Zeitung Heute : Auf den Flügeln der Revolution

„Wir haben eine einmalige Chance“: Ein Jahr nach der Wende ist Georgien der Boom-Staat im Kaukasus

Ralf Südhoff[Tiflis]

Er zieht an der eisernen Klinke des Portals, er zieht und zerrt, strahlt über beide Pausbacken und verkündet: „So begann die Rosenrevolution in Georgien!“ Dann reißt er die Pforte des Parlamentsgebäudes auf, läuft ins Plenum und breitet die Arme aus: „Musik erklingt, und alle beginnen zu feiern und zu singen!“ Na ja, ganz so ist es nicht gewesen, gibt Kote Gabaschwili zu, der Ex-Diplomat, „in Wahrheit ging nur die rechte Schwingtür auf, und die Revolution begann im braven Gänsemarsch“. Doch dann bekam sie Flügel.

Ein Jahr ist es her, dass über die Fernseher in aller Welt flimmerte, wie die georgischen Oppositionellen nach tagelangen Demonstrationen den Parlamentssaal in Tiflis stürmen und wie Präsident Eduard Schewardnadse Hals über Kopf vom Rednerpult flieht und seine Ära im Hinterausgang des Parlaments endet. Seitdem scheinen die neuen Nachrichten aus Georgien geradezu unerhört: Wirtschaftsboom, Aufbruchstimmung, radikale Reformen – wer hätte so etwas je mit Georgien verbunden? Mit diesem Staat mitten im „Pulverfass Kaukasus“, keine 50 Kilometer von Beslar entfernt, umgeben von Tschetschenen, Al-Qaida-Kämpfern, argwöhnischen Russen und verfeindeten Nachbarn in Armenien und Aserbaidschan? Erhofft hatten sich den Aufschwung viele, für die in einem prosperierenden, demokratischen Georgien der Schlüssel für die gesamte Region liegt. Den aber wusste Schewardnadse, der alte Freund Deutschlands und des Westens, nicht mehr rechtzeitig umzudrehen, bevor ihn ein 36-Jähriger vertrieb: Am 23. November vergangenen Jahres ist es der charismatische Mikhail Saakaschwili, der die Parlamentstür aufreißt und mit einer Rose in der Hand in den Saal marschiert.

Schlagartig wird der Kämpfer gegen Korruption und Wahlfälschungen zum Hoffnungsträger der Georgier und des Westens zugleich, und er legt so furios los, dass Kote Gabaschwili seinen Botschafter-Job in Berlin an den Nagel hängt: „Ich gehe zurück!“, beschließt der Diplomat nach zehn Jahren Deutschland. Und so steht er nun kurz vor dem Jahrestag der Revolution im georgischen Parlament und füllt den leeren Saal mit Aufbruchseuphorie: „Die ersten regionalen Konflikte sind schon gelöst! Der Haushalt ist erstmals fast ausgeglichen. Der Tourismus am Schwarzen Meer… riesige Chancen…!“

Riesige Chancen sehen in der Tat viele Beobachter plötzlich für die fünf Millionen Georgier, für den ganzen Kaukasus und nicht zuletzt für die Interessen des Westens. Dessen hochrangige Gesandte geben sich von Joschka Fischer über Colin Powell seit einem Jahr in Tiflis die Klinke in die Hand – und manch einem stockt beim Staatsbesuch der Atem angesichts einer Regierung, die offenbar keinen Stein im Staat auf dem anderen lassen will. In einem Land, in dem bis vor kurzem noch bis zu 90 Prozent der Staatseinnahmen versickerten, stehen in manchen Ministerien zwei Drittel der Mitarbeiter wegen Korruptionsverdachts auf der Straße, Tausende im gigantischen Sicherheitsapparates müssen ohne ihren alten Job und die lieb gewordenen Bestechungsgelder auskommen, und ein westlicher Diplomat erzählt: „Früher waren allein auf meinem kurzen Weg zur Arbeit täglich vier Verkehrskontrollen, die alle nur Autos rauswinkten, um sie abzukassieren. Heute steht da keiner mehr.“ Und die Wirtschaft explodiert. Für nächstes Jahr prophezeien Ökonomen zweistellige Zuwächse. Es scheint einfach alles für den jungdynamischen Saakaschwili zu laufen, den im Januar 96 Prozent der Georgier zum Präsidenten wählten.

