Audiotour Nummer 2 : Die Zille-Bäder

Feinster Ostseesand rieselt durch die Zehen, zwischen Sandburgen und Strandkörben werden die Picknickstullen geschmiert, Pärchen schmusen in der Sonne, daneben Kindergeschrei, Spritzpistolenduelle: In den traditionsreichen Sommerbädern am Weißen See und Orankesee geht es ein bisschen zu wie am Meer.

Christoph Stollowsky
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Drinks und Palmen. Das Bad am Weißen See ist auch eine Strandbar. -Foto: David Heerde

Feinster Ostseesand rieselt durch die Zehen, zwischen Sandburgen und Strandkörben werden die Picknickstullen geschmiert, Pärchen schmusen in der Sonne, daneben Kindergeschrei, Spritzpistolenduelle: In den traditionsreichen Sommerbädern am Weißen See und Orankesee geht es ein bisschen zu wie am Meer. Schon der Berliner Maler Heinrich Zille fand das faszinierend. Einige seiner Badebilder mit den turbulenten Gören- und Familienszenen sollen am Weißen See entstanden sein.

Dort vergnügen sich heute nicht nur Familien und Schwimmer, die ihre Langstrecken quer über den See absolvieren, sondern auch all jene, die sich in der Abendsonne mit einem Drink entspannen wollen. Denn Pächter Oliver Schulz hat in seinem Sommerbad Palmkübel und Caféhaustische auf den Sand gestellt und es zugleich in eine Strandbar verwandelt. Nach 19 Uhr ist der Eintritt frei. Je nach Besuch kann man bis Mitternacht zusammensitzen und ins Wasser springen.

Am Orankesee geht es dagegen besonders familiär zu. Eine große Wasserrutsche und die Batterie der Strandkörbe sind hier die Attraktionen. CS

Strandbad Weißer See, täglich ab 9 Uhr bis Open End, Tel.: 9253241. Strandbad Orankesee, täglich 9-19 Uhr, Tel.: 9864032.

Die Wasserwinde ist seine Lieblingsspeise. Nguyen Viet Hung greift in eine Kiste mit lianenförmigen Grünpflanzen, deren Blätter an Spinat erinnern, und gerät ins Schwärmen: „Ein bisschen Wasser in die Pfanne, viel Knoblauch und dann die Rau Muong, wie diese Spezialität auf Vietnamesisch heißt, kurz schmoren – herrlich.“ Doch die Wasserwinde, auch Wasserspinat genannt, ist keineswegs das einzige exotische Gemüse im Laden des 36-jährigen Händlers in Halle 2 des größten Asiamarktes in Berlin – dem Dong Xuan Center an der Herzbergstraße in Lichtenberg.

„Frühlingswiese“ heißt Dong Xuan übersetzt. Und dieser Name ist bei den Gemüsehändlern in den Hallen wie Nguyen Viet Hung oder Anh Tuan Nguyen Programm. Vietnam-Sellerie, Wassermimose, Thai-Ingwer, Zuckeräpfel, roter Spinat: Wer bei ihnen einkauft, kann die vegetarische Küche Asiens ausprobieren und sich dabei auch ein wenig kurieren. Denn nach vietnamesischer Auffassung fängt die Medizin mit dem Essen an – und die Wasserwinde, heißt es, fördert beispielsweise das Ausschwemmen von Schadstoffen aus dem Körper.

2005 wurde das Dong Xuan Center von vietnamesischen Geschäftsleuten auf dem Gelände des früheren VEB Elektrokohle eröffnet. In vier Hallen bieten 150 Einzel- und Großhändler ihre Waren an. Lebensmittel – von Duftreissäcken bis zu eingelegten Palmherzen; aber auch jede Menge Textilien, Uhren, Kunstblumen, Schmuck und anderen Glitzer oder Kosmetika. Außerdem gibt es Friseure sowie Spezialitätenrestaurants. Und die Preise sind in der Regel sehr günstig, weshalb nicht nur Einzelhändler als Kundschaft von weit her anreisen. Auch viele Berliner Schnäppchenjäger streifen durch die asiatische Welt vor ihrer Haustüre.

Die Mieter, deren Läden sich in langen Gängen aneinanderreihen, sind meist Vietnamesen, einige kommen auch aus Indien, China oder Pakistan. Und die Biografie der meisten ist eng mit der früheren DDR verbunden. Denn die SED holte einst tausende vietnamesische Vertragsarbeiter ins Land. Bis zur Wende hatten sie sichere Jobs. Danach bekamen sie zwar eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, mussten ihr wirtschaftliches Überleben aber selbst organisieren.

