Zeitung Heute : Auf allerhöchster Ebene

Bis heute zeugen die Kunstwerke in Potsdamer und St. Petersburger Schlössern von der Freundschaft zwischen Russland und Preußen in den Jahren von 1800 bis 1860

Hollywood hätte es nicht besser arrangieren können: zwei Männer und eine schöne Frau, im nächtlichen Fackelschein über einen Sarg gebeugt. Ordenssterne, Diamanten und Uniformtressen blitzen. Man schwört sich ewige Treue.

Am 3. November 1805 gibt Preußen endlich seine Neutralität gegenüber Napoleon auf und schließt ein militärisch-diplomatisches Bündnis mit Russland. Besiegelt wird es mit einem Handschlag zwischen Zar Alexander I. von Russland, König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise von Preußen – am Grab Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonkirche. So will es jedenfalls die Legende.

Im Fernseh-Vierteiler „Krieg und Frieden“, den das ZDF zu Jahresbeginn ausstrahlte, spielten die Preußen nicht einmal eine Nebenrolle. Das entspricht in etwa der verfilmten Buchvorlage. Leo Tolstoi, der große russische Romancier, hat die zeithistorische Komponente seines 2000-Seiten-Epos ganz auf den Zweikampf zwischen Zar Alexander und Napoleon zugeschnitten. Dabei war das Preußen Friedrich Wilhelms III. damals gewissermaßen das Zünglein an der welthistorischen Waage. Und dieses Zünglein neigte sich, schon aus persönlicher Sympathie beider Monarchen, für Jahrzehnte Russland zu.

Russland, Preußen, und ihre Herrscherhäuser – das ist eine jahrhundertealte Geschichte. Kunst und Kultur, die in dynastischen Zeiten ein Privileg der Herrschenden und ihrer Höfe gewesen sind, haben mit seismografischer Genauigkeit auf die Stimmungslagen zwischen Hohenzollern und Romanows reagiert. In den Berlin-Potsdamer und St. Petersburger Schlössern lässt sich die Frühlings- und Freundschaftsphase zwischen 1800 und 1860 bis heute ablesen: anhand zahlreicher Kunstwerke, die damals als Geschenke die Seite gewechselt haben oder von jeweils einheimischen Künstlern stammen, die ihr Russland- oder Deutschlandbild aufgrund von Reiseeindrücken formulieren. Im frühen 19. Jahrhundert funktionierte der Austausch von Kunst und Künstlern zwischen Berlin und St. Petersburg auf allerhöchster Ebene – dank Alexander und Friedrich Wilhelm.

Russisch-deutsche Männerfreundschaft unter Staatenlenkern hat es lange vor Gerhard Schröder und Wladimir Putin gegeben. Zar Peter der Große etwa schätzte den preußischen „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. schon wegen ähnlich gelagerter praktischer Interessen. Doch die Künstler und Architekten, die Peter so nötig hatte für seine Stadtgründung St. Petersburg, dieses „Venedig des Nordens“, bezog er lieber aus klassischen Kunstländern wie Frankreich und Italien. Lediglich den in Ungnade gefallenen Berliner Schlossbaumeister Andreas Schlüter hat Peter 1713 nach St. Petersburg geholt – wo er im Jahr darauf verstarb. Allzu viel bewirken konnte Schlüter in Russland nicht mehr.

Ein halbes Jahrhundert später waren die Verbindungen dann sogar soweit abgekühlt, dass die beiden Großmächte militärisch gegeneinander vorgingen. Während des Siebenjährigen Krieges ließ Friedrich der Große seine Truppen gegen Russland aufmarschieren. Er hätte beinahe alles verloren, wenn nicht die Zarin Elisabeth im rechten Moment gestorben wäre und ihr preußenliebender Sohn Peter III. (der wenig später einer Palastrevolte zum Opfer fiel) mit dem Alten Fritz Frieden geschlossen hätte. Das Mirakel des Hauses Brandenburg hat man die überraschende Kriegswende rückblickend genannt.

