Zeitung Heute : Auf den Spuren der Barbarei

Er hat viel gesehen in seinem Leben. Aber Albträume bekam Chefermittler D’Elia erst, als er die Nazi-Massaker in Italien untersuchte. Was er da erlebte, wird er nicht mehr vergessen

Paul Kreiner[Rom]

Er hat seine Telefone ausgeschaltet und den Fernseher nicht mehr angemacht. Er ist einfach von der Bildfläche verschwunden. Für zwei Monate. „Es war wunderschön. Ich habe mich voll in den Orient gestürzt. Diesen Urlaub habe ich gebraucht.“

Das war Mitte Januar. Roberto D’Elia, 56, ein hochgewachsener, durchtrainierter Offizier, hat damals dringend Abstand gebraucht. Hinter ihm lagen vier Jahre voller Grausamkeiten. D’Elia war Chef eines italienischen Ermittlerpools, der die Nazi-Massaker in Italien untersuchte. Am 16. Januar wurden in Abwesenheit zehn Deutsche zu lebenslanger Haft verurteilt – die sie allerdings nicht antreten werden, da Deutschland sie – hauptsächlich aus Altersgründen – nicht an Italien ausliefert. Ein paar kleinere Prozesse sollen noch in diesem Jahr zu Ende gehen.

Inzwischen ist D’Elia, Oberst der Gebirgsjäger, zurück in der Kaserne von Bozen. Jetzt kann er wieder reden, jetzt lässt er diese vier Jahre Revue passieren, diese „unglaublichen Dinge“. Er sagt: „Zuvor war ich bei der Kripo in der Lombardei. Da hatte ich schon alles Mögliche gesehen, brutale Morde, herausgeschossene Gehirne. Aber die Albträume, die habe ich erst bekommen, als ich die Akten über die SS-Verbrechen 1944 in Italien gelesen habe.“

„Das waren Massaker“, sagt er, „die nenne ich nicht mal mehr unmenschlich, weil ich den Begriff ,menschlich’ in diesem Zusammenhang nicht gebrauchen will; sie waren nicht mal mehr tierisch, weil ein Tier nicht einfach aus Lust tötet, sondern aus Hunger. Diese Verbrechen waren – ja was? Wenn einer Frauen, Kinder und alte Leute mit dem MG zusammenschießt und dann, wenn sich aus dem Haufen ein Fünfjähriger befreien kann, diesem eigens nachrennt, um ihn auch noch zu erschießen – wie würden Sie das nennen? Oder wenn einer ein Neugeborenes in die Luft wirft und darauf ballert? Oder wenn einer den Bauch einer Schwangeren aufschlitzt?“

Knapp 300 Kilometer südwestlich von Bozen, in La Spezia, sitzt Marco De Paolis in einem Büro, das ähnlich düster ist wie die Kaserne von Roberto D’Elia. Nur hängen hier keine Militärfotos an der Wand, sondern Bilder von Segelschiffen. La Spezia liegt am Meer, und wenn der 48-jährige elegante Militärstaatsanwalt Abstand braucht, dann geht er segeln.

De Paolis beschäftigt sich seit elf Jahren mit den Kriegsverbrechen der deutschen Truppen in Italien. Die Akten, die Zeugenaussagen, die Vernehmungsprotokolle, die existierten schon vorher. Aber fünf Jahrzehnte lang waren sie weggeschlossen. Italien und die Alliierten hatten schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg kein Interesse mehr daran gehabt, Nazis zu verfolgen. Ein paar wenigen Anführern – Walter Reder, Herbert Kappler – machte man den Prozess; ihre Helfer blieben unbehelligt. „Die Justiz aber“, sagt De Paolis, „kann nicht bei den Kommandierenden Halt machen. Ohne ihre Mitarbeiter hätten die nichts zuwege gebracht.“

Als Mitte der 90er Jahre dann der „Schrank der Schande“ geöffnet wurde, und Akten um Akten herausquollen, waren die meisten der Beschuldigten schon tot. Und um zumindest den wenigen, die noch am Leben waren – „im Interesse der Opfer und der Angehörigen, die sich die ganze Zeit allein gelassen sahen“ – den Prozess zu machen, musste sich De Paolis beeilen. Er holte Hilfe in Südtirol: Um Roberto D’Elia herum entstand ein Pool von zwölf perfekt zweisprachigen Ermittlern.

