Zeitung Heute : Auf das Ganze kommt es an

Die Ankündigung von Kanzler Schröder, den Parteivorsitz zu räumen, kam überraschend. Auch für die aufgebrachten Genossen an der SPD-Basis. Im thüringischen Arnstadt hatte Nachfolger Franz Müntefering seinen ersten Auftritt. Und zeigte, warum er der bessere Chef sein könnte.

Antje Sirleschtov Peter Siebenmorgen

Von Antje Sirleschtov und

Peter Siebenmorgen

Dass da etwas im Busch ist, haben sie schon seit Tagen gemerkt im Umfeld von Gerhard Schröder. Aber nicht was, und auch nicht, dass jetzt. Denn einer der beiden wichtigsten Helfer des Kanzlers, Kanzleramtschef Steinmeier, ist ausgerechnet in dieser Woche in Südtirol im Urlaub. Ohne diesen Ratgeber an seiner Seite werde Schröder wohl kaum etwas Wichtiges unternehmen. Trugschluss Nummer eins: Denn erstens ist Steinmeier einer der ganz wenigen, die schon seit Wochen in die Pläne des Kanzlers eingeweiht sind. Und zweitens auch in der Umgebung von Bozen gibt es Telefone. Trugschluss Nummer zwei: Mit allem hatten sie gerechnet. Einer der Regierungssprecher, der um die Unzufriedenheit des Regierungschefs mit der Darbietung seiner Politik weiß, hatte Mitte der Woche sogar schon einmal vorsichtig neue berufliche Perspektiven sondiert. Dass der Chef aber ausgerechnet sich selbst in seiner Rolle als Parteichef auswechseln würde, damit hatten selbst jene, die tagtäglich viele Stunden mit Gerhard Schröder zu tun haben, bis zuletzt nicht gerechnet.

Auch nicht die Genossen des SPD-Landesverbandes Thüringen, die sich am Freitagabend in Richtung Arnstadt aufmachen und auf Krawall gebürstet sind. Schon am späten Nachmittag haben sich einige von ihnen mit Plakaten und Megafonen vor der Stadthalle postiert. Denn nur diese eine schmale Straße kann der Wagen von Bundeskanzler und SPD-Chef Gerhard Schröder nehmen. Und dem wollten sie mal richtig ihre Meinung sagen, über diese ungerechten Reformen der Regierenden im fernen Berlin.

Doch Gerhard Schröder kommt nicht. Nicht zur abendlichen Eröffnung der Weltmeisterschaften im Biathlon ins nahe gelegene Oberhof, da schickte er kurzerhand seinen Ostbeauftragten Manfred Stolpe hin. Und auch nicht, um sich anschließend bei dem abendlichen Treffen in der Stadthalle den Frust der Genossen in Arnstadt anzuhören. „Der Gerd“, sagte der statt Schröder angereiste Franz Müntefering, „der hat heute abend ’ne Menge andere Sachen zu tun.“

Nun also Müntefering, von dem sie an diesem Abend hier im Süden Thüringens sagen, er sei einer, der die Seele der Partei streicheln könne. Doch ob nun alles besser werden wird, da nun nicht mehr Schröder, sondern Müntefering an der Spitze der Sozialdemokraten steht? „Ist doch alles nur Gackelkram“, winkt der Wöhner Frank, seines Zeichens Fraktionschef in Meinigen, ab. Nächste Woche, da müssen sie wieder in den Wahlkampf raus, er und seine 70 Genossen in Meiningen. Und er wird sich wieder beschimpfen lassen müssen, für das Schröpfen der armen Alten durch die Gesundheitsreform und für die Einsparungen bei den Renten selbstverständlich auch. Einerlei, ob sein Parteichef nun Schröder heißt oder Müntefering. Verdammt knappe 128 Tage sind es noch bis zur Landtagswahl in Thüringen.

Und doch verläuft dieser Auftritt des designierten Parteichefs an diesem Abend so ganz anders, als die paar hundert Leute unten im Saal das Treffen mit ihrem Vorsitzenden geplant hatten. Weil nicht der Vordenker der Agenda 2010 zu ihnen spricht. Es ist eben nicht dieser Kanzler aus dem schicken Kanzleramt in Berlin, der ins kleine Arnstadt gekommen ist, um sie mal eben davon zu überzeugen, dass seine Visionen von den Sozialreformen die richtigen sind. Und es ist auch nicht der Kanzler, der von ihnen verlangt, dass sie, die SPD-Mitglieder an der Basis, seine Politik in Wahlkämpfen vertreten, obwohl sie die doch überhaupt nicht verstehen.

Den Kanzler, den konnten sie beschimpfen und ihm mal richtig die Meinung geigen. Doch bei Müntefering – da geht das nicht. Jedenfalls nicht so einfach. Natürlich hat auch Schröder den Genossen bei jedem Auftritt eine ganze Stunde lang von sich erzählt. Von seiner Familie, von seinem Weg in der Partei, die er einst zu seiner politischen Heimat gewählt hatte, weil sie für Gerechtigkeit und soziale Balance stand. Und das macht auch Müntefering, denn die Arbeitervergangenheit gehört ja zum guten Ton in der SPD.

Aber Münteferings Geschichte unterscheidet sich in einem Punkt von der des Kanzlers. Und der ist ganz wesentlich für seine Glaubwürdigkeit bei den frustrierten Genossen: Auch er hat das Reformcredo des Kanzlers ganz zu Anfang nicht geglaubt, musste überzeugt werden, dass Deutschland tiefgehende Reformen braucht. „Klar“ sei auch er einer gewesen, sagt Müntefering, für den das Wachstum etwas Selbstverständliches ist. Und auch er habe es den Reichen nehmen wollen, um es an die sozial Benachteiligten zu verteilen.

Doch die Welt ist anders geworden. Kein Wachstum, Konkurrenzdruck aus Asien und Amerika und das über allem schwebende Demografieproblem: „Ich musste das erst lernen“, gibt Münte zu und appelliert an die Seinen: „Ihr könnt das auc.h.

Am Ende dieses langen Abend, als der kommende Parteichef nach mehr als drei Stunden Diskussion sichtbar erschöpft in seine silbergraue Limousine steigt und in Richtung Berlin aufbricht, hat er wohl noch keinen der Thüringer Genossen von der Richtigkeit der Regierungspolitik überzeugt. Dafür sitzt der Ärger der Menschen zu tief. Aber er hat etwas anderes geschafft: Müntefering hat die Agenda 2010 des Kanzlers so erklärt, dass man sie, wenn man will, auch verstehen kann. Wie das? Zum Beispiel, indem er daran erinnert, dass die gesetzliche Krankenversicherung kein Selbstbedienungsladen ist, in dem jeder möglichst das rausholt, was er eingezahlt hat. Und indem er mit den Händen Steuerdiagramme in die Luft malt und erklärt, warum auch die Kleinverdiener ein Interesse daran haben müssen, dass der Spitzensteuersatz gesenkt wird.

Mindestens fünfmal sagt Franz Müntefering an diesem Abend in Arnstadt, dass „es kein Geld mehr zum Verteilen gibt“ und dass niemand darauf hoffen soll, dass die SPD unter seiner Führung „eine Rolle rückwärts macht“. Weiter so unter Franz? Nicht ganz. Denn Müntefering hat nach Arnstadt nicht nur Erklärungen mitgebracht. Er nimmt auch etwas mit zurück, hat zugehört und sich sorgfältig jede Ermahnung seiner Genossen notiert. Die Menschen fühlen sich zur Abwechslung wieder einmal ernst genommen.

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