Auch die russisch-preußische Kulturblüte nach 1800, das Thema der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, beruht auf einem militärischen Ernstfall. Napoleons Expansionsdrang führte Russlands Zar Alexander I. und Preußens König Friedrich Wilhelm III. zusammen. 1802 in Memel und 1805 in Potsdam noch zaghaft, nach dem missglückten Russlandfeldzug der Franzosen umso nachdrücklicher: als Verbündete auf dem Schlachtfeld. Nach dem endgültigen, gemeinsam errungenen Sieg über Napoleon 1815 gründeten sie zusammen mit Österreich die „Heilige Allianz“, ein erzkonservatives Trutz- und Schutzbündnis gegen liberale bürgerliche Strömungen in den eigenen Reihen. Das gemütvolle Biedermeier, das bis heute durch seine kulturellen Salonblüten bezaubert, läutete eine Zeit politischer Unfreiheit, staatlicher Willkür und geheimpolizeilicher Bespitzelung ein.

Zar Alexander und König Friedrich Wilhelm, neben dem österreichischen Staatskanzler Fürst Metternich die Hauptprotagonisten des konservativen Roll back in Europa, mochten sich auch persönlich. Und so ist es sicher kein Zufall, dass die von den Patriarchen arrangierte Hochzeit zwischen Großfürst Nikolai Pawlowitsch, dem jüngeren Bruder und Thronfolger des Zaren, und Prinzessin Charlotte von Preußen, der ältesten Tochter von Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, nicht nur eine dynastische Zwangs-, sondern eine echte Liebesheirat gewesen ist.

Nikolai war 17, Charlotte erst 15 Jahre alt, als sie sich im März 1814 erstmals in Berlin begegneten. An ihren Bruder, den späteren König Friedrich Wilhelm IV., schrieb die mindestens ebenso schwärmerisch veranlagte Preußenprinzessin über ihren Zukünftigen: „Ich weiß nicht viel mehr (...), als dass er mir gefällt, und ich glaube sicherlich, mit ihm glücklich sein zu können.“ So haben es die beiden dann wohl auch erlebt. Charlotte war eine feingeistig-ätherische Erscheinung, die mit ihrem Kronprinzen-Bruder die Ritter- und Schauergeschichten des Romantikers Friedrich de la Motte Fouqué verschlang und lange Briefe schrieb. Ihr russischer Bräutigam interessierte sich für Technik und liebte alles Militärische. Noch als Zar soll er, so ein Beobachter, „ein gefürchteter und peinlich unduldsamer Kenner des militärischen Kleindienstes“ gewesen sein.

Die Kunst, die damals – 1817 wurde nach eineinhalbjähriger Verlobungszeit geheiratet – an beiden Höfen en vogue war, spiegelt beides: „preußische“ Nüchternheit und „slawischen“ Überschwang. Andererseits: Wer heute etwas genauer hinschaut, wird schnell feststellen, dass man mit nationalen Stereotypen nicht weit kommt. Preußens Stararchitekt Karl Friedrich Schinkel etwa, der auch für die russische Verwandtschaft tätig geworden ist, war alles andere als eine kleinlich-nüchterne Natur. Sein St. Petersburger Gegenspieler Carlo Rossi entwarf das städtebaulich gedachte Halbrund des vis-à-vis vom Winterpalais liegenden Generalstabsgebäudes. Es changiert zwischen großer Geste und akademischer Pedanterie.

Schinkel ist, neben seinen vielfältigen Aufgaben als Baubeamter und Hofarchitekt, so etwas wie der Chefdesigner der russischdeutschen Königsfreundschaft gewesen. Zwei rauschenden preußischen Hoffesten, die das Bündnis besiegeln sollten, hat der umtriebige Universalkünstler seinen Stempel aufgedrückt. 1821 besuchte das russische Thronfolgerpaar – aus Charlotte war Alexandra Fjodorowna geworden – Berlin und Potsdam. Nach dem Versepos „Lalla Rookh. An Oriental Romance“ des irischen Dichters Thomas Moore gestaltete Schinkel lebende Bilder, zur Musik des gerade inthronisierten Berliner Generalmusikdirektors Gaspare Spontini. Charlotte spielte und tanzte die Rolle der Prinzessin Lalla Rookh (Tulpenwange), Nikolai Pawlowitsch die ihres Bräutigams Aliris. Am 13. Juli 1829, anlässlich des 31. Geburtstags von Charlotte, folgte dann im Potsdamer Neuen Palais das Fest der Feste. Prächtigeres hat der preußische Hof nie zuvor und danach gesehen. Der „Zauber der Weißen Rose“ leitete sich von Charlottes jugendlichem Kosenamen „Blanchefleur“ ab, einer Protagonistin aus de la Motte Fouqués Roman „Der Zauberring“. Er gehörte zur Lieblingslektüre der Kinder von Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise. Für den in Gestalt eines mittelalterlichen Ritterturniers zelebrierten Rosenzauber entwarf Schinkel Choreografie und Kostüme - einschließlich der Ehrengeschenke: silberne, vom Berliner Hofjuwelier Hossauer gefertigter Pokale.

