Audiotour Nummer 2 : Touristenmagnet Jüdischer Friedhof

Prachtvolle Mausoleen verzaubern, verfallene Grabsteine erinnern an die NS-Zeit. Der Jüdische Friedhof Weißensee ist mit 115.000 Grabstellen der größte Europas.

Andreas Conrad

Vier Stichworte zum Mahnmal gleich hinterm Eingang, so lautet die Aufgabe. Erneut studieren Fiona und Julia ihre Notizen. Doch, sagen sie, den Holocaust hätten sie schon früher im Unterricht behandelt, aber auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee seien sie zum ersten Mal mit ihrer Klasse 9d von der Alfred-Wegener-Realschule in Dahlem. Dann müssen sie weiter, die Aufgabenliste ihres Lehrers Michael Beyé wartet.

Zwei ältere Besucher haben alle Muße: Manfred Mangels und Peter Grunert, die es von ihren Plattenbauwohnungen nicht weit haben. Der eine war vor Jahren schon mal hier, der andere noch nie. Hochinteressant muss es gewesen sein, lebhaft breiten sie ihr neues Wissen aus. Dass es jahrzehntelang Straßenplanungen quer über den Friedhof gegeben habe, die erst in den Achtzigern von Honecker gestoppt wurden, auf einen Brief des West-Berliner Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Galinski hin – nein, das wussten sie nicht.

Für größeren Besucherandrang ist solch ein Montagvormittag wohl nicht die richtige Zeit. Der Mann im Blumenladen am Eingang, der an männliche Besucher Kopfbedeckungen verteilt (in Einheitsgröße, vor Gott sind alle Köpfe gleich), berichtet aber von sehr hohem Interesse an der 1880 eingeweihten Anlage, mit 115.000 Grabstellen der größte jüdische Friedhof Europas. Der Hinweis auf der Infotafel, sie sei „Teil des touristischen Wegeleitsystems Pankow“, ist berechtigt.

Sollte es je zu der von der Jüdischen Gemeinde und dem Senat unterstützten Aufnahme in die Unesco-Liste des Welterbes kommen, würden sicher noch mehr Besucher den Weg zu diesem Friedhof finden. Dessen kulturgeschichtliche Bedeutung steht der des Matthäus-Friedhofs in Schöneberg oder des Südwestkirchhofs in Stahnsdorf in nichts nach. Darüber hinaus ist er aber Zeugnis für die Rolle der Juden in Deutschland. Prachtvolle Mausoleen aus der Kaiserzeit zeugen vom Stolz der Nachkommen auf die gesellschaftliche Position. Doch der Verfall vieler Grabstätten – 2007 errechnete die Friedhofsverwaltung einen Sanierungsbedarf von rund 20 Millionen Euro – erinnert zugleich daran, dass viele jüdische Familien in der NS-Zeit ausgelöscht wurden.

So hinterlässt ein Spaziergang über das weitläufige, von Bäumen beschattete, von Efeu und Sträuchern teilweise überwucherte Areal eine ambivalente Stimmung: Verzauberung über das Märchenhafte dieser Friedhofslandschaft mit den dicht an dicht aufgereihten Gedenkstelen und Grabsteinen – und Beklommenheit angesichts der Ursachen dieser romantischen Verwilderung. 

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