Vier Jahre arbeiteten D’Elias Männer ausschließlich an diesen Nazi-Verbrechen. Sie spürten die Verdächtigen in Deutschland und Österreich auf, verhörten sie, durchsuchten ihre Häuser. Sie sprachen mit den Überlebenden in Italien, sahen sich gezwungen – so D’Elia –, „alte Wunden aufzureißen bei Leuten, die als kleine Kinder ihre ganze Familie, ihr Haus, ihr Dorf verloren haben und die diese Erlebnisse bis heute Bild für Bild eingebrannt tragen in ihren Köpfen“.

Die Ermittler waren zuständig für alle Kriegsverbrechen, die im mittleren Italien geschehen sind, in der Toskana, im Apennin, in der Emilia Romagna; genau dort hatten die Deutschen 1944/45 auf dem Rückzug vor den Alliierten und im Kampf mit einheimischen Partisanen besonders gewütet. „Wir waren Heinrich Himmlers rasendes Kommando“, so hatte sich noch vor wenigen Jahren ein Angehöriger der 16. Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ gebrüstet. Und wo deren 12 000 Mann keine Partisanen fanden, da schossen sie auf alles, was sich bewegte. Marzabotto, südlich von Bologna, und das Bergdorf Sant’ Anna di Stazzema über dem Marmorort Carrara, das waren die zwei grellsten Flammen eines Flächenbrandes, der 10 000 bis 15 000 Zivilisten das Leben kostete.

De Paolis und D’Elia loben die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden, mit Bundeskriminalamt, mit Staatsanwälten, mit Polizei und Archiven: Optimal sei sie gewesen, exzellent. Bürokratische Abläufe, die in grenzüberschreitenden Ermittlungen ansonsten immer noch Monate dauerten, habe man binnen weniger Tage erledigt.

Trotzdem: Einige der heute hochbetagten Beschuldigten starben, bevor sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Der frühere SPD–Bundestagsabgeordnete Klaus Konrad zum Beispiel. Er war für ein Massaker in San Polo bei Arezzo angeklagt. „Ich habe sein Haus durchsucht“, sagt D’Elia: „Da fand ich, schön versteckt, eine Reihe von Urkunden, von Hitler persönlich unterschrieben. Wir wussten, dass Konrad am fraglichen Tag in San Polo war. Frauen, Mädchen, ja sogar der Ortspfarrer haben ihn um Gnade angefleht. Wir wussten von daher, dass er gut Italienisch sprach. Er selbst hat immer das Gegenteil behauptet. Dann haben wir, mit Fotos, die entsprechenden Teilnehmerausweise gefunden: Konrad hat in den 40er Jahren in Berlin italienische Sprachkurse besucht.“

Auf die Spur so mancher Verdächtiger sind D’Elias Leute nur durch kleinste Indizien gekommen: „Einer von denen hat einem toskanischen Mädchen seine Heimatadresse aufgeschrieben und versprochen: Du musst keine Angst haben, wir haben es ja nur auf die Besitzer der Villa da oben abgesehen.“ D’Elia macht eine kurze Pause: „Das Mädchen war die Tochter dieses Besitzers.“ Als die Ermittler dann an der Haustür des Beschuldigten klingelten, „da war es einer von denen, die sich angeblich an nichts erinnern konnten. Dann haben wir ihm den Zettel gezeigt. Ja, hat er gesagt, das ist meine Handschrift, das war die Adresse meines Vaters. Wo haben Sie das nur gefunden?“

Andere Beschuldigte reagierten weniger perplex. „Da gab’s welche, die haben vor uns Nazilieder gesungen und gesagt, wenn die Heimat sie wieder riefe, dann wären sie genauso dabei wie damals“, erzählt D’Elia. „Ein anderer hat sich genau am Abend vor unserer Ankunft ins Krankenhaus einliefern lassen und war nicht zu sprechen. Wieder ein anderer hat uns und der deutschen Staatsanwältin, die beim Verhör dabei war, gesagt: Sie beleidigen mich mit Ihren Fragen. Dann ist er aufgestanden und gegangen.“

