Zeitung Heute : Auf Dauer hilft nur Stellungs-Wechsel

Der „gesunde“ Büroarbeitsplatz ist nicht nur eine Frage des Mobiliars. Wie man fit und beweglich bleibt

Adelheid Müller-Lissner

Der typische Arbeitsplatz ist ein Schreibtisch. Jedenfalls in hoch industrialisierten Ländern: In Deutschland arbeiten 17 Millionen Menschen in Büros – und drei von vier Berufstätigen tun dies heute überwiegend im Sitzen. Das hat auch die Schwerpunkte von Arbeitschutz und Arbeitsmedizin verändert. Im „Preußischen Regulativ“, dem ersten Arbeitsschutzgesetz von 1839, war die Einschränkung der Kinderarbeit in Fabriken noch ein zentraler Punkt, später stand vor allem der Schutz vor Berufsunfällen und -krankheiten im Mittelpunkt. Heute sind es überwiegend die sauberen und ruhigen Arbeitsplätze, die krank machen.

Die meisten Ausfalltage haben die „kaufmännisch-verwaltenden“ Berufe. Und 30 Prozent aller Krankmeldungen haben ein Problem des Muskel-Skelett-Systems als Grund. Sind schlecht ausgestattete Büros die Ursache? Oder sind es vielleicht unzureichende Verordnungen, der falsche Gebrauch von Mobiliar und Technik – oder sogar die Büroarbeiter selbst, die für ihre Rückenbeschwerden und schlechten Augen verantwortlich sind?

Tatsächlich ergab eine Zielgruppenbefragung vom „Deutsche Büromöbel Forum“ im Jahr 2003, dass fast fünf Millionen deutsche Büroarbeitsplätze mangelhaft sind. Vor allem hapere es an vernünftigen Drehstühlen. Was „vernünftig“ ist, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in ihrer Broschüre „Wohlbefinden im Büro“ (www.baua.de) in einer Checkliste zusammengestellt, mittels derer man den perfekten Bürostuhl erkennen kann: körpergerechte Sitzfläche und Rückenlehne, höhenverstellbar mit der Möglichkeit, die Rückenlehne schräg zu stellen. Bilden Ober- und Unterarm einen rechten Winkel, sitzt man korrekt vor dem Bildschirm. So ist es in der Bildschirmarbeitsverordnung festgelegt. Dort steht genau, wie Tisch, Stuhl, Beleuchtung und Monitor beschaffen sein müssen, und dass der Abstand zwischen einem 15-Zoll-Monitor und seinem Benutzer mindestens 50 Zentimeter betragen muss. Die Augen sollten sich dabei in Höhe des oberen Bildschirmrands befinden.

Im „gesundheitsgerechten“ Büro wird also vor allem erst einmal Platz gebraucht. Zehn bis 15 Quadratmeter Fläche sollten pro Mitarbeiter schon vorhanden sein. Der Schreibtisch muss 160 mal 80 Zentimeter Platz bieten, bei ausreichendem Spielraum auch für die Mitarbeiter mit den längsten Beinen. Sogar die „Rückrolltiefe“ des Bürostuhls, also der Platz dahinter, ist in der Arbeitsstättenverordnung festgelegt, und zwar mit einem Meter.

Denn wichtiger noch als die Möblierung des Büros ist der Bewegungsspielraum des Schreibtischtäters. Das Festsitzen ist es, was (nicht nur) dem Rücken wirklich schadet. Auch wenn die Kollegen davon genervt sind, sollte man sich möglichst oft eine Änderung der Sitzposition gönnen, sich räkeln und strecken, ab und zu aufstehen und vielleicht sogar die „Verkehrswege“ des Großraumbüros (mindestens 80 Zentimeter breit müssen sie laut Verordnung sein) für einen Spaziergang nutzen.

Experten für Ergonomie und Physiotherapeuten raten, möglichst viele Tätigkeiten stehend zu verrichten: Stehpults sind eine prima Alternative, wenn man telefoniert oder den PC gerade nicht braucht. Dass man sich heute die meisten Informationen aus dem Netz holen kann, statt zu den Karteikarten oder sogar in die Bibliothek zu gehen, ist zumindest für die körperliche Gesundheit der Mitarbeiter kein Fortschritt. Der psychische Stress wird durch das viele Sitzen sogar eher größer. Die meisten Flüche in deutschen Büros richten sich nicht gegen mobbende Kollegen, sondern gegen störrische Rechner.

Will sagen: Ob ein moderner Arbeitsplatz „gesund“ ist, hängt ganz entscheidend auch von der Beschaffenheit der Software ab, mit der man sich dort herumschlagen muss: Wie schnell kann man das neue Programm erlernen, wie gut passt es sich individuellen Voraussetzungen an, wie gut toleriert es menschliche Fehler? Von Bedeutung ist auch, welche Programme und Strategien ein Unternehmen für den Umgang mit der Informationsflut durch E-Mails anzubieten hat.

Gut für die 17 Millionen Büro-Arbeiter in Deutschland, wenn sie Pause machten – vom Bildschirm und überhaupt. Fünf bis 15 Minuten pro Stunde sollten es laut BAuA idealerweise sein. Nicht zuletzt wegen der Augen, die – trotz hoffentlich guter Allgemein- und Einzelplatzbeleuchtung und flimmerfreier Bildschirme im Büro – grundsätzlich darunter leiden, wenn die Blicke nicht schweifen dürfen. In den Pausen sollte man deshalb bewusst den Blick immer wieder auf ferne Objekte richten – und auf die Pflanzen im Büro.

Eine Untersuchung der Bayerischen Landesanstalt für Gartenbau und Weinbau ergab jedenfalls, dass Büros mit Pflanzen von der überwältigenden Mehrheit als angenehmer empfunden werden als solche ohne. Vermutlich haben die Gartenbau-Profis für ihre Studie besonders wohl geratene und gut gepflegte Topfpflanzen-Exemplare ausgewählt. Von der Ästhetik abgesehen, sorgt das Grün aber auch für höhere Luftfeuchtigkeit und damit vor allem in der winterlichen Heizperiode für ein besseres Raumklima.

Mit der elektronischen Datenverarbeitung haben auch neue Geräusche im Büro Einzug gehalten. Mit dem Lärm, den etwa ein Presslufthammer erzeugt, sind sie natürlich nicht zu vergleichen. Doch eine Studie der BAuA, für die 32 Personen mit Büroerfahrung sich für einen fünftägigen Versuch zur Verfügung stellten, zeigte deutlich, dass sie trotzdem Einfluss auf die Arbeit haben. Die Versuchspersonen mussten sieben „bürotypische“ Aufgaben wie Prüfung von Rechnungseingängen, Bewertung von Angeboten oder Verfassen von Texten erledigen. Dabei herrschte entweder Ruhe, oder es wurden teils kontinuierliche Geräusche, teils typische Bürotöne wie Telefonklingeln oder das Surren des Druckers eingeblendet. Das Fazit der Studie: „Bei Geräuschen mit relativ hoher Intensität und Informationshaltigkeit sinkt die Leistung, wenn die Komplexität der Aufgabe steigt.“ Weil nicht alle Geräte abseits stehen können, empfehlen sich auch für manche Tätigkeiten im Großraumbüro Kopfhörer.

Doch wirklich „gesund“ ist auch der perfekteste Büro-Arbeitsplatz nur, wenn man ihn oft genug verlässt. Und sei es nur, um draußen kurz Luft zu schnappen. Als Fluchtweg empfiehlt sich die Treppe, nicht der Aufzug.

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