Zeitung Heute : Auf den besten Weinkarten der ganzen Welt

Wenig Rebfläche, viel Qualität: Österreichs Winzer haben es mit Glück und Können geschafft, ihre Produkte nach dem Neubeginn innerhalb von nur zwei Jahrzehnten international zu etablieren.

Bernd Matthies

Mit Glück und Können aus einem Desaster einen Welterfolg machen - in dieser Disziplin haben die österreichischen Winzer in den letzten 20 Jahren eine unangefochtene Spitzenstellung erreicht. Denn Mitte der 80er Jahre war die europäische Weinwelt generell in ziemlich schlechtem Zustand; der Glykol-Skandal schüttelte Deutschland und Österreich durch, in den klassischen Anbaugebieten von Frankreich und Italien tat sich, von einigen Pionieren abgesehen, wenig – dafür sammelten die ehrgeizigen Weinmacher in Übersee ihre Kräfte zum Großangriff auf die europäischen Märkte.

Österreich, immerhin das Land des Heurigen, das mit Legenden wie dem Gumpoldskirchner schon im 19.Jahrhundert Erfolg weit über die Landesgrenzen hinaus hatte, musste um 1985 herum praktisch völlig von vorn anfangen – und es steht heute blitzsauber da, verankert in den besten Weinkellern und auf den besten Weinkarten der ganzen Welt. Entscheidend für den Wandel waren anfangs vor allem große Wachauer Winzer wie F.X.Pichler, Emmerich Knoll und Josef Jamek, die den damals überall virulenten Terroir-Gedanken aufgegriffen und sich daran machten, die geologische und klimatische Vielfalt ihres kleinen Anbaugebiets zu analysieren und in ihren Weinen schmeckbar zu machen. Und sie entwickelten mit dem Verband „Vinea Wachau“ auch das erste verlässliche Qualifizierungssystem für österreichischen Wein, die Unterscheidung in „Steinfeder“, „Federspiel“ und „Smaragd“.

Die höchste, ausgereiften und alkoholstarken Rieslingen und Veltlinern vorbehaltene Kategorie „Smaragd“ erwies sich als ausgezeichnete Basis für viel beachtete internationale Verkostungserfolge. Heute ist unbestritten, dass die großen österreichischen Rieslinge mit ihrer üppigen Stilistik in der Weinwelt längst jenen Rang einnehmen, der vor 20 Jahren die Elsässer innehatten. Die schlankeren, spezifisch deutschen Rieslinge, deren Siegeszug ebenfalls in den späten 80er Jahren begann, werden inzwischen in Österreich eher als Ergänzung denn als Konkurrenz wahrgenommen – wie überhaupt gerade die besten Winzer beider Länder vielfältige Kontakte pflegen.

Mit der Wachau als Qualitätslokomotive kamen auch die Winzer anderer Anbaugebiete in die Gänge. Erst an den angrenzenden Regionen wie dem Kremstal, dann immer mehr auch im Burgenland und der Südsteiermark, wo sich Top-Winzer wie Manfred Tement und Alois Gross vor allem in den Sauvignon blanc hineinknieten, der auf Spitzenlagen wie dem Hochgrassnitzberg nicht nur perfekt gedeiht, sondern vor allem auch stilistisch weit über Vorbilder wie den Sancerre oder den Sauvignon aus Neuseeland hinausweist.

Im Burgenland, das sich klimatisch vor allem für Rotweine eignet, dauerte die Entwicklung etwas länger. Denn die in den Aufbruchsjahren neu gepflanzten Reben – Blaufränkisch, St.Laurent, Zweigelt – kamen erst nach und nach in ein Alter, das Rotweine der Weltspitze möglich macht. Allerdings zeigte Ernst Triebaumer schon 1986 mit seinem eher instinktiv als önologisch durchdacht konzipierten „Ried Marienthal“, was dort drunten möglich ist. Immer, wenn dieser Wein bei Raritätenproben auftaucht, überrascht er durch neue Wandlungen, liegt aber nie unter Weltklasseniveau. Ein anderer, enorm wichtiger Pionier war der kürzlich verstorbene Alois Kracher, der die Süßweine vom Neusiedlersee fast im Alleingang vom Makel der Glykol-Affäre befreite und als erster österreichischer Winzer von Robert W. Parker mit Höchstnoten eingedeckt wurde.

