Zeitung Heute : Auf dem Schleichweg zur Macht

Katrin Göring-Eckardt könnte der Prototyp der neuen Grünen-Generation sein – morgen soll sie neben Krista Sager neue Fraktionschefin werden

Bernd Ulrich

Sie kann es kaum glauben, und ihr Pagenkopf wippt ungeduldig. So eine blöde Frage, so eine tumbe Journalisten-Standard-Frage. Ob sie Vorbilder hat!? Soll sie jetzt sagen, Joschka Fischer? Oder Bertha von Suttner oder Petra Kelly oder was? Jede Antwort wäre eine Festlegung, ein Etikett, der beste Weg in eine Schublade. Nein, sagt Katrin Göring-Eckardt dann, ich habe keine Vorbilder. Nicht mal Angela Merkel? Natürlich nicht!

Dabei sind die Ähnlichkeiten zwischen der jungen Grünen und der CDU-Chefin verblüffend. Sie haben in der DDR gelernt zu warten (bis die Diktatur vorbei ist). Sie mussten die eigene Integrität vor äußeren Einflüssen schützen, ohne sich im Widerstand aufzureiben (Göring-Eckardt hatte zu DDR-Zeiten eine Art Hauslehrerin, nur um mit ihr Romane zu lesen). Und sie waren gezwungen, immerzu ihre Umgebung zu scannen, kühl zu analysieren, welche Fehler die Mächtigen machen. Beiden ist es gelungen, diese Fähigkeiten in die Demokratie hinüberzuretten. Weniger nützlich sind sie schließlich auch dort nicht. Vielleicht rührt daher diese ungeheure Nervenstärke, die bei der Jüngeren, der 36-jährigen Katrin Göring-Eckardt noch mehr erstaunt als bei Angela Merkel.

Ein bisschen aufgeregt hätte sie schon sein können in diesen Wochen nach der Wahl. Immerhin ging und geht es für sie darum, ob sie Familienministerin wird oder grüne Fraktionschefin. Oder gar nichts. Auch das ist möglich, sagt sie leise (sie redet immer leise), ohne einen Anflug von Furcht.

Familienministerin, das erschiene passend. Denn Katrin Göring–Eckardt wagt sich zwar nicht eben oft gefährlich vor, sie hat den Pragmatismus zum Programm erhoben und Max Webers staubigen Spruch, die Politik sei das „Bohren dicker Bretter“ zum Motto auf ihrer Homepage gemacht. Doch einmal hat sie sich sehr vorgewagt und die grüne Spitze irritiert: bei der Familienpolitik. Ähnlich wiederum wie Merkel, die sonst zu vorsichtig ist, um sich festzulegen, und die ebenfalls nur beim Thema Familie die eigene Partei programmatisch aufschreckte. Die CDU-Chefin wollte ihren Christdemokraten beibringen, dass es Kinder auch außerhalb von klassischen Familien gibt. Und Göring-Eckardt versuchte die grüne Führung darauf aufmerksam zu machen, dass es Kinder überhaupt gibt. Fraktionschef Rezzo Schlauch fühlte sich damals, im März 2002, in seiner genießerischen Kinderlosigkeit unverstanden, Parteichefin Claudia Roth in ihrem fröhlichen Singledasein angegriffen. Sie wehrten sich gegen das Thema. Nur Joschka Fischer übernahm nach einigem Zögern die Idee, führte danach öfter die Begriffe Kinder und Familie im Munde.

Auch deswegen wird Katrin Göring-Eckardt jetzt mit einigem Erfolg nachgesagt, sie sei eine Fischer-Frau, er wolle sie als Werkzeug seiner Macht an der Spitze der Fraktion sehen. Das Gerücht wirkt wie eine Art grüner Hexentest: Ist sie von Fischer gewollt, dann taugt sie nix, ist sie von ihm nicht gewollt, dann wird sie nix. Tatsächlich hat die Reala zu ihm einen privilegierten Zugang. Es gefällt dem alten Westlinken beispielsweise, dass er in den Gesprächen mit der jungen Ostdeutschen nicht jenen fanfarenhaften Feminismus heraushören muss. Fremd ist sie ihm trotzdem. Oder deswegen. Und auch weil sie von Familie nicht nur redet, sondern, schrecklicher Gedanke, auch eine hat. Zwei plus drei Kinder. Die beiden Söhne hat sie mit ihrem Mann, einem 49-jährigen Pfarrer, drei Kinder hatte der schon. Das mit der Religion scheint bei der Theologin ohne Examen auch keine reine Attitüde zu sein: Auf ihrem Schreibtisch steht unübersehbar ein Holzkreuz, geschnitzt von ihrem Sohn. Am Ende glaubt sie wirklich an Gott! Fremde Welten.

Machträume

Und da ist noch etwas, das den Machtvirtuosen Fischer an der unauffälligen, aber hochpräsenten Thüringerin irritiert. Es ist ihr Machtwille. Er weiß schon, dass er ihr etwas zu verdanken hat. Immerhin hat Katrin Göring-Eckardt ihm einmal die Mehrheit gerettet, als der Kanzler die Vertrauensfrage stellte. Sie hat am 16. November 2001, dem Tag der Entscheidung, die abtrünnige Irmingard Schewe-Gerigk wieder eingefangen, ohne deren Stimme die rot-grüne Koalition geplatzt wäre. In der Nacht zuvor hatte sie endlose Gespräche mit Steffi Lemke geführt, die auch dagegen stimmen wollte. Das war die realpolitische Bewährungsprobe. Dennoch, dieses unirritierte, entschlossene Einnehmen von Machträumen, das kommt vielen Grünen verdächtig vor. Mit Machtkämpfen kennen sie sich zwar alle aus. Nur liefen die meistens mit aufschießender Eitelkeit ab, mit ideologischem Waffenklirren, mit Tränen, Schreierei und alldem.

