Zeitung Heute : „Auf Augenhöhe kommen“

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, will, dass die Paralympics die gleiche Anerkennung wie die Olympischen Spiele bekommen

Herr Beucher, wie beurteilen Sie die Paralympischen Spiele in Vancouver?

Sie sind ein weiterer und wichtiger Schritt in mehr Professionalität, mehr Öffentlichkeit, mehr Topleistungen und mehr Zuschauerinteresse.

Wissen Sie, was die Kanadier dazu bewegt hat, zum aller ersten Mal die paralympische Flagge und die olympische Flagge nebeneinander zu hissen?

Das ist das Ziel der paralympischen Bewegung ist, auf Augenhöhe mit den olympischen Sportlern zu sein. Augenhöhe heißt gleiche Anerkennung, gleiche Stadien, gleiche Wettkampfstätten und natürlich auch gleiche öffentliche Wahrnehmung. Und das ist schön für paralympische Athleten, die vor zwanzig Jahren noch irgendwo in einem kleinen Skiort auf der Welt ihre Wettkämpfe austrugen und außer den mitreißenden Betreuern, Trainern, Physiotherapeuten, Freunden und Leuten in den Orten, wo sie gewohnt haben, hat das niemand bemerken können.

Wie sind Sie denn mit dem bisherigen Abschneiden der deutschen Mannschaft zufrieden?

Das Abschneiden ist sensationell! In dieser großen Erfolgsserie war es auch nicht zu erwarten, weil im Laufe der letzten zwölf Jahre der paralympische Wintersport doch ungeheuer in die Breite gegangen ist. Das heißt, viele Nationen haben sich zum Teil auf einzelne Wettkampfarten spezialisiert.

Die Spiele in Vancouver sind Ihre ersten als Präsident des DBS – wie haben Sie diese wahrgenommen und gibt es vielleicht etwas was Sie kritisieren würden?

Also einen schöneren Einstieg kann man sich ja eigentlich gar nicht wünschen nach so kurzer Amtszeit. Nun ist es aber auch nicht so, als ob ich mich jetzt neu, wie ein frischgeborenes Kalb, hier in den Stätten bewegen würde. Ich bin dem deutschen Behindertensportverband, wie auch der paralympischen Bewegung nun schon seit Jahren verbunden. Aber das gestehe ich gerne zu: Diese Situation mit diesen Topleistungen und Teamleistungen – denn ich werde nicht müde zu sagen, dass hinter jeder paralympischen Medaille ein Team steckt, vom Trainer angefangen über den Physiotherapeuten, die Betreuer, die Helfer, die Techniker, die Ärzte und die Teamchefs, ist schon besonders schön.

Wohin wollen Sie das deutsche Team bis zu den nächsten Winterspielen bringen?

Das ist eine riesige Aufgabe, weil Leistungsträger aus persönlichen Gründen wie auch aus Altersgründen ausscheiden. Aber hier haben einige junge Athletinnen und Athleten auf sich aufmerksam gemacht: Ich fange mit Anna Schaffelhuber an, die die Fahne bei der Closing Ceremony tragen wird – eine gerade erst 17 Jahre alt gewordene Rollstuhlfahrerin fährt bei ihren ersten Paralympics über Platz vier in die Medaillenränge und holt ein Bronze, was für sie und für uns goldenen Glanz und goldenen Wert hat. Andrea Rothfuß war das Küken in Turin 2006 und holt hier in bisher jedem Wettbewerb eine Medaille. Thomas Nolte und Franz Hanfstingl bei den Sitzenden, um jetzt im Alpinen zu bleiben. Aber das heißt für uns im Behindertensportverband Sichtungslehrgänge, Förderlehrgänge, Trainingslehrgänge und das Zusammenstellen einer schlagkräftigen Mannschaft für 2014.

Sie haben bereits erwähnt, dass viele Leistungsträger aufhören – was muss getan werden? Auch im Bezug darauf behinderte Jugendliche auf den Leistungssport aufmerksam zu machen.

Man muss einfach sehen, wie schwierig der Weg eines jungen Menschen mit Handicap ist, zu einem paralympischen Leistungsstützpunkt zu kommen. Das ist für Menschen mit Behinderung bei uns genauso wie in allen anderen Ländern auch eine logistische Herausforderung. Wir kennen aus den Regelschulen, dass es dort Sportklassen gibt, wir haben Eliteschulen des Sports und wir haben seit Jahrzehnten „Jugend trainiert für Olympia“. Wir starten in diesem paralympischen Jahr zum ersten Mal mit „Jugend trainiert für Paralympics“. Das ist der Start für mich in einen bundesweiten Sichtungslehrgang, was Schülerinnen und Schüler mit Körperbehinderungen und Handicaps zu leisten vermögen und auch zu leisten bereit sind. Diese jungen Menschen müssen wir begeistern, müssen wir gewinnen für unseren Sport. Manche, das weiß ich, die möchten gerne Wintersport treiben. Aber was macht denn einer, wie unser jetzt ausscheidender Athlet Josef Giesen, der auf dem platten niedersächsischen Emsland wohnt? Nicht nur, dass er es sehr weit zum Schnee hat, sondern es wird für ihn dann wahrscheinlich nur ein Angebot für einen Lehrgang in Bayern geben können – was in der Natur der Sache liegt. Da ist es im Nicht-behinderten Sport ohne Zweifel einfacher. Dort ziehen die hoffnungsvollen Nachwuchsathleten oder die mit Kaderperspektive in die jeweiligen Eliteschulen des Sports, die in verschiedenen Wintersportorten anzufinden sind.

