Zeitung Heute : Auf den Hügel klettern

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Es gibt so Sätze, die sind wie rote Tücher. „Warte nur, du wirst auch noch mal ganz alt aussehen“, lautet einer. Will sagen: Dir wird es schon noch mal richtig dreckig gehen. Wobei der solches Aussprechende zweifellos andeuten will, dass er gerne Zeuge dieser Demütigung wäre. Andere klingen freundlicher: „Du bist noch nicht über den Hügel“, sagte meine Freundin Kristi, damals 16, zu mir in einem sehr freundlich gönnerhaften Ton. Ich war 27 und fragte mich, was sie damit wohl meinen könne.

Heute weiß ich es.

Vielleicht meinte sie das Offensichtliche, zum Beispiel, dass man auch mit steinalten 27 Jahren bei den Jungs noch nicht völlig chancenlos ist. Obwohl Kristi schon immer ein Stück weiter war als andere, erscheint es eher unwahrscheinlich, dass sie an die zweite Bedeutung dieses Ausdrucks dachte, die aber auch nicht unwichtig ist. Wer die Spitze des Hügels erreicht hat, erlangt die Fähigkeit, sich vorstellen zu können, einmal nicht mehr jung zu sein. Bis es soweit ist, erliegt man leicht der Versuchung, das eigene vergleichsweise zarte Alter für ein persönliches Privileg zu halten: etwas, das man aufgrund seiner Verdienste selbstverständlich auf Lebenszeit besitzt.

In einer Gesellschaft, die zum Mitfühlen nicht geradezu ermuntert, die durch relativen Reichtum viel raubautziger geworden ist, als es ihre sozialen Etiketten vermuten lassen, ist er schwer: der Weg auf den Hügel, von dem aus man runterblicken kann auf das eigene Ende. Selbst wenn man regelmäßig seine Großeltern besucht oder freiwillige Dienste in Seniorenheimen verrichtet oder auch nur gelegentlich als guter Pfadfinder einem betagten Mütterchen über die Straße hilft: Man ist völlig unfähig, sich selbst an dieser Stelle zu sehen. Schließlich war man ja nie alt. Die Alten, das waren, solange man denken kann, wirklich immer nur die anderen. Die Aufschreie der Popkultur, als da zum Beispiel wären „Forever young“ oder auch die Hoffnung auf den frühgenialen Gnadentod „Hope I die, before I get old“ sind zwar selber ein wenig in die Jahre gekommen, haben aber in den Köpfen der Nachwachsenden an Aktualität nichts verloren.

Übrigens ist es ganz gut so, wenn man die Spitze des Hügels nicht zu früh erreicht, nicht, bevor man ein kräftiges Stück ins eigene Mittelalter hineinmarschiert ist. Es besteht die Gefahr, dass der Blick hinab resignativ stimmt, dass er die Lust am Erreichen neuer Ziele dämpft, dass er Prioritäten verrückt. Mitfühlen ist gut, Vorwärtsstürmen in einem bestimmten Alter aber sicher noch besser. Schließlich muss es auch ein wenig vorangehen. Wenn man es dann schafft, all diese Strömungen zu einem generationenübergreifenden Mix zusammenzubringen, kann es ja immer noch zu einem glücklichen Ende kommen.

Heute ist Sonntag, der Tag der Muße, der Tag, an dem man wenigstens versuchen kann, sich gedanklich auf den entscheidenden Aussichtspunkt hoch zu katapultieren. Eine Erfolgsgarantie wird es aber nicht gegeben. Theoretisch weiß sowieso jeder, dass er mal alt wird. (Wenn er Glück hat.) Dieses Wissen allein bringt einen freilich noch lange nicht auf den Hügel, auf dem man es dann auch wirklich einsieht.

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