Zeitung Heute : Auf dem Gelände des ehemaligen SS-Truppenlagers in Sachsenhausen soll ein Gewerbegebiet errichtet werden

Harald Olkus

Ein Gewerbegebiet auf dem Gelände des früheren SS-Truppenlagers direkt neben dem Konzentrationslager Sachsenhausen - geht das? Am Ort der Täter einfach seinen Geschäften nachgehen, wo die Erde zertreten wurde von den Stiefeln der Peiniger hunderttausender Häftlinge? Über Rationalisierung und Profitmaximierung nachdenken am ehemaligen Sitz von Manfred Eicke, dem Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Totenkopfverbände? Matthias Reese, freier Architekt im Büro von Daniel Libeskind, meint, es gehe: "Das Gelände wird auch jetzt genutzt. Allerdings setzt sich kaum jemand aktiv mit der Geschichte des Ortes auseinander." Das soll sich nach den Planungen des Büros Libeskind ändern.

Ein Großteil des etwa 40 Hektar großen Truppenlagers liegt seit dem Ende der DDR brach. Betonplatten, dürre Gräser und junge Bäumchen bedecken die mit wenigen Gebäuden bestandene Fläche. Blickt man vom großen Appellplatz im Kreis, sieht man zuerst die verrotteten Bretterwände des "Grünen Ungeheuers", früher Wirtschaftsgebäude und SS-Kantine. Daneben ein Kulturhaus und ein flacher Industriebau der NVA - sie hatte das Areal 1950 von der Sowjetarmee übernommen und ohne Bedenken genutzt. In der hinteren Ecke befindet sich ein flacher Bau mit großer Terrasse und zwei monumentalen Schornsteinen - das Heizhaus und SS-Bad. Direkt daran schließen die Hundertschaftsbauten an, Truppenunterkünfte ähnlich den Bauten in Buchenwald. An der Längsseite stehen schließlich mehrere Reihen heruntergekommener Baracken, in denen sich Autoschrauber, eine Spedition und ein Holzlager niedergelassen haben.

Die andere Hälfte des Truppenlagers mit dem T-Gebäude, in dem die Inspektion der Konzentrationslager saß, ist denkmalgerecht restauriert und wird schon seit Jahren vom Oranienburger Polizeipräsidium, dem Straßenverkehrsamt, dem Finanzamt und der Gedenkstätte genutzt. Doch auch der brachliegende Geländeteil soll wieder Verwendung finden. 1993 lobte die Stadt Oranienburg einen Wettbewerb aus, bei dem Daniel Libeskinds Planung mit einem Sonderpreis bedacht wurde.

Doch anders als beim T-Gebäude, das in seiner historischen Form restauriert wurde, will Libeskind einen 40 Meter breiten und 680 Meter langen, betont modern gestalteten Gebäuderiegel quer durch das Gelände ziehen. Diese "Hope Incision", oder "Einschnitt der Hoffnung" soll zweistöckig außerhalb des Truppenlagers beginnen und sich zur Geländemitte hin auf vier Stockwerke erhöhen. Der Kontrast zwischen historischer und moderner Bebauung soll einen Dialog zwischen gestern und heute in Gang setzen und eine Auseinandersetzung mit der Geschichte ermöglichen.

"Die noch vorhandenen Gebäude sind nur zu erhalten, wenn für das gesamte Gelände eine neue Nutzung gefunden wird", sagt Matthias Reese mit Überzeugung. Durch das Aufnehmen "normaler Tätigkeiten" werde das Gelände erst wieder zugänglich gemacht und die Möglichkeit eröffnet, dass die Besucher über die Vergangenheit stolpern. Anfangs seien die Pläne von allen Seiten mit Skepsis aufgenommen worden. "Aber wir wollen weder, dass die Oranienburger in Sack und Asche gehen, noch wollen wir den Tätern ein Denkmal setzen." Seiner Ansicht nach solle man weniger in Kategorien von Schuld und Sühne denken, als in Richtung Verantwortung. "Erst wenn man sich mit der Vergangenheit beschäftigt, wird so etwas wie Bewältigung möglich."

Die nach 1945 entstandenen Gebäude sollen abgerissen und die Lage der ursprünglichen Bauten als "Schatten" sichtbar gemacht werden. Dazu will man im Bereich der ehemaligen Fundamente Folien eingraben, die einen veränderten Bewuchs verursachen. Kiesaufschüttung, gepflügte Flächen, verschiedene Wege durch das Gelände sollen die Verbindungen der einzelnen Gebäude untereinander und zu verschiedenen historischen Bezugspunkten verdeutlichen. Schließlich soll um das "Grüne Ungeheuer" und die Hundertschaftsgebäude ein Wassergarten angelegt werden, der den Zugang nur über Brücken erlaubt. "Auf diese Weise wird ein Verlassen des heutigen Zusammenhangs verdeutlicht", sagt Reese.

Noch will sich niemand über die Kosten für das Projekt äußern. Die hängen ab vom Kaufpreis, den das Bundesvermögensamt für das Gelände veranschlagt und vor allem von den Renovierungskosten für die stark heruntergekommenen Gebäude. Ein Teil des Geldes soll durch den Verkauf von Grundstücken in Bereich der "Hope Incision" hereinkommen, wo mögliche Investoren dann ihre Neubauten gemäß Libeskinds Masterplan errichten können. "Bevor sich die Investoren entscheiden können, muss Baurecht geschaffen werden", sagt Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke. Mit einem gültigen Bebauungsplan rechnet er für Ende des kommenden Jahres. "Deshalb ist im Moment noch keine Vermarktung möglich. Wir haben uns aber entschlossen, einen Projektentwickler einzuschalten, der diese Aufgabe für uns übernimmt", sagt Laesicke.

Auch Architekt Reese kann noch keinen potentiellen Käufer nennen. Aber die Lage sei gut und das Land Brandenburg wolle die Erschließungskosten übernehmen. Als Anschub für weitere Investoren wäre ein Vorläuferprojekt durch einen öffentlichen Nutzer aber sicherlich hilfreich, meint Reese.

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