Zeitung Heute : Auf dem Show-Olymp

Der promovierte Ökonom Berndt Schmidt macht aus dem verstaubten, verschuldeten Friedrichstadtpalast eine moderne, Gewinn bringende Bühne

Daniela Martens

Berndt Schmidt entsorgt sein Kaugummi, beugt sich vor und sagt: „Was wir hier hier gemacht haben, ist eine Kulturrevoulution.“ Mit „wir“ meint der Mann mit dem zweifachen DT im Namen vor allem sich selbst. Schmidt ist seit dem 1. November Geschäftsführer und Intendant des Friedrichstadtpalastes. Und er hat das alte Revuetheater im „letzten Prachtbau der DDR bevor sie abgesoffen ist“, wie er sagt, ordentlich umgekrempelt. „Das ist nur leider bei vielen noch nicht so richtig angekommen“, sagt er und guckt ein bisschen besorgt. „Für Westberliner sind wir noch immer eine piefige Glitzerkiste.“ An diesem Märzmittag glitzert es aber gar nicht in dem großen grauen Gebäude. Die Tänzerinnen des berühmten Balletts, die angeblich die längsten Beine der Welt haben, tragen zusammengewürfelte Trainigssachen. „Eins, zwei, Schritt, Schritt, Sprung“, schallt es über die mit 2200 Quadratmetern größte Theaterbühne der Welt. Zum Friedrichstadt gehören die Superlative wie zu anderen Theatern der Vorhang.

Schmidt trägt einen perfekt geschnittenen schwarzen Anzug zu Turnschuhen mit einem breiten silbernen Streifen – ein Outfit passend zu seinem Job: Er ist im Theater sowohl für Zahlen und Vermarktung zuständig als auch für Kreativität und Kunst. Der promovierte Ökonom sagt mit einem Grinsen: „Eigentlich war mein Weg zu McKinsey vorgezeichnet. Bin ich froh, dass mir das erspart geblieben ist.“ Gerade ist er mit dem alten Aufzug, an dem noch „VEB Licht und Kraft“ steht, auf den Schnürboden des Theaters gerumpelt. Aus 35 Metern Höhe blickt er auf die probenden Tänzerinnen der „längsten Girlreihe“ der Welt hinunter. „Hier oben muss man schwindelfrei sein“, sagt er. Und gleich darauf: „Ich bin auf dem Olymp angelangt.“ Damit meint er allerdings nicht den Schnürboden, sondern seinen Posten – auf dem „Olymp des Showbusiness“.

Aber auch mit dem Friedrichstadtpalast geht es wieder aufwärts: Im Februar sei er zu 85 Prozent ausgelastet gewesen, berichtet Schmidt stolz. „Das hatten wir seit fünf Jahren nicht mehr.“ Und dabei sei der Februar ein schlechter Monat. Als Schmidt seine neue Aufgabe antrat war das Theater so sehr verschuldet, dass der Untergang unmittelbar bevor stand. Schmidt sollte es in letzter Minute retten: 2007 machte der Friedrichstadtpalast vier Millionen Euro Verlust. 2008, unter seiner Leitung, immerhin noch drei Millionen. „Aber wir haben mit ,Qi’ ja auch erst im Oktober angefangen“, sagt er entschuldigend. „Qi“, das ist die neue glamouröse Show, die „Kulturrevolution“ mit Vorbild Las Vegas. 300 000 Karten seien schon verkauft, sagt Schmidt.

Das Ziel für 2009: Nur noch 1,5 Millionen Euro Verlust zu machen. „2010 schreiben wir dann schwarze Zahlen. So ein Turnaround dauert eben zwei bis drei Jahre.“ Aber er ist sich sicher, dass es zu schaffen ist. „Der Friedrichstadtpalast ist ein Mythos, mit dem man ein paar Jahre falsch umgegangen ist.“ Zu viel Vergangenheit, zu wenig Zukunft. Das hat Schmidt geändert. Seine erste Amtshandlung: Er stoppte die Proben zur damals geplanten Revue „In 80 Tagen um die Welt“. „Da lag ja eine 10 Meter dicke Staubschicht drauf.“ Nicht das 19., sondern das 21. Jahrhundert wollte er auf der Bühne sehen. Statt alt bekannter Reiseabenteuer einen Pas de Deux zweier Männer, der in einem Kuss gipfelt. Gesangs- und Tanzeinlagen à la Madonna oder Kylie Minouge. „Wir wollen vollkommen staubfrei werden“, sagt Schmidt. Die Krise sei dabei auch eine Chance: „Da kann man besonders viel bewegen. Es muss ja alles anders werden.“

Sein Rezept für Veränderungen: konsequent bleiben. Dazu gehört auch, dass er 40 Mitarbeiter entlassen hat. Zehn bis 15 sollen demnächst noch gehen. Eine Million Euro hat er für Abfindungen ausgegeben. Aber dadurch spare er in Zukunft Gehälter in Höhe von 1,5 Millionen im Jahr. „Krisen sind ziemlich teuer“, sagt er mit sanftem Lächeln. Denn er hat auch noch mehr als fünf Millionen Euro aus Senatsmitteln in das Haus investiert: für neue Licht- und Tontechnik und eine riesige Leinwand. Die wurde gebraucht, weil das Theater in diesem Jahr erstmals Berlinale-Kino wurde. Das brachte 70 000 zusätzliche Gäste. Auch in den nächsten fünf Jahren wird der Palast Teil des Filmfestivals sein. „Das ist ein Riesengewinn, weil endlich auch mal viele Westberliner kommen – und nicht nur mit der Oma.“

Jetzt bleibt Schmidt vor zwei der 1895 hochgeklappten Sitze im Zuschauerraum stehen: Platz 25 und 30. „Hier hat früher Honecker gesessen. Aber keine Angst, wir haben den Stuhl gründlich desinfiziert“, witzelt er. „Das ist nicht mehr ansteckend.“ Er meint damit: Die DDR-Vergangenheit ist überwunden, die Zukunft gehört dem Erfolg. „Ich denke aber immer daran, dass der Erfolg eine launische Diva ist und seine Gunst nur manchmal verschenkt“, sagt Schmidt. Doch er guckt zuversichtlich. Mit Diven und anderen Künstlern kann er schließlich gut umgehen.

„2010 schreiben wir dann hier schwarze Zahlen. So ein Turnaround dauert eben zwei bis drei Jahre. Aber ich bin sicher, dass es zu schaffen ist. Der Friedrichstadtpalast ist ein Mythos, mit dem man ein paar Jahre lang falsch umgegangen ist. Wir wollen vor allem vollkommen staubfrei werden.“

Berndt Schmidt, Geschäftsführer und Intendant des Friedrichstadtpalastes

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