Zeitung Heute : Auf den Spuren der Krimiautoren P.D. James, Ruth Rendell, Dorothy L. Sayers und Dick Francis

Stefanie Bisping

"Die Leiche ohne Hände lag auf dem Boden eines kleinen Segelbootes, das gerade noch in Sichtweite vor der Küste Suffolks trieb. Es war der Körper eines Mannes in mittleren Jahren, ein gepflegter kleiner Kadaver, sein Totenhemd ein dunkler Nadelstreifenanzug, der den schmalen Körper im Tod ebenso elegant umhüllte wie er es im Leben getan hatte . . ." Die englische Krimi-Königin P. D. James erwies sich als besonders empfänglich für den unheimlichen Zauber des Dorfes Dunwich in East Anglia. Sie siedelte hier mit "Ein unverhofftes Geständnis" einen ihrer gruseligsten Romane an. Die Schriftstellerin, die in einem Cottage gegenüber dem Pub "The Ship Inn" wohnte, war nicht die erste Schriftstellerin, die von der morbiden Geschichte dieses Ortes angezogen wurde - der Romancier Henry James war hier, Jerome K. Jerome, Autor von "Drei Mann in einem Boot" ebenfalls, und auch der Dichter Algernon Charles Swinburne.

Das Meer glitzert, Möwen kreischen vom Kiel eines umgedrehten Fischerbootes, unter den Füßen knirschen die Kieselsteine des langen Strandes. Die Luft riecht salzig und frisch, und nichts deutet darauf hin, daß sie an stürmischen Tagen erfüllt sein soll vom melancholischen Glockenläuten der neun Kirchen, die hier im Laufe der Jahrhunderte ins Meer gerissen wurden. Dunwich, zu Zeiten von Angelsachsen und Normannen die größte Stadt East Anglias, liegt heute fast vollständig auf dem Grund der Nordsee. In ruhigen Jahren frißt das Meer nur unbemerkt ein paar Zentimeter aus der Küste, in schlechten Jahren reißt es tiefe Lücken - wie 1326, als in einer einzigen sturmgepeitschten Nacht 400 Häuser und drei Kirchen weggespült wurden. Die letzte Kirche des damals schon unbedeutenden Dörfchens verschwand in den 30er Jahren von der Landkarte. 20 Häuser im Hinterland und die Ruinen einer alten Abtei werden ihr irgendwann folgen.

P. D. JamesÕ Held Adam Dalgliesh will in "Ein unverhofftes Geständnis" eigentlich nur ein paar ruhige Ferientage bei seiner Tante verbringen, als er in Dunwich und dem nahen Blythburgh natürlich doch in einen mysteriösen Mordfall verstrickt wird. In Blythburgh bewundert er, noch ganz Tourist, die Kirche, an deren Decke Dutzende geschnitzte Engel schweben und an deren Bänken die sieben Todsünden in Holz die Gläubigen ermahnen. Als er später, schon um die Umtriebe eines Mörders wissend, den Küstenabschnitt entlangwandert, der als "Heritage Coast" bis heute unberührt von Beton und Vergnügungsparks ist, glaubt er selbst, die Glocken der versunkenen Kirchen zu hören: "Man konnte leicht verstehen, wie die lokalen Legenden entstanden waren, nach denen man manchmal, in Herbstnächten, gedämpftes Hufgetrappel hören konnte, wenn Schmuggler ihre Fässer und Bündel von Sizewell Gap hereinbrachten, um sie im Marschland zu verstecken oder durchs einsame Heideland ins Inland zu schaffen. Einfach auch, an solchen Abenden vom Meer her die fernen Glocken der längst ertrunkenen Kirchen zu hören, St. Leonard, St. John und St. Peter and All Saints, die ihren Klagegesang für die Seelen der Toten anstimmten . . ." Die Leichtigkeit, mit der diese melancholische Küste die Phantasie ihrer Besucher beflügelt, ist wohl auch einer der Gründe, warum in East Anglia das literarische Verbrechen blüht.

Aldeburgh, im Mittelalter wichtiges Fischerei-Zentrum und heute mit Antiquitätenläden und Künstler-ateliers gepflasteter Ferienort, erwies sich als noch ergiebigere Quelle der Inspiration für Gruselgeschichten. Ruth Rendell, die unter diesem Namen und unter dem Pseudonym Barbara Vine kriminalistische Bestseller verfaßt, hat hier einen ihrer drei Wohnsitze. Ihr Thriller "Keine Nacht dir zu lang" spielt teilweise in Aldeburgh - zwar verschleiert sie die Namen ihrer Schauplätze, aber wer die von viktorianischen Ferienhäusern und Traditions-Pubs gesäumte Küstenstraße entlanggeht, erkennt bald, welche Stadt sich hinter der Abkürzung "N." verbirgt. Bekannt ist Aldeburgh wegen des Musik-Festivals, das der Komponist Benjamin Britten, ein Sohn der Stadt, 1948 ins Leben rief. Überdurchschnittlich häufige Auftritte in Krimis sind das zweite Standbein des Ruhms dieses Fischerdorfs. Aldeburgh, das über so durch und durch englische Sehenswürdigkeiten verfügt wie das an prominenter Stelle errichtete Denkmal von "Snooks", dem allseits geschätzten Terrier eines Ärztepaars, wird von Barbara Vine ganz unverklärt geschildert: "N. liegt an der flachen, ausgewaschenen Küste von Suffolk, wo es keine richtigen Klippen gibt, sondern nur Sandbänke und Kieshügel . . . Weit und breit war kein Baum zu sehen; Grasland, ein paar kleine Häuser, ein Fish-and-Chips-Laden, ein Kirchturm und das Kraftwerk."

