Zeitung Heute : Auf dem Sprung

Die Ballettschule Berlin bietet Schülern neben einer Berufs- und Schulausbildung auch ein Internat an

Simone Leinkauf

Drei anstrengende Tage sind vorüber. Tage an denen Tränen flossen – Tränen der Enttäuschung bei den einen, Tränen der Freude bei den anderen: Ende Mai wurden an der Staatlichen Ballettschule Berlin die Aufnahmeprüfungen für die neuen fünften Klassen abgenommen.

152 Viertklässler absolvierten zunächst einen Eignungstest. Er ist die Voraussetzung für die Zulassung zur Aufnahmeprüfung. Bei dieser Prüfung steht die Dehnbarkeit der Muskulatur, die Beweglichkeit der Gelenke und der Wirbelsäule im Mittelpunkt. Doch auch auf die künstlerische Begabung kommt es an. Ballettpädagogen der Staatlichen Ballettschule bewerten in einem zweistündigen Test das Rhythmusgefühl und die Improvisationsfähigkeit der Kinder. Wer bestanden hat, muss anschließend noch eine medizinische Untersuchung durchlaufen. Auch in diesem späten Stadium mussten Kinder und deren Eltern noch mit einer Absage rechnen: So fand die Ärztin bei einem Mädchen ein Loch in der Herzwand. Auch ein zu schwacher Knochenbau oder mangelnde Beweglichkeit der Gelenke können zu einer Absage führen. Das ist bitter für die betroffenen Kinder, zumal keine Ausnahmen gemacht werden: Die Ausbildung zur klassischen Tänzerin oder zum klassischen Tänzer zählt zu den körperlich anstrengendsten Ausbildungen, die man anstreben kann.

29 Mädchen und fünf Jungen bestanden schließlich die diesjährige Aufnahmeprozedur. Sie starten im August als Berufsschüler in ein neues Leben. Es wird sich radikal von dem ihrer bisherigen Klassenkameraden unterscheiden. Denn die Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin beginnen in der fünften Klasse neben dem normalen Schulunterricht mit ihrer Berufsausbildung. Während Schüler einer fünften Grundschulklasse in der Regel etwa 30 Schulstunden haben, kommen diese Fünftklässler auf 42 Wochenstunden und: sie werden auch am Sonnabend unterrichtet. Im Laufe der Jahre steigert sich das Ausbildungsvolumen auf über 60 Wochenstunden.

Kinder, die nicht in Berlin oder im Umland beheimatet sind, müssen sich nicht nur an neue Klassenkameraden und an einen neuen Tagesablauf gewöhnen. Sie finden zumeist auch eine vollkommen neue Umgebung vor: Kinder der Klassen fünf bis acht können im Internat der Ballettschule wohnen. Hier teilen sich bis zu drei Kinder ein Zimmer. Zurzeit sind 30 Kinder aus der Bundesrepublik und dem Ausland im internen Internat untergebracht. Rund um die Uhr sind Erzieher für die Kinder da, betreuen sie bei den Hausaufgaben, gehen mit ihnen zum Arzt, organisieren Ausflüge und trösten sie auch einmal, wenn ihr Heimweh allzu groß wird. Auf Außenstehende wirkt das ganze wie eine große Familie.

Ältere Schüler leben gemeinsam mit Schülern des Bach-Gymnasiums und des Coubertin-Gymnasiums in einem externen Internat.

Die Staatliche Ballettschule unterscheidet sich von vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland. Denn die Beschulung gehört hier mit zur Ausbildung. Alle Schüler machen im 10. Schuljahr die mittlere Reife. Anschließend trennen sich ihre Wege: Während die einen im Rahmen einer Berufsfachschule in der 11. und 12. Klasse ihren Abschluss als staatlich geprüfter Bühnentänzer/in ablegen, besuchen die anderen Schüler die gymnasiale Oberstufe. Sie machen nach 13 Jahren ihr Abitur und ihren Berufsfachschulabschluss als staatlich geprüfter Bühnentänzer/in.

Im vergangenen Jahr erzielten die Abiturienten der Staatlichen Ballettschule sogar den zweitbesten Durchschnitt aller beruflichen Gymnasien in Berlin. Vom Schuljahr 2007/2008 an ist für die Schüler der gymnasialen Oberstufe eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ geplant. Dann können die Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin mit dem Abitur auch den Bachelor of Arts bekommen. So können die jungen Tänzer nach ihrer Schulausbildung direkt mit einem Masterstudiengang beginnen. Diese in Deutschland einmalige Konstruktion soll in diesem Monat über die zuständigen Senatsverwaltungen bekannt gegeben werden.

Außenstehende können sich kaum vorstellen, dass Kinder die an dieser Ballettschule geforderten Leistungen ohne massiven Druck erbringen können. Dies sei eben das Phänomen ihrer Schule, sagt Leiterin Hannelore Trageser: „Wenn Begeisterung für den Tanz und Talent auf eine angemessene Förderung stoßen, dann bringen Kinder eine Leistungsbereitschaft mit, die sich Menschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, kaum vorstellen können.“ Ein Blick in die ausgeglichenen und fröhlichen Gesichter der Kinder, die gerade aus dem Training kommen, scheint sie zu bestätigen. Für diese Kinder hat mit der Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule offenbar nicht das Ende der Kindheit, sondern die Erfüllung eines Traums begonnen.

Weitere Informationen unter:

www.ballettschule-berlin.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben