hin gibt es einen kleinen Park, mit einer hohen Mauer grenzt sich das Quartier zur etwas tiefer gelegenen Straße ab, eine Schranke blockiert die Zufahrt, „Privatgelände“ steht auf einem Schild. Hier hat alles seine Ordnung. Die Blumenbeete sind gepflegt, es gibt weder Graffiti an den Wänden noch Dönerreste auf den Wegen. Wer hierher zieht, will die Großstadt nicht missen, aber auch nicht ertragen müssen. „Unser Kind purzelt aus der Küche direkt in den autofreien Hof“, sagt Uwe K., dessen Filmproduktionsfirma ein Büro auf dem Areal hat und der mit Frau und Kind in einem der alten Brauereigebäude wohnt. „Wie in einem kleinen Dorf“ lebe es sich im Viktoria-Quartier. Von außen seien die Wohnungen in den alten Ziegelbauten aber charmanter als innen, dort habe man zu rücksichtslos saniert.

Für den neugierigen Flaneur ist das nicht zu erkennen, weshalb die spannende Mischung aus altem Gemäuer und moderner Architektur viele Besucher anzieht, trotz Schranke und Schild. Die meisten Neugierigen seien sehr diskret, erzählt Uwe K. „Andere marschieren in die Küche und fragen nach einem Espresso oder einem Glas Wasser.“ So etwa ein Tourist, der die Gebäude für ein Brauerei-Museum hielt. Viele der Bewohner scheuen daher vor Gesprächen und vor Namensnennungen zurück, denn Abgeschiedenheit und Exklusivität sind der größte Luxus, den man erwirbt, wenn man hier eine Wohnung kauft. Dieses Konzept scheint auch in Zeiten der Wirtschaftskrise noch zu funktionieren. Wer in der Westerweiterung eine Wohnung kaufen möchte, zahlt je nach Größe zwischen 189 000 und 445 000 Euro. Nach Angaben der Baywobau sind bereits mehr als ein Drittel der Wohnungen verkauft, Ende 2010 soll die Erweiterung fertig sein. 

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