Zeitung Heute : Auf dem Brautmarkt den Mann aussuchen - Bei den Berbern im südlichen Marokko

Text aus dem Doppelband "Afrika - Kulte[Ri] Feste[Ri]

Rituale und Feste der "Einheimischen" zu erleben, ist bei Touristen (meistens) willkommene Abwechslung des Urlaubstrotts. Desillusioniert bleibt der Neckermann allerdings zurück, wenn die Bauchtänzerin, die eben noch Tausend-und-eine-Nacht unter dem Wüstenhimmel zelebrierte, hinter dem Beduinenzelt in ihre Jeans schlüpft und sich anschließend auch nicht aufs Kamel, sondern in ihren Suzuki wirft. Ohne Tourismus und Show kommen jedoch noch viele Völker aus. Etwa die Berber im südlichen Marokko.

"Die Berbergruppe der Ait Haddidu kam im 8. Jahrhundert mit dem Islam in Berührung. Sie übernahmen zwar die neue Religion, erhielten sich jedoch ihre Sprache und zahlreiche traditionelle Überzeugungen wie Monogamie und Heiratsbräuche, die dem Islam fremd sind. So wählen sich Berberfrauen ihre Ehemänner oft selbst und verschleiern ihr Gesicht nur bei der Hochzeit. Die Einzigartigkeit einer Ait Haddidu-Hochzeit kann man beim jährlichen Brautmarkt der Berber in Imilchil erleben, der von unberührten Mädchen, geschiedenen und verwitweten Frauen besucht wird, die einen Partner finden wollen. Geschiedene Frauen oder Witwen können sich hier spontan verehelichen und noch am selben Abend mit einem Ehemann heimkehren. Für ein unberührtes Mädchen geht der Heirat ein einjähriges Werben voraus. Die Hochzeit selbst beginnt mit einer Anzahlung seitens des Vaters des Bräutigams, die unter anderem aus Zucker, Datteln, Henna und Tee besteht. Die Feierlichkeiten werden von einem Tanz am späten Nachmittag eingeleitet und erstrecken sich bis in die Nacht. Später schickt dann der Bräutigam ein Maultier mit Geschenken - Kleider und Schmuck - zum Haus der Braut, und am Abend des dritten Tages begibt er sich zu seiner neuen Frau, um die Ehe zu vollziehen. Manchmal geschieht das in einem gemeinsamen Hochzeitszimmer, in dem mehrere junge Paare fünf Tage zusammen leben, ihre ersten sexuellen Erfahrungen machen... Zum Nachweis der Jungfräulichkeit der Braut werden nach dem vollzogenen Liebesakt die benutzten Betttücher vor den Gästen ausgebreitet. In der letzten Nacht hebt der Bräutigam erstmals den Schleier seiner Braut in der Öffentlichkeit, so dass ihre Schönheit von allen gesehen werden kann."Text aus dem Doppelband "Afrika - Kulte, Feste, Rituale", das jetzt in 2. Auflage im Bucher Verlag, München, erscheint. 744 Seiten, 847 Fotos, 298 Mark.

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