Die königlichen oder kaiserlichen Mitspieler konnten sich ihrer angestammten Rolle „von Gottes Gnaden“ nicht mehr sicher sein. Die Kunst, die wir heute als Beleg russisch-deutscher Nähe aufrufen, war oft eine Privatangelegenheit der oberen Dreidutzend. Doch zugleich entstand auch Staatskunst. Die Berliner Maler Eduard Gaertner und Franz Krüger, die seit den 1830er Jahren nach Russland reisten, lieferten Offizielles: Krüger „Staatsporträts“ des russischen Hochadels, Gaertner ein im Auftrag König Friedrich Wilhelms III. entstandenes dreiteiliges Moskau-Panorama.

Die individuelle hochadelige Geschmackskultur wird in den Privatparks und Hinterzimmern der Regierenden deutlich. Was die Hohenzollern in Potsdam mit einer durch den Gartengestalter Peter Joseph Lenné umgeformten Parklandschaft vorantrieben, versuchten Nikolaus I. und Alexandra Fjodorowna in Peterhof aufzugreifen. Hier wie dort: romantische Gartenpartien, empfindsame Ausblicke, sentimentale Erinnerungsarchitekturen.

Erinnerung spielte eine zentrale Rolle in den privaten, biedermeierlich oder neogotisch eingerichteten Wohnräumen der beiden Herrscherfamilien. Im vorfotografischen Zeitalter wurden solche Räume in aquarellierten Zimmerporträts verewigt, die man in Alben sammelte und den neugierigen Verwandten als Andenken schickte. Memorabilien erster Güte waren die Geschenke, die damals von Russland nach Preußen und umgekehrt gewandert sind. Zu ihnen gehören bis zu zwei Meter hohe Prunkvasen der Berliner und St. Petersburger Porzellanmanufakturen. Oder der filigrane eiserne Faltstuhl aus der russischen Waffenschmiede Tula, der seit 180 Jahren im Schloss Charlottenhof steht. Beliebt war zudem der gehobene Nippes aus russischen Schmucksteinen. Zu ihrer Popularisierung haben die Exkursionen Alexander von Humboldts in den Ural, den Altai und ans Kaspische Meer beigetragen.

Anders als heute wollten die VIPs von damals mit ihrem Geschmack öffentlich wirken. Ob Schloss Charlottenhof in Potsdam-Sanssouci oder das neogotische Cottage in Alexandria, einem neu angelegten Parkteil von Peterhof: Es ging, ganz im Geist der Aufklärung, immer auch um die ästhetische Erziehung der Untertanen. Mit konträren nationalen Ergebnissen: Stellte St. Petersburg mit seinen westlichen Kulturexkursen im russischen Selbstverständnis seit der Gründung ein „Fenster nach Europa“ dar, muss die Berlin-Potsdamer Kultur- und Schlösserlandschaft als raffiniert inszenierter Ausblick nach „Weitweitweg“ gelesen werden. Das in Potsdam gebotene Spektrum reichte von Südseeromantik à la Rousseau im Schloss Pfaueninsel, dem dortigen maurischen (um 1880 abgebrannten) Palmenhaus Schinkels über idealantikes Italien in Charlottenhof und englische Tudorgotik in Babelsberg bis zum Schweizerhausstil in Klein-Glienicke. Russische Reminiszenzen ließen sich in diese höfische Erinnerungslandschaft mühelos einfügen. Gern auch in gewagter Stilmischung.