Wie der 42-jährige Van Nguyen aus Hanoi. 1989 kam er in die DDR, arbeitete in einem Elektrobetrieb, absolvierte nach dem Mauerfall eine Ausbildung als Elektroinstallateur. Danach fand er keinen Job. „Keine Chance“, erinnert er sich, „es gab zu viele Vorbehalte gegen meine Herkunft.“ Eine Erfahrung, die er mit zahlreichen früheren Vertragsarbeitern teilt. Also machte sich Van Ngyen selbstständig. Jetzt bietet er im Dong Xuan Center Kosmetika an.Christoph Stollowsky

Als man Franz Biberkopf aus Tegel entlassen hat, verschlägt es ihn als Erstes an den Rosenthaler Platz. Benommen steigt er aus der Elektrischen, umzingelt von ungewohnter Großstadthektik: Gewimmel auf den Trottoirs, von Bauarbeitern aufgerissenes Pflaster sowieso, Schlagzeilen, Reklame, Firmennamen in Übergröße. Einer zuckt kurz auf – „Aschinger“ –, schon hat das Metropolenleben Franz weitergespült.

Gleich zu Beginn von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) kommt dessen Hauptfigur an einer Filiale der einst berühmten Berliner Gastronomiekette vorbei. Er kehrt dort nicht ein, gehört da nicht hin, eigentlich gehört er, aus der Gegenwart gefallen, nirgendwo hin, und schon gar nicht in eine von Aschingers „Bierquellen“, diesen gediegenen Verkörperungen des Zeitgeists, jedes der über 30 Lokale ein scheinbar klassenloses Wurst- und Bierparadies, eine stadtbildprägende Kette gar. Ihren raschen Aufstieg nach der Firmengründung 1892 verdankte sie nicht zuletzt dem Wandel Berlins zur Weltstadt nach 1871, mit gewandelten Bedürfnissen der Großstädter, denen Aschinger offenbar besonders gut entsprach.

Berlin hat sich seither wieder und wieder verändert, wurde umgebaut, zerstört, auf- und wieder umgebaut. Aschinger am Rosenthaler Platz wiederzufinden, würde Biberkopf dennoch kein Problem bereiten. Natürlich heißt das Lokal nicht mehr so. Im Ostteil der Stadt war das Unternehmen nach dem Krieg enteignet worden, die Restfirma, die im Westen weiterbestanden hatte, meldete 2000/01 endgültig Konkurs an. Aber wieder ist das Eckgebäude Rosenthaler Straße 72a, einst Aschingers neunte Bierquelle und seit 2005 die Adresse des Szenelokals „St. Oberholz“, ein – nach wie vor doppelstöckiger – Treffpunkt des personifizierten Zeitgeists.

Das „blau-weiß gestreifte Schnittwaren-Fräulein“, wie es Robert Walser in seiner Kurzgeschichte „Aschinger“ erwähnte, findet man dort nicht mehr, auch die schöne Aschinger-Sitte stets gefüllter Brötchenkörbe, aus denen man sich nach Herzenslust bedienen konnte, gibt es nicht mehr. Aber dem Puls der Zeit wähnt man sich dort noch immer nah, und das Zauberwort heißt WLAN.

Denn wohin man im „St. Oberholz“, benannt nach einer Sennerei im voralpenländischen Obersteintal, auch blickt, man sieht Laptops, meist aufgeklappt, die Besitzer, Szenevolk um die 30, emsig darübergebeugt, voll vernetzt, mit wem auch immer – neben sich Kaffee in den modischen Variationen und anderes zum Verzehr. Gespräche, ja, die gibt es auch, aber angesichts des selbstversunkenen Surfens im Netz, wie es viele hier praktizieren, steigt auch bei vollbesetztem Haus der Geräuschpegel geringer als erwartet.

Vergessen die Zeit, als hier noch Burger-King seine Whopper verkaufte, vergessen bei den meisten Gästen wohl auch das versunkene Aschinger-Imperium, zu dessen Bastionen dieser Ort einmal gehörte. Und sollte einer der Gäste sogar seine Utensilien vergessen, seien es Notizbücher, Pillendosen, Geldbörsen – auf der Internetseite des Lokals (www.sanktoberholz.de) findet sich alles wohlbehalten wieder an. Andreas Conrad

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