Audiotour Nummer 2 : Die Exotischen: Händler im Vietnam-Center

Asien vor der Haustür: 2005 wurde das Dong Xuan Center von vietnamesischen Geschäftsleuten auf dem Gelände des früheren VEB Elektrokohle eröffnet. In vier Hallen bieten 150 Einzel- und Großhändler ihre Waren an.

Christoph Stollowsky
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Gemüse total. Anh Tuan Nguyen verkauft Spezielles wie den Langkornkürbis. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Wasserwinde ist seine Lieblingsspeise. Nguyen Viet Hung greift in eine Kiste mit lianenförmigen Grünpflanzen, deren Blätter an Spinat erinnern, und gerät ins Schwärmen: „Ein bisschen Wasser in die Pfanne, viel Knoblauch und dann die Rau Muong, wie diese Spezialität auf Vietnamesisch heißt, kurz schmoren – herrlich.“ Doch die Wasserwinde, auch Wasserspinat genannt, ist keineswegs das einzige exotische Gemüse im Laden des 36-jährigen Händlers in Halle 2 des größten Asiamarktes in Berlin – dem Dong Xuan Center an der Herzbergstraße in Lichtenberg.

„Frühlingswiese“ heißt Dong Xuan übersetzt. Und dieser Name ist bei den Gemüsehändlern in den Hallen wie Nguyen Viet Hung oder Anh Tuan Nguyen Programm. Vietnam-Sellerie, Wassermimose, Thai-Ingwer, Zuckeräpfel, roter Spinat: Wer bei ihnen einkauft, kann die vegetarische Küche Asiens ausprobieren und sich dabei auch ein wenig kurieren. Denn nach vietnamesischer Auffassung fängt die Medizin mit dem Essen an – und die Wasserwinde, heißt es, fördert beispielsweise das Ausschwemmen von Schadstoffen aus dem Körper.

2005 wurde das Dong Xuan Center von vietnamesischen Geschäftsleuten auf dem Gelände des früheren VEB Elektrokohle eröffnet. In vier Hallen bieten 150 Einzel- und Großhändler ihre Waren an. Lebensmittel – von Duftreissäcken bis zu eingelegten Palmherzen; aber auch jede Menge Textilien, Uhren, Kunstblumen, Schmuck und anderen Glitzer oder Kosmetika. Außerdem gibt es Friseure sowie Spezialitätenrestaurants. Und die Preise sind in der Regel sehr günstig, weshalb nicht nur Einzelhändler als Kundschaft von weit her anreisen. Auch viele Berliner Schnäppchenjäger streifen durch die asiatische Welt vor ihrer Haustüre.

Die Mieter, deren Läden sich in langen Gängen aneinanderreihen, sind meist Vietnamesen, einige kommen auch aus Indien, China oder Pakistan. Und die Biografie der meisten ist eng mit der früheren DDR verbunden. Denn die SED holte einst tausende vietnamesische Vertragsarbeiter ins Land. Bis zur Wende hatten sie sichere Jobs. Danach bekamen sie zwar eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, mussten ihr wirtschaftliches Überleben aber selbst organisieren.

Wie der 42-jährige Van Nguyen aus Hanoi. 1989 kam er in die DDR, arbeitete in einem Elektrobetrieb, absolvierte nach dem Mauerfall eine Ausbildung als Elektroinstallateur. Danach fand er keinen Job. „Keine Chance“, erinnert er sich, „es gab zu viele Vorbehalte gegen meine Herkunft.“ Eine Erfahrung, die er mit zahlreichen früheren Vertragsarbeitern teilt. Also machte sich Van Ngyen selbstständig. Jetzt bietet er im Dong Xuan Center Kosmetika an.

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