Zeitung Heute : Auf dem Leidensweg

Der Tagesspiegel

Von Annabel Wahba

Irgendetwas war anders, als Dschihad Abbas das Mädchen zum letzten Mal sah. Es waren ihre Augen, die ihm sofort auffielen. Ein Blick, den er nicht mehr vergessen wird. Es war vor drei Tagen im Krankenhaus von Betlehem, als sich Dschihad und Ayat Achras begegneten. Der 19-jährige Dschihad besuchte dort seine Mutter, Ayat wollte ihr gute Besserung wünschen. Die Familien sind Nachbarn im Flüchtlingslager Deheische. Es war das erste Mal, dass Dschihad Ayat so sah, sie wirkte wie eine Fremde auf ihn. In ihren Augen las er Entschlossenheit, auf ihren Lippen lag ein Lächeln, während des ganzen Besuchs. Ayat, das verstand Dschihad sehr schnell, kam, um sich zu verabschieden. An jenem Tag ging das Mädchen zu allen Nachbarn und unterhielt sich mit ihnen, scheinbar beiläufig. Aber Dschihad ahnte, was geschehen würde. Abhalten wollte er sie nicht.

Ayat ist tot. Im Fernsehen laufen die Bilder vom Supermarkt im Jerusalemer Stadtteil Kirjat Jovel, wo sich das 16-jährige Mädchen, das noch zur Schule ging, gestern mit einer Ladung Sprengstoff um den Bauch in die Luft jagte. „Drei Tote, 31 Verletzte“, Dschihad rattert die Zahlen wie auswendig gelernt herunter, er kennt die Bilanz des Schreckens. Doch für ihn ist es eine Bilanz der Freude.

Tod im Speisesaal

Die Menschen in Jerusalem waren am Freitagmittag dabei, die Einkäufe für den bevorstehenden Sabbat zu erledigen. Der Tag zuvor war der erste Feiertag des Passah-Festes, und bald würden die Geschäfte erneut schließen. Eine Woche lang feiern Juden auf der ganzen Welt dieses Fest, den Auszug aus Ägypten, die Erlösung von der Sklaverei. Kirjat Jovel ist ein Arbeiterviertel nahe des Herzl-Berges, benannt nach dem geistigen Vater des Zionismus, der in seinem Buch „Der Judenstaat“ die Vision von einer Heimstadt für die Juden entwickelte. Im Schatten des Berges sprengte sich Ayat in die Luft.

Ein Mann, der gerade zu dem Supermarkt in der Uruguay-Straße ging, sagte nach dem Anschlag, er habe zwei leblose Körper gesehen – offenbar die Attentäterin und einen Wachmann. Er soll noch versucht haben, das Mädchen aufzuhalten. Nun laufen wieder die immer gleichen Bilder über die Fensehschirme: Polizisten und Sanitäter mit grell orangenen Plastikwesten hetzen vor einem zerstörten Gebäude hin und her, transportieren Verletze ab. Ultraorthodoxe sammeln Leichenteile auf, packen sie in Plastiktüten. Sie wollen damit die Toten ehren. Kein Körperteil soll auf dem Boden liegen bleiben.

Als dieser neue Anschlag geschieht, sind die Toten von Netanja noch nicht begraben. 22 Menschen waren am Mittwochabend im Park-Hotel gestorben. Der 25 Jahre alte Abdel Al Baset Odeh, Bewohner eines Flüchtlingslagers bei Tulkarem, sprengte sich hier in die Luft. Die 250 Gäste des Hotels in einem von Israels beliebtesten Badeorten wollten im Speisesaal gerade die Seder beginnen, die festliche Tafel am Abend des Passah-Festes. Der Mann, der mit einem langen schwarzen Mantel bekleidet war, trug eine Langhaar-Perrücke, er wollte wohl seine arabische Herkunft verdecken – Männer mit langen Haaren, das gibt es unter Palästinensern kaum, in Israel hingegen häufig. Irgendwie schaffte er es, sich an den Wachmännern vorbeizudrängen. Die Lobby des Hotels war vor dem festlichen Abendessen voll mit Menschen, so dass es die Wachen am Eingang schwer hatten, jeden, der hineinging, zu durchsuchen. Der Attentäter schritt bis in die Mitte des Saales, dann zündete er den Sprengstoff.

Das Heilige Land geht in Flammen auf – während Juden Passah feiern und Christen sich auf Ostern vorbereiten. Einheimische Christen und Polizisten sind unter sich, als sie am Karfreitag im Regen auf der Via Dolorosa den letzten Leidensweg Jesu nachgehen. Touristen haben sich kaum hergetraut. An Feiertagen sind die Menschen in Israel besonders angespannt, man ist vorbereitet auf Anschläge. Zu dem üblichen Aufgebot an Sicherheitskräften waren noch weitere 10 000 Soldaten im ganzen Land unterwegs, um für die Sicherheit der Menschen zu sorgen. Vergebens. Deshalb sind viele Israelis auch einverstanden mit Scharons Politik der Vergeltung: Wenn die israelische Armee nur reingeht in die Palästinensergebiete, so ihre Meinung, und die Terroristen dort verhaftet, dann kann man diese Anschläge auch stoppen.

Am frühen Freitagmorgen, vor dem Anschlag auf den Supermarkt in Kirjat Jovel, beschließt Scharons Kabinett, den Amtssitz von Jassir Arafat zu besetzen. Bei der Abstimmung gibt es nur zwei Enthaltungen: Außenminister Schimon Peres, der Arafat einst als Partner für den Frieden bezeichnete, und Kulturminister Matan Vilnai, der einmal stellvertretender Generalstabschef der israelischen Armee war. Scharon erklärt Arafat später bei seiner Pressekonferenz zum „Feind Israels“.

