Zeitung Heute : Auf dem Mond gelandet

Der Tagesspiegel

WAS WISSEN SCHAFFT

Wieder einmal ist es Severino Antinori gelungen, weltweit für Schlagzeilen so ganz nach seinem Geschmack zu sorgen: Der umstrittene Reproduktionsmediziner aus Italien, so die dramatische Meldung vom vergangenen Mittwoch, habe einer Frau einen geklonten Embryo eingepflanzt, die Schwangerschaft sei bereits in der achten Woche. Wäre diese Nachricht tatsächlich wahr, hätte Antinori eine wissenschaftliche Höchstleistung vollbracht – und zugleich die ethischen und religiösen Fundamente, aber auch die politischen Entscheidungsinstanzen der westlichen Welt mit Füßen getreten.

Zum Glück spricht aber ziemlich wenig dafür, dass der im vergangenen August gemeinsam mit dem US-Mediziner Panos Zavos angekündigte Tabubruch tatsächlich gelungen ist.

Ausgangspunkt der weltweiten Medienlawine ist eine Meldung in der in Dubai erscheinenden Tageszeitung „Gulf News". Antinori soll die Sensationsnachricht ausgerechnet im „Zayed Centre“, einem wenig bekannten politischen Koordinationsbüro der Arabischen Liga, in Abu Dhabi verlautbart haben. Datum seines Vortrages : der erste April.

Dass der „Vater der unmöglichen Kinder“, wie er sich gerne nennen lässt, einen Aprilscherz machen wollte, ist leider wenig wahrscheinlich – zumal dieser christlich-abendländische Brauch in der arabischen Welt überhaupt nicht existiert. Dagegen würde eine gezielte Desinformation, gerade vor einem medizinisch nicht versierten Publikum und fernab seiner Kritiker in Europa und USA, allzu gut in das Bild des Schlagzeilenjunkies passen – seit einer Woche weigern sich denn auch Antinori und sein Spießgeselle Zavos beharrlich, Details zu nennen oder die Meldung zu dementieren.

Dabei sprechen alle verfügbaren Erkenntnisse dafür, dass Antinori gelogen hat (oder, wie er wohl sagen wird: falsch verstanden wurde). Das „reproduktive“ Klonen – die Herstellung einer genetischen Kopie eines Erwachsenen – ist technisch außerordentlich schwierig, die Fehlerquote enorm: Die Herstellung des Klonschafes „Dolly“ klappte erst nach 277 Fehlversuchen, und bei Rhesusaffen liegt die Rate abgestorbener oder schwer missgebildeter Klone sogar bei über 300 zu eins. Menschliche Embryos wurden bisher nur „therapeutisch“ geklont, also zur Herstellung embryonaler Stammzellen wenige Tage im Labor gezüchtet.

Vergangenen November meldete die US-Firma ACT die therapeutische Klonierung eines menschlichen Embryos bis zur zweiten Zellteilung – bislang gilt das als der offizielle Weltrekord. Dass Antinori alle Starlabore quasi über Nacht abgehängt hat, ist so unglaubwürdig, als hätten die Sowjets in den frühen 60er Jahren behauptet, sie seien als erste auf dem Mond gelandet.

Trotzdem wäre es ein Fehler, einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Nicht zufällig kam die Nachricht aus den Vereinigten Emiraten: Antinori und Zavos hatten bereits zuvor angekündigt, die Klonversuche in einem arabischen oder asiatischen Land zu beginnen. In vielen moslemischen Staaten ist reproduktives Klonen nicht verboten; die Unterdrückung der Frauen macht es reichen Arabern leichter, die benötigte große Anzahl Eispenderinnen zu bekommen.

Auch China und Südkorea haben schon länger die durch ethische Bedenken des Westens entstandene Marktlücke erkannt und bauen derzeit hervorragend ausgestattete Klonlabore auf. Berichten vom vergangenen Monat zufolge haben Wissenschaftler in Changsha (Provinz Hunan in Südchina) den Rekord der US-Firma ACT bereits übertroffen und menschliche Klone bis zum 200-Zellen-Stadium gezüchtet.

Ein weltweites Verbot des reproduktiven Klonens tut also Not – angesichts des gegenwärtigen Auseinanderweichens der westlichen und der arabischen Welt ist das allerdings keine leichte Aufgabe. Statt dessen drohen die Horrormeldungen der Menschenzüchter den seriösen medizinischen Forschritt nachhaltig zu blockieren: In den USA bekommt gerade eine Gesetzesvorlage Rückenwind, die alle Formen des Klonens mit humanen Zellen verbietet – einschließlich des therapeutischen Klonens, das für die Überwindung der immunologischen Abstoßung embryonaler Stammzellen dringend benötigt wird. Dem italo-amerikanischen Klonduo könnte das ziemlich egal sein: Antinori fühlt sich in der „offenen islamischen Kultur“ sichtlich wohl, Zavos ist längst Honorarprofessor der Chinesischen Akademie der Wissenschaft.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Microbiologie an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg in Sachsen-Anhalt.Foto: J.Peyer

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