Der Versehrte gegen die Unversehrte

Nicht so lautlos, sachlich, unmerklich wie bei Katrin Göring-Eckardt. Als sie 1998 in den Bundestag kam, wurde sie alsbald zur Stellvertreterin von Kristin Heyne gewählt, der parlamentarischen Geschäftsführerin. Göring-Eckardt hat deren Rolle informell übernommen, als Heyne erkrankte, und offiziell eingenommen, als sie an Krebs starb. Das war eine Geschichte von Loyalität und Freundschaft, bis in die letzten Lebenstage hinein.

Die Geschichte eines Aufstieges war es auch. In Göring-Eckardts sonst lieb wirkendem Gesicht erscheint ein nicht ganz so harmloses, ein, wenn nicht alles täuscht, leicht mephistophelisches Grinsen, wenn sie gefragt wird, ob sie lieber Familienministerin werden möchte oder Fraktionschefin. Sie lächelt dann dieses Was-glauben-Sie-denn- Lächeln. Die Fraktion zu führen, das wäre natürlich der viel bedeutendere Job. Wieso sollte sie den nicht wollen?

Wieso sollte sie ihn überhaupt bekommen, fragen einige in der Fraktion. Allen voran Werner Schulz, der ostdeutsche Bürgerrechtler, der ihr an rhetorischer Begabung weit überlegen ist. Er, der sich schon zu DDR-Zeiten und erst recht danach aufgerieben hat. Er, der ohne wichtigen Posten bekannter ist als Göring-Eckardt mit. Der Versehrte gegen die Unversehrte.

Wieso die und nicht wir, fragen auch einige ältere Frauen aus dem Westen. Sie haben die Partei mit aufgebaut und sind aus ungezählten Schlachten, wenn nicht als Siegerinnen, so doch als Überlebende hervorgegangen. Warum soll jetzt diese junge Frau ihre Chefin werden, mit welchem Recht, mit welchen Verdiensten? Nur weil die Herren an der Spitze mit ihr leichter klarkommen als mit ihnen? Die Damen gegen das Mädchen.

Sie bekommen ja auch ihre Kandidatin, die Westfrauen. Krista Sager soll die andere Fraktionssprecherin werden. Die Hamburgerin verkörpert idealtypisch das grüne Parteiestablishment. Die 49-Jährige hat verschiedene Ämter bekleidet und Mandate versehen, war Parteivorsitzende im Bund, Wissenschaftssenatorin in Hamburg, kann scharfzüngig reden, sie hat einst einen pazifistischen Grünen-Parteitag umgedreht und trägt in sich all die merkwürdigen Erinnerungen an eine ideologische Zeit, die Wunden des linksradikalen Wahns. Ein grüner Profi.

So wie auch Kerstin Müller, die scheidende Fraktionschefin. Drei Jahre ist sie nur älter als Katrin Göring-Eckardt. Trotzdem wird für die unter dem Rubrum Generationswechsel geworben. Zu Recht. Denn Müller ist gewissermaßen die letzte 68erin. Sie hat es vor ihrem Grünen-Beitritt immerhin noch geschafft, trotz ihrer Jugend in eine der absterbenden K-Gruppen einzutreten. Während Göring-Eckardt die erste Ganz-und-gar- nicht-68erin wäre, die den Posten bekleidet.

Und eine, die es wahrscheinlich kann. Kompetenz, Fleiß, Präzision, Intelligenz, Verbindlichkeit im Vier-Augen-Gespräch, Nervenstärke. Dennoch würde sie mindestens so sehr wegen der Eigenschaften gewählt, die sie nicht hat, wie für die, die sie hat. Ihr fehlt die Milieu-Hermetik der Westgrünen, sie ist keine Feministin, nicht mal Post-Postfeministin. Zum Pluralismus der Lebensformen, sagt sie, gehört auch das Normale. Unideologisch wurde sie nicht erst nach langen Irrwegen, sondern war es von vornherein. Bei ihrer ersten Grünen-Kreisversammlung kurz nach der Wende erschien sie mit einem kleinen Kind, sah unzählige lange Bärte, jeder mit einer filterlosen Zigarette bestückt – und ging rückwärts wieder raus. Sie will unberauschte Politik machen.

So scheint es zu sein: Von Generation zu Generation verlieren die Politiker an charismatischer und an neurotischer Ausstrahlung. Ein etwas unterkühlter Segen ist das, aber ein Segen wohl doch. Das hängt davon ab, was diese Generation jetzt von sich aus entwickelt. Auch Katrin Göring-Eckardt, die so schnell so hoch kam, die Tanzlehrer-Tochter, die Theologie nicht zu Ende studierte und Berufspolitikerin wurde – ihr würde mit dem Fraktionsvorsitz kein Verdienstorden umgehängt, sondern nur eine Chance gegeben.

Eines jedenfalls dürfte klar sein. Gegen eine ausgebuffte Westlerin und eine abgeklärte Ostlerin, überhaupt gegen einen weiblich-harten Führungsstil wird in der grünen Fraktion nicht leicht zu rebellieren sein. Das wäre nicht wenig in einer Legislaturperiode, die für Rot-Grün voller Schrecken sein dürfte. Er wird die Koalition mit ihren gerade mal zwölf Stimmen Mehrheit mehr als einmal an den Rand des Scheiterns bringen.

Und vielleicht, wenn die beiden morgen tatsächlich gewählt werden und danach ganz, ganz mutig sind, dann werden sie sogar mal gegen die „Wildgänse“ (wie Fischer, Trittin, Kuhn, Roth und Künast intern genannt werden) anschnattern. Wenn.

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