In Ramallah liefern sich zur selben Zeit israelische Truppen Gefechte mit Wachleuten der palästinensichen Autonomiebehörde (PA). Sie dringen auf das Gelände von Arafats Hauptsitz vor, besetzen sieben Gebäude innerhalb des Komplexes. Es wird von Zimmer zu Zimmer gekämpft. Ein Gebäude geht in Flammen auf. Der Palästinenserpräsident ist auf dem arabischen Sender Al Dschasira zu sehen, wie er von seinem Schreibtisch aus telefoniert. Vor ihm liegt eine Pistole.

Abu Ali Ibrahim wohnt nur 600 Meter entfernt von Arafats Sitz. Er kann die Panzer sehen und die Schüsse hören. Es gibt keinen Strom mehr. „Ich traue mich nicht zu nah ans Fenster, denn überall sind Scharfschützen“, sagt er. Ihm war klar, dass etwas passieren würde. „Die Israelis sind verrückt“, sagt er, „sie wollen die PA zerstören und unsere Städte besetzen.“ Der Mann, der für eine Jugendorganisation arbeitet, die sich „Freunde ohne Grenzen“ nennt, glaubt, Israel habe den Truppenaufmarsch in Ramallah schon geplant, bevor in Netanja die Bombe hochging. In diesem Konflikt glaubt jede Seite, sie sei das Opfer der anderen. Verständnis für die Angst der Israelis hat Ibrahim nicht.

Geschichten aus dem Paradies

Panik hat sich unter den Bewohnern Ramallahs breitgemacht. „Alle rechnen mit einer langen Besatzung“, sagt der Besucher eines Supermarktes, der sich trotz der Schusswechsel zwischen Palästinensern und Israelis auf die Straße wagt. Die Menschen hier wollen sich noch schnell mit Nahrungsmitteln eindecken. Auf dem Weg zu den Geschäften hasten sie von Hauseingang zu Hauseingang. Schüsse peitschen in der Nähe des Supermarktes. Gegenüber hat sich eine Gruppe von palästinensischen Milizen in einem Garten verschanzt. Einige von ihnen tragen Wundverbände. Im Krankenhaus der Stadt operieren die Ärzte mit Notstromaggregaten – von mindestens 40 Verwundeten ist die Rede. Fünf Palästinenser und ein Israeli sterben. In Ramallah machen Gerüchte die Runde, Israel wolle Arafat aus der Stadt schaffen und verhaften. „Wenn Arafat weg ist, bricht das Chaos aus“, sagt ein Mann einem dpa-Reporter.

Wenn man mit Bewohnern des Deheische-Flüchtlingslagers spricht, das in Betlehem liegt, nicht weit von Ramallah entfernt, glaubt man, dass die Situation kaum chaotischer sein kann. Im Haus von Ayat, erzählt ihr Nachbar Dschihad, haben sich die Frauen versammelt und singen Freiheitslieder. „Sie hat nicht geweint, als sie vom Selbstmordanschlag erfuhr“, sagt Dschihad über Ayats Mutter. Die Frau war in das Haus seiner Familie gekommen, weil Dschihads Schwester mit Ayat befreundet war. Ayat war nicht nach Hause gekommen, und deshalb fragte die Mutter, ob sie in der Schule gewesen sei. Doch Ayat hatte am Morgen das Lager verlassen und war über Schleichwege, an den Checkpoints vorbei, nach Jerusalem gefahren.

In Deheische hat Arafats Fatah das Sagen. Es war immer das palästinensische Vorzeigelager, sogar der Papst war schon zu Besuch. Die Jugendlichen hatten hier bis vor kurzem einen Computerraum, es gab Tanzkurse und Schüleraustauschprogramme mit Europa und Amerika. Und wenn Dschihad jetzt sagt, alle seien stolz auf Ayat, scheint das dem Bild zu widersprechen. Der Hass auf Israel zieht sich in Deheische durch drei Generationen. Dschihads Großeltern lebten bis 1948 im heutigen Israel, mit der Staatsgründung wurden sie zu Flüchtlingen. Sie erzählen von den Steinhäusern und Gärten, die sie einst besaßen. Für die Enkel, die in unverputzten Betonquadern leben, muss sich das wie ein Märchen aus dem Paradies anhören. Die Häuser reihen sich hier wie faulige Zähne aneinander.

Mitleid mit den unschuldigen Opfern in Israel hat Dschihad nicht. „Israelis sind keine normalen Menschen“, sagt er, „sie haben uns unser Land genommen. Sie gehen zur Armee und bauen Siedlungen.“ Kollektive Rache, das ist alles, was er für Israelis übrig hat. Mit Religion und dem Glauben an Märtyrertum habe Ayats Tat nichts zu tun. Es gehe um einen Freiheitskampf.

Die Attentäter von Netanja und Kirjat Jovel stammen beide aus Flüchtlingslagern. Es sind Lager, die die israelische Armee vor wenigen Wochen durchsuchte. Die Männer dort wurden alle überprüft. Schon damals hatte Dschihad gesagt, die Hintermänner, die Selbstmordanschläge erst ermöglichten, seien untergetaucht. Es scheint, als gebe es keine Sicherheit für Israel. „Keiner kann uns davon abhalten, für unsere Freiheit zu kämpfen, nicht Arafat und auch nicht Israel“, sagt Dschihad. Jeder sei hier bereit zu sterben. „Ich hoffe, ich werde eines Tages das Gleiche tun wie Ayat.“

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