In den Neunziger Jahren gingen die österreichischen Winzer finanziell in die Vollen. EU-Mittel aus der Förderung der Grenzregionen erlaubten den Bau architektonisch spektakulärer Kellereien, die zum Teil wirken, als seien sie direkt aus dem Napa Valley transplantiert worden. Doch das Geld dient nicht nur der Selbstdarstellung in Hochglanzmagazinen, sondern floss vor allem in neue Kellertechnik, die den Weinen zu einem weiteren Qualitätssprung verhalf. Dem Zeitgeist entsprechend stockten die Winzer auch ihre Barrique-Lager auf und versuchten, den scheinbar übermächtigen Übersee-Produzenten mit viel neuem Holz im Wein auf deren Gebiet Paroli zu bieten - aber um dieses Thema ist es vor allem beim Weißwein doch weltweit ruhiger geworden. Das führte jüngst zu einer qualitative Neudefinition für die Weine der „Steirischen Klassik“, die schon seit den frühen 90ern das Basissortiment der südsteirischen Weine bilden. Doch das Profil des trockenen, rebtypischen und im Stahltank ausgebauten Weißweins litt unter dem großen Erfolg der höherwertigen Lagenweine; nicht selten hatten kritische Verkoster den Eindruck, es bleibe für den Klassik-Wein nicht mehr allzu viel herausragendes Lesegut übrig. Das dürfte sich jetzt rasch ändern.

Im Moment passt das relativ kühle Klima Österreichs sogar wieder besonders gut in den internationalen Rotweintrend, der sich von überextrahierten „Marmeladenweinen“ abwendet in Richtung Eleganz und Transparenz. In Österreich - das zahlt sich auf Dauer aus - war man immer offen für neue Technik, glaubte aber nie an den Sinn von High-Tech-Manipulationen. Deshalb geht der Trend jetzt auch bei Spitzenbetrieben eher in Richtung biologischen oder biodynamischen Anbaus. Der Nikolaihof in Mautern hat sich bei diesem Thema früh als Vorreiter profiliert.

Der größte Vorteil der qualitätsbewussten österreichischen Winzer ist vermutlich die Größe ihrer Rebflächen. Das Land liefert gerade einmal ein Prozent der Weltweinproduktion – damit verbietet sich die Herstellung belangloser Massenweine praktisch von selbst. Dennoch blieb es nicht aus, dass unbekanntere Regionen wie Weinviertel oder Traisental dem Erfolg von Weinen aus der Wachau und der Steiermark ein Stück hinterher hinkten. Viele Regionen, z.B. Donauland-Carnuntum, wurden in rascher Zeitfolge umsortiert und neu zugeschnitten, und die Suche nach einem schlüssigen System kontrolllierter Herkunft erwies sich als außerordentlich kompliziert. Inzwischen ist aber klar, dass die österreichische Weinwirtschaft die Gebiete kleinteiliger anlegt und damit den Herkunftsgedanken klar in den Vordergrund rückt. „Districtus Austriae Controllatus“ (dac) heißt dieses System, das 2002 im Weinviertel eingeführt wurde und inzwischen auch im Mittelburgenland, Traisental und Kremstal gilt.

Allerdings werden in diesem System die Anforderungen an die gebietstypischen Rebsorten viel enger gefasst als beispielsweise in Deutschland oder Frankreich. So darf im Weinviertel nur der Grüne Veltliner das dac-Siegel tragen, im Mittelburgenland nur der Blaufränkische. Und die Weine müssen sich stilistisch innerhalb einer durch die Tradition definierten Bandbreite bewegen, das heißt, dass beispielsweise Barrique-Veltliner im Weinviertel nicht dac-fähig sind. Dies hat die Sorge aufkommen lassen, dass das neue System austauschbares Mittelmaß unterstützen und Neuerern eher im Weg stehen könnte. Die seit 2007 im Kremstal eingeführte, stilistisch offenere Kategorie „Reserve“ darf als der Versuch gelten, darauf eine Antwort zu finden.

Es ist klar, dass alle noch nicht ins dac-System eingewobenen Produzenten aufmerksam und kritisch beobachten, was da auf sie zukommt. Eine interessante Gruppe sind die burgenländischen Winzer, die sich unter dem Namen „Leithaberg“ zusammengetan haben, weil sie Reben auf diesem markanten Höhenrücken besitzen. Ihre beiden ersten Jahrgänge waren ein großer Erfolg, und folglich wird die Einrichtung einer „dac Leithaberg“ diskutiert. Doch die Umsetzung könnte daran scheitern, dass die Gründer ein sehr hohes Qualitäts- und Preisniveau vorgegeben haben, das unter den großflächigeren dac-Bedingungen nur schwer aufrecht zu erhalten wäre. So oder so werden uns die österreichischen Winzer immer wieder überraschen. . .

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