Zeitung Heute : Auf den Charakter kommt es an

Warum nur einzelne Hunde gefährlich sind – und weshalb das hauptsächlich an dem jeweiligen Herrchen liegt

Dorit Feddersen-Petersen

Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, warum Hunde gefährlich werden. Bei der Herausbildung des Verhaltens gibt es Phasen ausgeprägter Sensibilität allen Umwelteinflüssen gegenüber. In denen wird gerade auch der Umgang mit Sozialpartnern in Konfliktsituationen oder bei Rivalitäten entscheidend geprägt. Auch das Umfeld des Tieres mit allen Besonderheiten seiner Einbindung ist entscheidend. Und letztendlich muss das Geschehen analysiert werden, dass zur schweren Körperverletzung oder gar Tötung eines Menschen geführt hat. Eine Auseinandersetzung mit dem Sozialpartner, mit dem eine Begegnung eskalierte ist einfach obligatorisch.

Vorliegende Definition „gefährlicher Hunde“, – wie in den Hundeverordnungen einiger Bundesländer praktiziert – sind vielfach zu unpräzise und allgemein gehalten, als dass sie im Rahmen zu treffender Maßnahmen nach einem Vorfall von gefährlichen oder extrem belästigenden Zwischenfällen mit Hunden ursächlich „greifen“ könnten.

Es gibt Mensch-Hund-Beziehungen, die Indikatoren einer potenziellen Gefährdung aufweisen, die über das „Restrisiko“ der Haltung eines großen, sozial expansiven Hundes hinausgehen. Denn Größe, Kraft, wie auch bestimmte Verhaltensmerkmale eines Hundes sind für das Zusammenleben mit bestimmten Menschen offenbar latent gefährlich. Große Hunde oder Hunde bestimmter Rassezugehörigkeit deshalb zunehmenden Haltungsrestriktionen zu unterwerfen oder sie gar zu verbieten, „aussterben“ lassen zu wollen, ist keine Lösung.

Es geht in aller Regel um bestimmte Mensch-Hund-Beziehungen. Problematische Entwicklungen derselben Hunde verschwinden bei anderen Hundehaltern sofort, wie in etlichen Fällen zu belegen war. Es ist bekannt, dass es gerade Hunde sind, die bereits ein- oder zweimal auffällig wurden, denen zum Beispiel ein Leinenzwang verordnet wurde, die schwere Verletungen verursachten.

Die Beziehungsschiene Mensch-Hund ist von ganz entscheidender Bedeutung. Denn Hunde kooperieren und konkurrieren mit ganz bestimmten Menschen in ganz besonderer Weise. Das ist für sie arttypisch. Ein Ausgleich zu dieser häufig ambivalenten Situation wird von bestimmten Menschen nicht verstanden oder so manipuliert, dass sich inadäquates Aggressionsverhalten ihres Hundes entwickeln muss. Ausserdem ist die Stimmungsübertragung Mensch-Hund nicht zu vernachlässigen. Der Ansatz bei bestimmten Haltern, das Erkennen von Gefahrenmomenten am Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Hund wird oft unterschätzt oder es unterbleibt ganz. Es sind, wie auch wissenschaftliche Untersuchungen belegen, individuelle Mensch-Hund-Beziehungen, die den ersteren zur Gefährdung seiner Umwelt werden lassen.

Gefährliche Hunde sind stets individuell zu benennen, eine häufige Genese ist die der soziale Deprivation. Soziale Unsicherheit und Angst begleiten das gesamte Hundeleben, wenn die Jugendentwicklung in „Hundefabriken“ ohne ausreichende Sozialisation an Artgenossen und Menschen erfolgte. Restriktiv in Zwingern aufgewachsene Hunde werden stets „Schwierige“, oft bissige Hunde. Es besteht – zumal in der frühen Entwicklung eines Hundes – eine innige Wechselwirkung von Umwelt und Erbgut, die den späteren Hund formt. So wird die Art und Weise, Konflikte zu lösen in dieser Zeit geübt, im spielerischen Kontext. Isoliert oder reizarm aufgezogene Hunde zeigen häufig situativ unangemessenes, übersteigertes Angriffs- wie Abwehrverhalten, wodurch erhebliche Gefahrenmomente geschaffen werden. Dieses geschieht am häufigsten aus sozialer Unsicherheit und Angst.

Vergleichende Untersuchungen an mehr als 20 Hunderassen haben nicht beweisen können, das eine bestimmten Rasse besonders bissig wäre. Es gibt keine „gefährlichen Hunderassen“, es gibt nur gefährliche Hundeindividuen. Der Begriff „gefährlicher Hund“ ist unabhängig von der Rassezugehörigkeit zu benennen.

Dorit Feddersen-Petersen ist lehrt Tierpsychologie an der Universität Kiel.

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