Zeitung Heute : Auf dem Retro-Trip

Amiga, Atari, Commodore: Die Homecomputer der ersten Stunde erleben auf Messen und in Ausstellungen eine Renaissance

Nils Gründel

Wer den Trend der letzten Jahre verfolgt, weiß, dass heute nur der neueste Rechner, der schnellste Prozessor und die beste Grafikkarte zählen. Alles andere ist chancenlos. Computer werden nach kaum drei Jahren zumeist als schrottreif abgestempelt. Oder irrt der informierte Mensch? Die Zeitreise der vergangenen 5000 Jahre der Informationstechnik startet man am besten im Heinz-Nixdorf-Museumsforum ( www.hnf.de ) in Paderborn. Dort sind alle Evolutionsschritte bis hin zu den hypermodernen Computern verzeichnet. Auch die erfolgreichen Homecomputer, mit denen der Einzug in die bundesdeutschen Wohnstuben begann, werden dort zur Schau gestellt: Amiga, Atari, Commodore und Sinclair. Sind das die letzten Exemplare? Ist der Rest längst verschrottet? Nein, genau diese Rechner der ersten Stunde sind es, die bei einer Vielzahl von Retro- Freaks mit ihrem Hang zur Nostalgie auf Hochtouren laufen.

Darüber hinaus gibt es eine ebenso bedeutende Gruppe von echten Sammlern, die alte Computer wie kleine Kunstwerke im eigenen Regal zur Schau stellen. Für den regelmäßigen Nachschub an Hard- und Software sorgen Online-Shops im Internet ebenso wie Fachmessen, Internetauktionshäuser und Firmen zur Elektroschrottverwertung. Dort gibt es alles, was das Sammlerherz höher schlagen lässt, egal ob es sich um Spiele-Kassetten für einen Sinclair Spektrum ZX-81 oder die ausgebaute Datasette eines Armstrad handelt. Als Außenstehender fühlt man sich eher wie ein Autofreak auf einem Schrottplatz. Und beinahe alle Nostalgie-Freaks sind davon überzeugt, dass sie nicht nur ein großes Stück Geschichte besitzen, sondern dass ihr Hersteller – irgendwie – auch die besten Geräte hervorgebracht hat.

Zur Heimat der deutschen Atari-Fans hat sich der Internet-Treffpunkt Atari-Home ( www.atari-home.de ) entwickelt. Auch wenn es paradox klingen mag: Dort werden vor allem Neuigkeiten ausgetauscht. Oftmals hat die erste Begegnung der Freaks mit ihrem Traumcomputer ihr Leben bis heute verändert. So hatte Matthias A. im Jahr 1987 sein allererstes Erlebnis mit dem Atari 520 STM, einem wahren Kultrechner der damaligen Zeit. Er erinnert sich noch genau: „Eine Zeit der Spielsucht wurde von einer längeren Zeit intensiven Programmierens abgelöst. Aber das war eher unfreiwillig, weil der Spielenachschub fehlte, denn alle meine Freunde hatten einen Amiga.“ Erst im Jahr 1995 wurde der Atari auf den Dachboden der Familie verbannt. Doch nur wenige Jahre später sollte der erste brauchbare ST-Emulator für die PC-Welt die Leidenschaft neu entfachen. Mit einem derartigen Emulator kann man auf einem heutigen System (Windows, Linux) Computer vergangener Zeiten wirklichkeitsgetreu nachbilden. Im Jahr 1998 wurde der 520 STM wieder vom Dachboden geholt und entstaubt. Seitdem zählt Matthias A. zu denen, die sich aktiv um den Erhalt des Kultrechners kümmern: Programme besorgen, in Foren arbeiten, Webseiten bauen und in allen Fällen helfen, in denen es um den in die Jahre gekommenen Atari geht.

Ein echter Hardware-Bastler ist Volker Mohr ( www.amilogic.de ). Zum Commodore Amiga kam er bereits 1985. Das Fieber packte ihn, als er den ersten Amiga 1000 sah und begriff, dass er in seiner Preisklasse konkurrenzlos war. Noch heute schraubt er bevorzugt Amiga-Laptops und präsentiert jeweils ein neues Modell auf einer der vielen Retro-Messen. Selten sind die Rechner dann wirklich so handlich, wie man es von den heutigen Notebooks aus der PC-Welt kennt, dafür haben sie aber stets eine ganz besondere, persönliche Note. Fasziniert ist Volker Mohr vor allem, weil „der Amiga nach wie vor ein sehr elegantes und leistungsfähiges System ist, mit dem das Arbeiten Spaß macht. Und es gibt heute durchaus noch Anwendungen, für die der Amiga ideal ist.“ Tragbare Amigas waren letztlich schon immer eine Marktlücke und die wenigen kommerziellen Umbauten zudem extrem teuer. Volker Mohrs Geräte verfügen heute natürlich über ein zeitgemäßes TFT-Display. Das Ende der Commodore-Zeiten sieht Volker Mohr noch längst nicht gekommen, „denn es gibt noch zahlreiche Firmen, die neue Hard- und Software entwickeln.“

Fachmessen wie die diesjährige „Amiga + Retro Computing 2002“ ( http://messe.think 42.com) am 7. und 8. Dezember in Aachen erfreuen sich besonderer Beliebtheit. In der Vorweihnachtszeit präsentieren dort zahlreiche Aussteller den Besuchern ihr Angebot. Highlights der Messe sind übrigens die Amiga-Nachfolgemodelle der Entwicklerteams „Amiga One“ und „Pegasos“.

Wer seine gute alte Atari-Zeit noch einmal nacherleben will, hat dazu auch in Berlin Gelegenheit. Noch bis zum 26. November zeigt der fanatische Atari-Sammler Jah Fish in der Torstraße 102 in Mitte seine besten Stücke. „2600 items for your Atari 2600 console“ heißt die Ausstellung, die täglich zwischen 14 und 22 Uhr geöffnet hat. Immer sonnabends ab 16 Uhr gibt es zudem „highscore contests“ mit uralten Atari-Spielen.

Die Berliner Ausstellung im Netz:

www.a-t-a-r-i.com

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