Und immer, sagt D’Elia, hätten sie das Echo der „Buschtrommeln“ gehört: „Diese Männer stehen untereinander im Kontakt. Es sind nicht diese harmlosen alten Leutchen, als die man sie heute gelegentlich hinstellt. Ihre Hilfs- und Kameradennetze funktionieren gut.“ Wie gut, das hat der Oberst am eigenen Leib mitbekommen: Es haben ihn Drohbriefe erreicht, aber nicht an seinem offiziellen Wohnsitz, „sondern an jener Adresse innerhalb des Kasernengeländes, wo ich mich aus Sicherheitsgründen mit meiner Familie aufhalte. Diese Adresse kennen eigentlich nur meine engsten Mitarbeiter.“

Selbstkritik ist den italienischen Ermittler selten begegnet. Ein Einziger, „bei dem haben wir gespürt, er will reden. Dann sind wir ein zweites Mal hin, ein drittes Mal, dann hat er uns gesagt: ,Ich kann nicht mehr. Ich sehe jetzt immer wieder die Bilder von damals, Tag und Nacht.’ Dann hat er erzählt, dass auf dem Kirchplatz von Sant’Anna, wo 560 Zivilisten erschossen wurden, tatsächlich er das Maschinengewehr aufgebaut hat. Er war der Einzige, der sich in einem Brief ans Militärtribunal und an die Überlebenden zu dieser Schuld bekannt hat. Zum Prozess angereist ist aber auch er nicht.“

Keiner von diesen Männern, so fährt D’Elia fort, habe sich wirklich geöffnet: „Ich kann ja alles verstehen, nicht aber, dass diese Leute nicht nachzudenken bereit sind. Ich hätte jedem von ihnen sagen wollen, du bist über 80 Jahre alt, du weißt, du wirst auch bei einer Verurteilung nicht mehr ins Gefängnis kommen, du hast jetzt die Chance, dich am Ende deines Lebens von dieser Last zu befreien. Aber nichts ist passiert. Nichts. Ich hätte diesen Leuten sagen wollen, wenn du schon für dich selber nicht reden willst, dann tu’s wenigstens für die junge Generation. Dass die Jungen nicht wieder dem selben Irrtum verfallen wie du damals. Der Keim ist ja immer noch lebendig. Diese Leute hätten reden können. Aber nichts. Nichts.“

Und nun, da die großen Prozesse abgeschlossen sind, gibt es jetzt so etwas wie Zufriedenheit? „Ja“, sagt Militärstaatsanwalt De Paolis, „trotz der nach 60 Jahren schwierigen Beweislage haben meine Anklagen im Wesentlichen vor den Tribunalen standgehalten. Das war vor allem für die Verwandten der Opfer und die Überlebenden eine moralische Genugtuung.“ Aber gibt es nicht auch in Italien Stimmen, die sagen, nach 60 Jahren seien solche Prozesse unsinnig, man solle diese alten Männer in Ruhe sterben lassen? „Ich weiß nicht“, meint De Paolis „wie man so etwas den Hinterbliebenen von damals erklären sollte, die alles verloren haben, die all das im Stillen ausgehalten haben und deren Glauben an die Gerechtigkeit schon matt wurde. Diese Gerechtigkeit muss man ihnen verschaffen.“

Roberto D’Elia in Bozen sagt, am meisten habe ihn beeindruckt, dass von den Angehörigen der Opfer und von den Überlebenden, „von diesen einfachen Bauern, Hirten, Arbeitern nie auch nur ein Ruf nach Rache oder ein Wort von Hass zu hören“ gewesen sei: „Niemals, niemals.“ „Und ich habe die Gesichter dieser Leute beobachtet. Vor den Prozessen waren sie gequält, nach den Urteilen waren sie offen, frei. Da war ein anderes Licht in ihren Augen. Da hatte sich für sie nach 60 Jahren ein Kreis geschlossen. Und sie haben geweint, ein großes befreiendes Weinen.“ „Allein dafür“, sagt D’Elia, „hat sich die Mühe gelohnt“.

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