Zeitung Heute : Auf dem Weg nach oben

Die Spitze der Hierarchie erreichen meistens nur Männer. Sie setzen auf Konkurrenz – und nicht wie Frauen auf Kooperation

Sybille Nitsche
Wo die Reise hin geht. In der Wissensökonomie erreichen Männer eher Führungspositionen als Frauen. Das zeigt eine Studie der TU Berlin. Foto: picture-alliance/beyond
Wo die Reise hin geht. In der Wissensökonomie erreichen Männer eher Führungspositionen als Frauen. Das zeigt eine Studie der TU...Foto: picture-alliance / beyond/beyond

Sie machen alles richtig. Dennoch führen die Karrierestrategien der Frauen sie selten an die Spitze der Unternehmen. Vielmehr wird die moderne Arbeitswelt für sie zur „Falle“. So der Befund einer Studie von Soziologen der TU Berlin, in der erstmals in Deutschland die Karriereanforderungen in der neu strukturierten Arbeitswelt der Wissensökonomie für Frauen und Männer beschrieben werden. Außerdem hat das Team unter Leitung von Christiane Funken untersucht, welche Karrierestrategien in dieser neuen Arbeitswelt entwickelt werden, um an die Spitze eines Unternehmens zu gelangen.

„Die Karrierespielregeln in der Wissensökonomie, in der nicht mehr primär materielle Produkte hergestellt, sondern Wissen und Informationen produziert werden, haben sich für Frauen und Männer gleichermaßen verändert“, sagt die Professorin für Kommunikations- und Mediensoziologie und Geschlechterforschung. „Wie Frauen und Männer damit umgehen und welche Karrierestrategien jeweils verfolgt werden, das ist jedoch unterschiedlich und die Ergebnisse hinsichtlich der Aufstiegschancen sind es bekanntermaßen auch.“

281 Führungskräfte, 151 Männer und 130 Frauen, aus dem mittleren Management und dem Personalbereich in zehn großen deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten wurden interviewt beziehungsweise online befragt.

Die Arbeitswelt in der Wissensökonomie ist charakterisiert durch das Arbeiten in Projekten innerhalb interdisziplinärer Teams, durch ein hohes Maß an virtueller Kommunikation (Videokonferenzen, E-Mail) und Eigenverantwortlichkeit. Soziologen sprechen auch davon, dass die Mitarbeiter zum Unternehmer der eigenen Arbeitskraft werden. Gefragt ist neben der Qualifikation maßgeblich die persönliche Kompetenz.

Die Forschungen der TU-Wissenschaftler brachten mehrere Widersprüche zutage: Frauen sind sich der neuen Anforderungen in der wissensbasierten Arbeitswelt absolut bewusst. Selbstdarstellung hat für sie hohe Priorität. Sie wüssten, so Funken, dass sie nicht darauf warten könnten, entdeckt zu werden, und setzten die geforderten Kompetenzen – kommunikativ, kooperativ, konfliktlösungsorientiert und integrativ zu sein – ostentativ ein. Genau diese Strategie aber führe die Frauen geradewegs in eine Falle. Funken: „Indem sie immerzu zeigen, dass sie diese Soft Skills beherrschen, und sie tun dies, weil sie wissen, wie wichtig die Selbstdarstellung im Team ist, um sich für eine Karriere zu profilieren, werden sie zur Repräsentantin ihres Geschlechts.“ Sie würden von den Vorgesetzten nicht als Individuum, sondern nur noch als Frau wahrgenommen, weil diese Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen früher einmal als typisch Frau galten. „Und das hat sich offensichtlich so tief ins Bewusstsein eingeschrieben, dass dies heute immer noch wirkt.“

Diese ausschließliche Wahrnehmung als Frau setzt etwas in Gang, was fatal ist: Den Frauen werden alte Stereotype zugeschrieben. Etwa, sie seien weniger produktiv und flexibel, weil sie sich um Kind und Familie kümmern müssen. „Obwohl die Mär von der geringeren Produktivität der Frau wissenschaftlich widerlegt ist, spukt sie in den Köpfen herum“, sagt Funken. Ihre Studie zeigt zudem, dass Frauen einem Irrglauben aufsitzen. Weil Männer die Soft Skills heute genauso beherrschen müssen, gehen Frauen davon aus, dass diese Kompetenzen in der neuen Arbeitswelt zu geschlechtsneutralen harten Fakten „umcodiert“ worden seien. Dem ist aber nicht so, wie die Analyse von Christiane Funken und ihrem Team ergab. „Auch geht aus unseren Interviews hervor, dass Männer den Soft Skills für die Karriere nicht ganz so viel Bedeutung beimessen wie Frauen.“

Die zweite Paradoxie, die Funken aufdeckte, verbirgt sich in der Projektarbeit, die zur Bewährungsprobe für den Aufstieg in der Wissensökonomie geworden ist. In den Projekten wird in interdisziplinären Teams gearbeitet, deren Mitarbeiter rund um den Globus verteilt und deren soziale wie kulturelle Prägungen sehr unterschiedlich sind. Um ein Problem für das Unternehmen schnell und effizient zu lösen, ist Kooperationsfähigkeit sozusagen oberste Mitarbeiterpflicht. Die kollidiert allerdings mit der Anforderung, im Team sichtbar zu werden, um sich für einen Karriereaufstieg zu empfehlen.

Hervorstechen könne nur derjenige, der sich von anderen absetze, erklärt Funken. Das funktioniere aber nicht, indem man kooperiere, sondern man müsse konkurrieren. „Frauen setzen stark auf Kooperation, Männer dagegen auf Konkurrenz“ und erklimmen die oberste Sprosse der Karriereleiter. Obwohl mindestens genauso viele Frauen wie Männer in Projekten arbeiten, seien fast alle Projektleiter Männer.

Christiane Funken und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter Alexander Stoll und Sinje Hörlin haben aber noch einen weiteren „Stolperstein“ ausgemacht. Projektlaufbahnen, die sich in den Unternehmen als neues Aufstiegsmuster etablieren, führen nur bis ins mittlere Management. Möglicherweise richten Männer deshalb ihre Karrierestrategien auch weiterhin am klassischen Aufstieg in der Linienhierarchie aus, um nach ganz oben zu gelangen. Frauen täten dies seltener, sondern schlagen häufiger als Männer die Projektlaufbahnen ein und stoßen damit – so Funken – an eine neue „gläserne Decke“. Sybille Nitsche

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