Zeitung Heute : Auf dem Boden der Tatsachen

Franz Maget stand schon vor der Wahl als Verlierer fest – auch weil die Bundesspitze ihn kaum unterstützt hat. Trotzdem sagt der SPD-Spitzenkandidat, dass es eine Ehre gewesen sei, anzutreten. Und vielleicht wäre es ohne ihn noch schlimmer gekommen.

Matthias Meisner

Keiner hat damit gerechnet, dass die „Maget-gewinnt-Tour“ Bayerns SPD zum Sieg führt. Den Genossen ging es im günstigsten Fall um einen Achtungserfolg, um eine Vorlage für die Landtagswahl in fünf Jahren. Stattdessen kam der Absturz ins Bodenlose. 17 Minuten nach Schließung der Wahllokale tritt Spitzenkandidat Franz Maget am Sonntagabend vor die Kameras im Münchner Landtag und spricht von einer Niederlage „wie sie schwerer kaum sein kann“. Von wegen der CSU „in ihrer Arroganz“ einen Dämpfer zu geben, wie er es noch am Donnerstagabend beim Wahlkampfabschluss auf dem Münchner Nockherberg als Ziel verkündet hatte.

Je näher der Wahltag rückte, umso klarer war Bayerns Sozialdemokraten geworden, dass es nur noch um die Höhe der Niederlage ging. In den Umfragen war die Freistaat-SPD unter die magische Marke von 25 Prozent gerutscht, jenen Wert also, den Landeschef Wolfgang Hoderlein mal als Untergrenze für eine Volkspartei angegeben hatte. „Wer weiß, wie groß das Debakel gewesen wäre, wenn ich mich nicht so reingehängt hätte“, sagte Maget vor dem Wahltag. Als er am Sonntagmorgen seine Stimme in München-Milbertshofen abgibt, wirkt er angespannt. „Jetzt ist das ungute Gefühl, ich kann nichts mehr herausholen.“ Als alles gelaufen ist, spricht der Kandidat vom „beispiellosen Stimmungstief“ der SPD, und dass er doch sein Bestes gegeben habe. Der Gegenwind aus Berlin, die fehlende Mobilisierung der Basis, das Desinteresse des Kkanzlers – jetzt ergibt sich für die SPD in Bayern daraus das mit Abstand schlechteste Nachkriegsergebnis.

Dabei hat er gekämpft. „Eine Ehre“ sei es, für die SPD in Bayern als Spitzenkandidat anzutreten, für eine so „traditionsreiche Partei“, so hat es der Fraktionsvorsitzende zu Beginn des Wahlkampfs begründet. Ein Kreuzweg in 500 Stationen durchs Land, 30 000 Kilometer unterwegs, 19 Stunden am Tag – und immer lächeln dabei. Als „Spitzenkraft für Selbstmotivation“ erschien der Spitzenkandidat den Beobachtern. Von Depressivität kaum eine Spur, obwohl der 49-Jährige schon im Wahlkampf allen Grund dazu gehabt hätte. Schon früh beklagte er, dass es nicht gelinge, die erfolgreichen Kommunalpolitiker der SPD in Bayern zur Lokomotive im Wahlkampf zu machen. Magets Unermüdlichkeit derweil fiel zwar auf, aber sie kam nicht an. Der beispiellose Kraftakt, Maget immer locker, brachte die SPD nicht aus der 20-Prozent-Ecke heraus. Als die ersten Prognosen vorliegen, tritt ein zerknirschter Wolfgang Hoderlein vor die Kameras des Bayerischen Rundfunks, spricht von einer „brutalstmöglichen Abstrafung“. „So schlecht wie diesmal war es nie“, sagt der SPD-Landeschef. Und dass es der CSU gelungen sei, die Landtagswahl „zu einer Bundestagswahl zwo zu machen“.

Dabei ist Maget meist fair geblieben zu denen in Berlin, die ihm, so die gängige Einschätzung in München, die Chancenlosigkeit erst so richtig eingebrockt haben. Der Kurs Gerhard Schröders sei richtig, versicherte Maget noch im Sommer. Erst später klagte er, dass die Reformpolitik im Bund SPD-Stammwähler verunsichere. Schröder bedankte sich für die freundlichen Worte Magets sowieso nicht: Zwei Mal kam er zum Wahlkampf vorbei, einmal wurde Maget von Schröder gelobt. Kanzler-Schelte für Edmund Stoiber? Fehlanzeige. Angesprochen auf solche Wahlhilfe, äußerte sich Maget sehr diplomatisch. Es sei halt ein eher staatsmännischer Auftritt des Kanzlers gewesen, meinte er. Wie so oft nahm der designierte Verlierer die Sache mit ironischer Distanz zur Politik: „Wir ham’s net leicht, aber die anderen auch net.“

Die anderen – das waren eben nicht nur die von der CSU, die Maget als Gegner nur belächelten. Erst recht, nachdem der SPD-Kandidat Anfang August einen überdimensionierten Fehdehandschuh vor die Münchner Staatskanzlei auf den Boden warf, um ein TV-Duell mit dem Ministerpräsidenten zu erzwingen. Vergeblich. Die anderen, das waren auch die eigenen Parteifreunde, die so wenig taten, um dem bayerischen Spitzenkandidaten zu helfen. Münchens Oberbürgermeister wenigstens machte zum Wahlkampfabschluss die Bundesregierung für die sich abzeichnende Niederlage verantwortlich: „Wie in Niedersachsen und in Hessen bläst uns der bundespolitische Wind eisig ins Gesicht.“

Im Sommer war Maget schon sicher, dass Sigmar Gabriel im Februar in Niedersachsen wegen des äußeren Umfeldes „gar keine Chance“ gehabt habe. Und Maget selbst? Eine positive Grundstimmung wie vor fünf Jahren, als die Leute Helmut Kohl weghaben wollten, fehlte diesmal, stellte er dann selbst fest. An diesem Montag tagen die Gremien, erst in Berlin, dann in München. Der DGB-Landesvorsitzende Fritz Schösser, ein SPD-Bundestagsabgeordneter, warnt vor Personaldebatten: „Franz Maget muss den Karren auch weiter ziehen.“ Der Wahlverlierer wird wohl SPD-Fraktionschef im Münchner Landtag bleiben. Aus dem Fehler, Führungspersonal nach Niederlagen ins politische Abseits zu stellen, will man gelernt haben. Ludwig Stiegler aus Bayern, Vize-Chef der SPD im Bundestag, hat schon im Wahlkampf vorgebaut: „Bei der momentanen Stimmung im Bund würde es uns nicht einmal helfen, wenn Karol Wojtyla für uns antreten würde.“

Maget selbst bemühte am liebsten das Bild vom Kampf Davids gegen Goliath, wenn er den Wahlkampf beschrieb. Doch er blieb am Sonntagabend ohne Trost. Selbst in seinem Wahlkreis verlor er mit 39,8 gegen 42,5 Prozent der Erststimmen gegen die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier, gegen die er noch 1994 und 1998 gewonnen hatte. Noch einmal zwingt sich Maget am Sonntagabend ein Lächeln ab: „Wir werden auch diese Situation durchstehen.“

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