Audiotour Nummer 1 : Leben am Wasser: Stralau und seine Insulaner

Vom Wasser weht ein frischer Wind. "Hier ist die schönste Endhaltestelle Berlins": 77 Minuten ist der 104er-Bus vom Brixplatz in Westend bis zur Stralauer Halbinsel unterwegs.

Christian van Lessen
Stralau
Viele Inselbewohner von Stralau - hier an der Rummelsburger Bucht - fühlen sich im Alltag oft wie im Urlaub. -Foto: Thilo Rückeis

Elke von Allwörden steht auf der Terrasse ihrer Wohnung mit großem Garten davor. Die junge Frau trägt ihre einjährige Tochter Johanna auf dem Arm und sieht glücklich und zufrieden aus. Die beiden könnten auch das Foto in einem Werbeprospekt für Neues Wohnen auf der Stralauer Halbinsel sein. Es ist eine ruhige, sonnige Mittagsstunde. Vom Wasser weht ein frischer Wind. Maritimes Klima. Eine Motoryacht rauscht vorbei. Drüben zieht sich das lange grüne Band des Treptower Ufers hin. „Es ist wunderschön – mitten in der Stadt, so neu, direkt am Wasser – und sehr kinderfreundlich.“

Die Krankenschwester und ihr Mann, ein Lehrer, sind aus Hamburg zugezogen. Die zentrale, ruhige Lage hat sie begeistert. „Zu dem Preis hätten wir uns in Hamburg auch keine Eigentumswohnung leisten können.“ Seit drei Jahren wohnen sie hier, wie rund 3000 andere zugezogene Familien in den schmucken Neubauten. Gastronomisch könnte noch einiges passieren, sagen die Leute, die Busverbindungen werden gelobt.

Da rollt der 104er, der genau, wie der Busfahrer ausrechnet, 77 Minuten von der Stralauer Halbinsel bis zum Brixplatz in Westend unterwegs ist. „Hier ist die schönste Endhaltestelle Berlins.“ Da fährt der 347er, der 45 Minuten bis zur Philharmonie braucht. Mit dem Bus fährt Heinz Schönwiese, Rentner vom Friedrichshainer „Festland“, gern her. Dann sitzt er im gepflegten „Wendenpark“ neben der alten Stralauer Kirche mit dem Friedhof, dessen Gräber direkt am Wasser stehen. Und er freut sich,wenn die Ausflugsschiffe vorbeituckern oder sich das rote Wasserflugzeug in die Lüfte hebt. Für ihn wäre das Wohnen hier nichts. „Zu teuer“, sagt er. Gut 100 Meter entfernt steht das „Tilia“, ein Backshop, Tante-Emma-Laden und Café. Direkt am großen Platz mit der Nixenskulptur. Hier ist allgemeiner Mittelpunkt, Treffpunkt. „Die Insel – das ist unser Dorf“, sagt beim Kaffee Anne Röblitz, Zahnarzthelferin, Mieterin in einem der neuen Gebäude ringsum.

Die zwei Kinder sind im Kindergarten, es gibt eine Grundschule, „alles bestens“. Die junge Frau ist aus Prenzlauer Berg zugezogen. Sie schwärmt von der schönen Umgebung und hofft, dass nicht noch allzu viel gebaut wird. Einkaufsmöglichkeiten – ihr fehlten sie nicht, auf dem Festland gebe es doch genug. Nur der alte Speicher müsste mal belebt werden.

„Tilia“ heißt Linde, Linde Arend heißt die Wirtin. Sie stammt aus Freiburg. „Die Insel ist klasse.“ Seit 2005 betreibt sie den Laden mit Speicherblick und Pappelrauschen. Das Geschäft hat Durststrecken hinter sich. Vor zehn Jahren füllten sich die neuen Wohnungen nur langsam. Es hieß, Rundfahrtbusse kämen vorbei. Ausflugsgebiet ist die Stralauer Halbinsel nicht geworden. Aber Tilia kann von der Stammkundschaft leben, die ein stolzes Inselgefühl entwickelt hat.

Inmitten der Neu- und wenigen Altbauten gibt es sogar eine Kleingartenkolonie. Hier gärtnert Willi Domina. Er war Vorarbeiter, kam vor 20 Jahren aus Bremen, baute an der neuen Stralauer Halbinsel mit. Jetzt hat er hier Laube und Lebensgefährtin gefunden. „Erholsam! Und immer eine frische Brise.“ Heimweh?  „Keine Spur.“ Elke von Allwörden ist nicht so ganz sicher.Christian van Lessen

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