Heißt das, dass diese Eliteschulen für behinderte Jugendliche geöffnet werden sollen?

Ja, aber der Sport für Menschen mit Behinderung ist ja nur in der individuellen Höchstleistung mit Nicht-behinderten Sportlern zu vergleichen. An einer Eliteschule des Sports kann kein paralympischer Sportler Athlet sein. Und wenn muss er ja adäquate Vergleiche haben können. Das kann er natürlich nur mit nichtbehinderten Sportlern. Da bleibt uns nur der Weg über Lehrgänge, die temporär angeboten werden. Dafür brauchen wir aber auch viel Verständnis. Zum Beispiel in den Schulen oder bei den Lehrfirmen von denjenigen, die eine Ausbildung machen oder an den Universitäten. Denn das setzt natürlich auch Abwesenheit von Schule, Studium und Beruf voraus. Und damit sind wir auch auf einem Kreislauf, aus dem wir verzweifelt versuchen auszubrechen. Hier haben wir als Vorzeigebeispiel die Topteam-Förderung. Deshalb wünschen wir uns natürlich auch diese Förderung über 2012 hinaus. Da bin ich jedoch hoffnungsvoll: Sowohl Telekom, als auch Allianz haben angekündigt, dass sie sich weiter im Behindertensport engagieren wollen.

Gibt es eine Möglichkeit, die Sie sich vorstellen können, wie gerade nicht-behinderten Kindern und Jugendlichen das Thema Behinderung und der Umgang mit behinderten Menschen als selbstverständlich näher gebracht werden kann? Zum Beispiel durch Besuche der Sportler an Schulen, besonders da wir ja die Paralympics nach Deutschland bringen wollen.

Das gibt es vereinzelt auch schon bei uns. Da kann ich mir sehr gut ein Konzept vorstellen, bei dem wir unsere Sportler in die Schulen schicken. Sowohl in die Regelschulen, als auch in die Schulen für körperbehinderte Kinder. Da können wir auch Öffentlichkeit mit herstellen und ich erlebe immer wieder, wie faszinierend es für junge Menschen ist, einen paralympischen Athleten in der Schule zu erleben und das womöglich noch mit einer Demonstration seiner Sportart.

Was ist für Sie als Präsident des DBS der ausschlaggebende Grund die Bewerbung München um die Paralympics 2018 zu unterstützen?

Olympia und die Paralympics im eigenen Land zu haben ist eine Positionierung des Sports in Deutschland, wie man sie besser gar nicht haben kann. Erinnern Sie sich an die Fußballweltmeisterschaft 2006 – Olympia und Paralympics setzten nochmal einen drauf! Da ist es und muss es meine Aufgabe sein, als Präsident des DBS und des NPC hier in erster Reihe mitzuhelfen, mitzuarbeiten und natürlich auch dafür zu sorgen, dass in der Bewerbung angemessen und auf gleicher Augenhöhe Paralympics vorkommen, wie Olympia! Denn das ist auch eine strategische Frage: In vielen Ländern dieser Welt werden die IOC-Mitglieder, die im Juli 2011 diese Abstimmung zu treffen haben, auch von ihren staatlichen Verbänden und von ihrer jeweiligen Öffentlichkeit gefragt, welchen Stellenwert sie den Paralympics beimessen. Und das ist auch ein Erfolg der paralympischen Bewegung, dass wir hier wesentliche Erfolgsvoraussetzungen haben. Nämlich, das eine Bewerbungsgesellschaft ausreichend die paralympischen Athleten mitberücksichtigt!

Dürfen wir Sie noch fragen, welchen Eindruck Sie bisher von der Paralympics Zeitung haben?

Das ist ein wunderbares Projekt!

Erstens können wir ein ganz andere Altersgruppe erreichen. Zweitens ist es ein wunderbares internationales Projekt. Sie lernen hier vor Ort kanadische Jugendliche kennen und diese lernen Sie kennen. Und drittens lernen Sie im Hinblick auf das Berufsleben, was es heißt unter Zeitdruck zu arbeiten, Interviews zu organisieren und auf den Punkt einen Artikel abzuliefern. Das heißt Sie werden aus ihrem Schülerleben heraus in eine Produktionsmaschinerie hineingedrückt und müssen noch vernünftige Arbeit ableisten. Das Gefühl habe ich schon in der Jury gehabt – ich habe selten von Jugendlichen so tolle und mitreißende Texte gelesen, wie die mit denen Sie sich beworben haben.

Das Gespräch führten

Annemieke Overweg (18), Leonie Arzberger (19) und Tassilo Hummel (18)

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