Bereits 1819 hatte Friedrich Wilhelm III. als Erinnerung seiner Russlandreise von 1818 am Ufer der Havel gegenüber der Pfaueninsel ein russisches Blockhaus mit Stallungen im Untergeschoss und einer Teestube im Obergeschoss errichten lassen. Der Entwurf kam aus St. Petersburg - wahrscheinlich von Carlo Rossi - und stellt ein frühes Zeugnis russischer Rückbesinnung auf nationale volkstümliche Architekturtraditionen dar. Der preußische König benannte das Haus in Erinnerung an seinen Schwiegersohn Nikolskoe und schenkte es 1820 seiner Tochter. Bis 1837 wurde dieses Ensemble nach Anregungen Schinkels und des Kronprinzen durch Friedrich August Stüler und Albert Dietrich Schadow um die Kirche St. Peter und Paul erweitert: ein klassizistischer Saalbau mit „russischer“ Zwiebelkuppel und hölzernem Vorbau. Typisch Potsdam: anything goes.

Am Russischsten wird die Potsdamer Erinnerungslandschaft in der Jägervorstadt, nördlich des barocken Stadtkerns. Dort ließ Friedrich Wilhelm III. 1826 die Kolonie Alexandrowka errichten - als „Denkmal der Freundschaft“ zwischen ihm und seinem verstorbenen Freund Alexander I. Die Siedlung aus traditionellen russischen Holzhäusern in einer von Lenné entworfenen Gartenanlage wurde für die seit 1812 in Potsdam verbliebenen und inzwischen meist verheirateten russischen Sänger-Soldaten des 1. Garderegiments gebaut. Gekrönt wird die Anlage von der 1827 geweihten Alexander-Newski-Kapelle, dem ältesten russisch-orthodoxen Kirchenbau Westeuropas. Vergleichbare Musterdörfer mit wiederbelebter „altrussischer“ Baukunst hat es auch nahe von Peterhof und Pawlowsk gegeben. Dort haben sie sich nicht erhalten. Alexandrowka – heute Bestandteil des Potsdamer UnescoWeltkulturerbes – kommt eine Schlüsselstellung nicht nur in der deutschen Architekturgeschichte zu.

In Peterhof, Zarskoje Selo und anderen Parks um St. Petersburg hingegen wurden die „italienischen“ Potsdamer Turmvillen von Schinkel und Ludwig Persius kopiert. Andrei Stackenschneider, ein deutschstämmiger Architekt, war ihr Meister. Auf der Zarizyn-Insel in Peterhof baute er für Alexandra Fjodorowna einen Pavillon - nach dem Vorbild der Römischen Bäder in Sanssouci. Alexandras Bruder König Friedrich Wilhelm IV. ließ es sich als begeisterter Hobbyarchitekt nicht nehmen, Stackenschneiders Entwürfe zu überarbeiten.

Friedrich Wilhelms architektonischer Mentor Schinkel kam am Petersburger Hof nur einmal zum Zuge – 1831 mit der Alexander-Newski-Kapelle in Alexandria. Die russisch-orthodoxe Kapelle in mitteleuropäisch-gotischen Formen hat Schinkel, der sich wegen Arbeitsüberlastung die geplante Russlandreise versagen musste, jedoch selbstkritisch als „sehr abnorm“ bezeichnet.

Auch sonst hatte Preußens Stararchitekt in Russland kein Glück. Den Auftrag zum Bau der Neuen Eremitage, des großartigen St. Petersburger Universalmuseums, erhielt Schinkels Münchner Konkurrent Leo von Klenze. Ende der 1830er Jahre immerhin hatte man ihn aufgefordert, Pläne für einen kaiserlichen Palast in Orianda auf der Krim zu liefern. Sie gehören zum Raffiniertesten und Großartigsten spätklassizistischer Baukunst. Alexandra Fjodorowna schrieb allerdings irritiert nach Berlin: „Warum macht er nicht noch eine kleinere Möglichkeit statt dieser Unmöglichkeit“ und befürchtete „überdem zu Greisen werden (zu) möchten, ehe der Bau vollendet.“ Einer wie Schinkel war selbst für Russland ein paar Nummern zu groß.

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