Kaum war er im Amt, sprudelten die Einnahmen aus dem Bau einer der bedeutendsten und umstrittensten Öl-Pipelines der Welt, die künftig dem Westen Zugang zu den Ölvorkommen am Kaspischen Meer verschafft. Zudem frisst sich gerade eine Gas-Pipeline durchs Land, die Hotels sind voll, die Auslandsinvestitionen fließen. George Soros, der US-Finanzier mit osteuropäischen Wurzeln, trägt auch sein Scherflein bei, indem er Georgien quasi ein Straßennetz spendete: Kilometer um Kilometer ziehen sich die neuen Highways hin, hinaus aus Tiflis, quer durch die endlosen Felder, immer entlang der Kaukasus-Höhen. Wer hier die Natur sieht, glaubt sofort, alles wird gut und Georgien der Nährboden für Wohlstand und Frieden im Kaukasus.

Wenn da nicht am Rande der Highways die Bauern und Bäuerinnen in ihren grauen Jacken und schwarzen Kleidern stünden. Karren um Karren, Lada um Lada haben sie herbeigefahren, in denen sich Tomaten und Weintrauben stapeln. Alle haben das Gleiche, alle warten stoisch auf Kunden. Und wenn da nicht all die Sowjetfabriken wären, die am Wegesrand vor sich hin rosten. Georgiens Exportgut Nummer eins heißt Schrott.

Saakaschwilis junge Ministerriege will nun die Gunst der Stunde nutzen und eine ordentliche Metallindustrie aufbauen. Doch sie muss sich sputen: Der Dollarstrom aus dem Pipeline-Bau wird nicht ewig die Wirtschaft ankurbeln, der Westen erwartet für seine Hilfsgelder bald Resultate, und mancher Ökonom mahnt ein umfassendes Wirtschaftskonzept an, das die personell ausgebluteten Ministerien bislang nicht liefern.

Und noch bleibt fraglich, wie der neue Präsident Georgiens die Probleme mit seinen abtrünnigen Provinzen lösen will: Das südliche Adscharien vermochte Saakaschwili binnen Monaten mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Panzer zurückzuholen. Doch über Abchasien am Schwarzen Meer, wo erst vor wenigen Tagen neue Unruhen ausbrachen, vermag er so wenig die Kontrolle zu gewinnen wie über Südossetien, das im Norden Georgiens Nadelöhr für seinen so wichtigen Handel mit Russland bildet.

Doch noch sind die Hoffnungen groß, dass Saakaschwili als Nächstes die Reform der maroden staatlichen Strom- und Telekommunikationsunternehmen anpackt, dass so die „Investitionen befördert werden, die nötig sind, um das Wachstum langfristig zu sichern“, wie das britische Wirtschaftsblatt „Economist“ mahnt, und dass bald ganz neue Branchen boomen. Zum Beispiel der Tourismus.

„Wir haben 60 Prozent mehr Besucher in diesem Jahr“, verkündet Natia Muladze, während sie durch den Bergwald stapft, immer dem neu angelegten Wanderpfad nach. „Wir sind das Land der alten Kultur und der unberührten Natur“, preist sie ihre Heimat, und man glaubt der 27-Jährigen sofort, dass sie das nicht nur sagt, weil sie Chefin des Besucherservices im riesigen „Nationalpark Borjomi-Kharagauli“ ist. Bisher kamen allerdings nur rund 1000 Gäste im Jahr hierher. Das hat sich nun geändert, sagt Natia, „die Visa-Gebühren wurden gesenkt, und vor allem unser Image hat sich geändert“. Was sie damit meint? Kurz hält sie am steilen Hang inne und überlegt. „Früher waren wir das Land neben Tschetschenien. Heute sind wir das Land von Demokratie und Aufbruch.“

Das hätte Kote Gabaschwili kaum schöner sagen können. Im verlassenen Parlamentssaal von Tiflis hat sich der Ex-Diplomat in seinem Abgeordnetenstuhl in der ersten Reihe niedergelassen und erinnert sich an die Tage nach der Revolution: „Ich will zurück, um die Politik mitzugestalten, habe ich sofort gedacht!“ Und dann ruft er nochmals in den leeren Plenarsaal: „Wir haben jetzt eine einmalige Chance. Und wir haben eine echte Demokratie.“

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