Zeitung Heute : Auf den Dächern von Berlin

Deutsche und amerikanische Studierende verwandeln ungenutzte Dachflächen in Freizeitparadiese

Heiko Schwarzburger

Die Dächer von Berlin – nachhaltig aufgewertet: So lautet das Thema der diesjährigen „Summer Academy“ der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH). Angehende Architekten und ihre Professoren wollen Berliner Dächer in eine Party- und Freizeitzone verwandeln. Im Sommer treffen sie sich zu diesem Zweck mit Studierenden und Dozenten aus New York zu einer Sommerakademie in Berlin. „Insgesamt 30 junge Leute werden in kleinen Gruppen ihre Ideen entwickeln: das Belvedere auf dem Dach, das Gäste- oder Badehaus, die Bibliothek, die Werkstatt, das Wolkenkuckucksheim, der Elfenbeinturm, eine Sauna, ein kleiner Club oder ein Chillout Room“, erläutert Robert Demel, der seit dem Jahr 2000 an der TFH lehrt. Er selbst hat sechs Jahre in Übersee gearbeitet und freut sich deshalb besonders über die amerikanischen Gäste von der School of Architecture des City College New York.

Die Sommerakademie läuft unter dem Titel „ars 07berlin“ und wird vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) und der Sto Stiftung unterstützt. „Das Konzept haben wir mit den Kollegen in New York gemeinsam entwickelt“, berichtet Demel. „Die Studierenden und wir Professoren arbeiten vier Wochen konzentriert zusammen.“ Zwanzig junge Amerikaner und zehn Studierende der TFH teilen sich in Dreier-Teams auf. „Wir konzentrieren uns auf Dächer in Mitte und Prenzlauer Berg“, sagt Demel. „Dabei geht es vornehmlich um Flachdächer der Bauten aus den 60er- bis 80er-Jahren. Das sind ungenutzte Brachen, die man mit architektonischen Applikationen aufwerten kann.“

Ziel der Professoren ist es, dass ihre Schützlinge nicht nur einen schönen Entwurf für eine Dachgartenlaube oder eine Holzsauna abliefern. „Die Gestaltung muss auch nachhaltig konzipiert sein“, nennt Demel die Anforderungen. „Da sie temporär angelegt ist, muss man sie auf- und abbauen können. Außerdem muss ein Pavillon oder eine andere Konstruktion auf dem Dach so gestaltet sein, dass sie mit möglichst wenig Energie auskommt. Wenn Energie benötigt wird, dann vielleicht aus Solarzellen oder Sonnenkollektoren. Wir stellen uns hier Bauten im Standard von Passivhäusern vor.“ Darunter versteht man Gebäude, die keine Heizung brauchen. Sie nutzen die Sonneneinstrahlung und sind ausgezeichnet gedämmt. Deshalb müssen die Studierenden ihren Entwurf auch so weit verfeinern, dass sie die Materialien festlegen, aus denen der Dachaufbau montiert werden soll.

Im vergangenen Jahr erlebte die Sommerakademie ihre Erstauflage. Damals nahmen sich die Teilnehmer eine Freifläche gegenüber der ehemaligen Schinkelschen Bauakademie vor, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Auswärtigen Amt. „Seinerzeit ging es um den Klimawandel“, erläutert Robert Demel. „Nach Studien des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung wird die Temperatur in Berlin bis 2050 auf Werte ansteigen, wie sie heute etwa in Mailand herrschen. Wir müssen also heute schon wie für Mailand bauen.“ Für die Dächer – das Thema dieses Jahres – bedeutet dies: „Sie dürfen sich im Sommer durch die Sonne nicht zu sehr aufheizen“, so Demel. „Einfach nur eine verglaste Laube aufs Dach stellen, das wird nicht funktionieren.“

Jedes Projektteam soll ein durchdachtes Konzept für eine Dachfläche von immerhin 60 bis 80 Quadratmetern abliefern. Nach anderthalb Wochen müssen die Studierenden ihre Entwürfe das erste Mal präsentieren. Die verbleibende Zeit wird an Details gebastelt – mit aufwändigen Berechnungen zum Energieverbrauch, Zeichnungen und Plänen. „Dann geht es um die Auswahl nachhaltiger Baustoffe“, präzisiert Demel. „Die Frage wird sein, ob man die Gebäudehülle aus Holz, Kunststoff, einer Metallverkleidung oder mit Putz herstellt. Wir arbeiten nur an Projekten, bei denen wir die originalen Gebäudepläne bekommen. Für die Studenten ist das Praxis pur.“

Robert Demels Kollege Willi Hasselmann freut sich ebenfalls auf die Sommerakademie, obwohl sie für die Professoren des Studienganges viel zusätzliche Arbeit bedeutet. „Letztes Jahr war das eine sehr internationale Veranstaltung“, erinnert er sich. „Wir hatten Gäste aus Brasilien, Korea, sogar aus Indien.“ Die Studierenden bewerben sich über die TFH oder die New Yorker Hochschule, mittlerweile greift die „Flüsterpropaganda“. Mit dem kommenden Jahr wird die Summer Academy auch Bewerbungen von Studierenden weiterer deutscher Hochschulen berücksichtigen. Noch schießt der DAAD rund 8000 Euro zu dem Projekt hinzu. Ab 2009 muss sich die Sommerakademie dann selber tragen. Sponsoren sind also willkommen.

Auch die deutschen Studierenden haben die Chance längst erkannt, ihren Studienstoff in den vier „heißen“ Sommerwochen ordentlich aufzupeppen. Im März fliegen die beiden Professoren mit zehn TFH-Studierenden über den großen Teich, um die Sommerakademie mit Studierenden und Kollegen in New York vorzubereiten. Allerdings: „Der DAAD unterstützt vorrangig den Bildungsstandort Deutschland und nicht den Austausch in die andere Richtung“, sagt Hasselmann. „Unsere Studenten bezahlen diese Reise aus eigener Tasche.“ Offenbar kein Hinderungsgrund, so begehrt ist die „Summer Academy“ bereits. Und auch im Rahmen der Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master kommt den Professoren das Projekt gelegen. „Im Austausch mit den Kollegen aus New York können wir prüfen, welche Anregungen wir von drüben übernehmen, oder was wir besser modifizieren sollten“, sagt Willi Hasselmann.

Der enge Kontakt in die US-Metropole reiht sich dabei nahtlos in eine Vielzahl von Kooperationen der TFH-Architekten mit ausländischen Partnern ein. „Wir haben sehr gute Kontakte zu Hochschulen im europäischen Ausland, zum Beispiel nach Amsterdam, Rotterdam, Krakau, Alicante, Mailand, Newcastle und Kopenhagen, um nur einige zu nennen“, zählt Willi Hasselmann auf. „Weitere Programme laufen mit Hochschulen in Brasilien, Chile und Kuba.“

Mehr im Internet:

www.tfh-berlin.de/FB_IV

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