Zeitung Heute : Auf den Bolzen muss man erst einmal kommen

Branchenübergreifendes Denken kann trainiert werden – wie Wettbewerbsvorteile durch Cross-Innovations entstehen.

Innovation findet mehr und mehr in einer offenen Umgebung statt. Dort weitet sich der Horizont. Ohne Computertechnologien wäre manche Vernetzung indes undenkbar. Foto: obs/Epson Deutschland GmbH
Innovation findet mehr und mehr in einer offenen Umgebung statt. Dort weitet sich der Horizont. Ohne Computertechnologien wäre...Foto: obs

Früher glaubte man, dass Innovation in unternehmenseigenen Forschungsabteilungen und hinter geschlossenen Türen an Hochschulen entsteht. Heute weiß man, dass Innovation nur in einem fruchtbaren Ökosystem entstehen kann. Besonders spannend ist es vor allem an den Schnittpunkten zwischen verschiedenen Branchen, wo durch die interdisziplinäre Verknüpfung von Produkten, Services und Trends neue Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten entdeckt werden. Das nennt man Cross-Innovation.

„Was diesen Innovationsansatz so spannend macht, ist, dass er die urmenschliche Neugier befriedigt und nicht eindimensional ist. Indem man über den Tellerrand schaut, weitet man die Grenzen der Welt aus", sagt Andreas Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts und Co-Autor der vielzitierten Studie „PraxisGuide Cross-Innovations“. Dennoch beschäftigen sich nur etwa zehn Prozent der deutschen Unternehmen aktiv mit Entwicklungen in anderen Branchen, um ihre eigenen Produkte, Dienstleitungen und Arbeitsabläufe zu verbessern oder neu zu entwickeln. „Cross-Innovation gewinnt aber langsam an Fahrt“, so Steinle. Ein Motor dafür sei das Internet der Dinge, also intelligente beziehungsweise. vernetzte Geräte. „Man schätzt, dass es 2020 fünfmal soviele vernetzte Geräte geben wird wie Menschen auf der Welt. Das reicht vom Smartphone über vernetzte Autos bis zum intelligenten Medikamentendeckel, der den Patienten daran erinnert, seine Tablette rechtzeitig einzunehmen“, sagt Steinle.

Diese technologische Entwicklung führt auch dazu, dass Branchengrenzen zunehmend verschwimmen. Autohersteller sind heute auch Mobilitätsdienstleister. So wie Mercedes und BMW mit ihren Car-Sharing-Angeboten. Auch die Bahn bietet längst nicht mehr nur Zugfahrten an, sondern ein integriertes Mobilitätskonzept mit Leihfahrrädern und Car-Sharing. „Es ist vorstellbar, dass in Zukunft Mobilitätsdienstleister auch zu Bildungsdienstleistern werden“, so Steinle. Wobei man so weit nicht einmal gehen muss. Sogar Nägel verändern sich. „Warum Nägel, fragt man sich, die haben sich doch in Tausenden Jahren nicht verändert“, sagt der schwedische Innovationstrainer Fredrik Härén. „Aber die Nagelindustrie unterliegt gerade einem großen Wandel.“ Das liege daran, dass Handwerker nicht mehr hämmern, sondern Bolzensetzgeräte benutzen. Dafür benötigen sie Nägel, die wie Munition auf einem Plastikstreifen aufgebracht sind. „Und so kommt es, dass sich ein Nagelhersteller plötzlich mit den Produzenten dieser Bolzensetzgeräte zusammentun muss.“

Ein weiteres Beispiel für branchen- oder unternehmensübergreifende Kooperation ist die Zusammenarbeit von Nike und Apple. Gemeinsam haben sie das Nike+ iPod Sportkit – ein vernetztes Angebot aus Nike-Sportschuh mit Sensor und dem Apple iPod, der als Schrittzähler dient und Zugang zu einer Online-Lauf- Community bietet – entwickelt. „Man kauft nicht nur einfach einen Laufschuh, sondern auch die Motivation, laufen zu gehen“, erklärt Andreas Steinle die innovative Lösung. Aber Cross-Innovation entsteht nicht nur durch Kooperation, sondern auch durch Wissenstransfer. So geschehen etwa bei der Entwicklung des Steuerungssystems iDrive von BMW. Hier diente die Joystick-Technologie zur Steuerung von Operationsrobotern in der Chirurgie als Inspiration für die bequeme, einhändige Bedienung verschiedener Bordgeräte vom Radio bis zum Navi.

Ganz ähnlich lassen sich die Ingenieure des Öko-Fertighaus-Herstellers Baufritz durch Besuche von branchenfremden Messen inspirieren. So hat der Besuch einer Automesse zur Entwicklung des Cabrio-Dachs geführt. Dieses bewegliche Dach ermöglicht es Bewohnern, das Wohnzimmer per Knopfdruck in eine übergroße Dachterrasse zu verwandeln. Ziemlich innovativ.

„Innovation findet mehr und mehr transdisziplinär in einer offenen Umgebung statt“, sagt Ingrid Walther, Referatsleiterin der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft und verantwortlich für das Projekt Zukunft. „Dafür braucht man geeignete Räume, Kristallisationspunkte jenseits der Betahäuser und Oberholzes. Und genau diese Labs bietet Berlin als offene Schnittstellen von Innovation und Kreativität.“ Dazu zählen auch und vor allem Initiativen zur Integration der Kreativwirtschaft als Querschnittsbranche und eine aktive Vernetzung von Kreativen mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). „Berlin wächst mit der digitalen Wirtschaft und den vielen Start-ups, aber das heißt noch lange nicht, dass wir etwa größere Mittelständler aus Süddeutschland dazu bewegen können, nach Berlin umzusiedeln“, so Walther. Umso wichtiger seien Plattformen und Events, um den Erfahrungsaustausch zu stärken und Cross-Innovation voranzubringen.

Bis zum 31. Dezember können sich KMU auch noch bewerben, um sich mit bis zu 15 000 Euro im Rahmen des Berliner Förderprogramms „Design Transfer Bonus“ fördern zu lassen, wenn sie Entwurfsarbeiten sowie Leistungen des Designs wie Beratung, Projekt- und Designmanagement für neue oder veränderte Produkte, Dienstleistungen und Produktionsverfahren an externe Designer vergeben.

Das Förderprogramm ist aber auch gleichzeitig ein Akquisitionsinstrument für Designer. Dabei müssen nicht alle Innovationen technologiegetrieben sein. So hat etwa die Zusammenarbeit zwischen der Charité, der Designagentur Art+Com und Graft Architekten zur Entwicklung eines innovativen Krankenzimmers für die Intensivstation geführt. Das Zimmer, das fast wie ein Hotelzimmer aussieht, ist Teil eines Forschungsprojekts. Hier wird untersucht, ob Patienten in dieser Umgebung mess- und spürbar schneller gesunden. Ein anderes Beispiel stammt aus Bremen, wo die Deutsche Kammerphilharmonie einen Probenraum gesucht hat und in einer Problemschule fündig wurde. Heute bringen die Weltklassemusiker gemeinsam mit sozial schwachen Kindern regelmäßig Musikstücke auf die Bühne. Eine Bereicherung für alle. Cross-Innovation kann also neben technologischer Entwicklung und unternehmerischen Wettbewerbsvorteilen auch zu sozialen Fortschritten führen. Man muss es nur ausprobieren.

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