1862 kam Wilkie Collins nach Aldeburgh. Der Freund von Charles Dickens und Autor viktorianischer Krimi-Hits wie "Die Frau in Weiß" und "Der Mondstein" ließ seinen Detektivroman "No Name" hier und in Dunwich spielen. Auch er war von der Vorstellung fasziniert, daß die Küste Suffolks Stück für Stück ins Meer rutscht: "In Aldeburgh sind die meisten örtlichen Traditionen genau wie an anderen Teilen der Küste buchstäblich ertrunken. Die Altstadt, einst ein belebter und blühender Hafen, ist fast vollständig im Meer verschwunden." So verheerend wie in Dunwich hat sich die Erosion hier aber nicht ausgewirkt, und Schriftsteller und Urlauber, die hier haltmachen, können außer mit Inspiration immerhin auch mit Unterhaltung in Form einer lebhaften Pub-Szene rechnen.

Ganz anders verhält es sich in den Fens, einer auf den ersten Blick völlig unenglischen und bis zur Tristesse unspektakulären Landschaft. Susan Hill, die in den 60er Jahren auch häufig in Aldeburgh zu Gast war, wählte die Marschlandschaft East Anglias als Schauplatz für ihre Geistergeschichte "Die Frau in Schwarz": "Das Gefühl von Raum, die Weite des Himmels oben und an allen Seiten ließ mein Herz rasen; ich wäre tausend Meilen gereist, um das hier zu sehen. Ich hatte mir einen solchen Ort niemals vorgestellt." Der Erzähler, auf den im Verlauf des Romans mit dem mordlustigen Geist der Frau in Schwarz noch weit größere Überraschungen zukommen, war offensichtlich niemals in den Niederlanden, sonst hätte er sich eine solche Landschaft sehr wohl vorstellen können. In den Fens, einer flachen, seit ihrer Trockenlegung vom 17. Jahrhundert an von Kanälen durchzogenen und mit Windmühlen gesprenkelten Landschaft, waren früher nur einzelne Inseln im trüben Sumpf bewohnt, auf denen Menschen vom Aalfischfang und Korbflechten lebten.

Dorothy L. Sayers, die Schöpferin des aristokratischen Detektivs Lord Peter Wimsey und seines Butlers Bunter, ließ "Der Glocken Schlag" hier spielen. Die Schriftstellerin, die als eine der ersten Frauen an der Universität Oxford studierte und später in Witham in East Anglia lebte, hielt sich häufig in den Fens auf, wo ihr Vater eine Pfarrgemeinde leitete. Lord Peter läßt sie die Kirche St. Wendreda in Marsh bewundern, die im Buch Fenchurch St. Paul heißt. Deren Decke ist wie die von Blythburgh mit holzgeschnitzten Engeln geschmückt, die auf die Gemeinde herabschweigen. Aber nicht nur, weil sie die Gegend gut kannte, siedelte Dorothy L. Sayers hier einige ihrer Lord-Wimsey-Krimis an. Hinzu kommt, daß die Gegend, die an weniger sonnigen Tagen recht trostlos wirkt, einfach ein idealer Schauplatz für unzeitige Todesfälle ist. Schließlich sind schon die tatsächlichen Gegebenheiten unheimlich: Sollte der Meeresspiegel weiter steigen, wird Cambridge in späteren Jahrhunderten Küstenstadt und damit Oxford gegenüber künftig den handfesten Vorteil strandnaher Lage haben. Und außerdem wollen viele Engländer beobachtet haben, daß selbst das Wetter in den Fens ganz anders ist als in umliegenden Gegenden, die Landschaft sowieso, und im übrigen nicht wenige Katzen hier sechs Zehen haben.

East Anglia, als trockenste Gegend Englands für Urlauber besonders interessant, hat trotz der Nähe zur Hauptstadt sogar für viele Londoner noch den Charakter eines Geheimtips. Bekannter als die Küste und ihr sattgrünes Hinterland sind die Städte der Region: die Universitätsstadt Cambridge, Stamford, das mit seinen braunen Kalksteinbauten aussieht wie ein Relikt des vergangenen Jahrhunderts, und Newmarket, das Zentrum des Pferderennsports. Newmarket wurde - außer von englischen Monarchen, die hier seit 1605 dem Rennfieber frönen - von einem Reiter berühmt gemacht. Dick Francis, in den 50er Jahren Jockey für die Königinmutter, begann nach dem Ende seiner Rennsportkarriere, Jahr für Jahr einen Bestseller auf den Markt zu werfen. Heute lebt der 79jährige in der Karibik und schreibt weiter seine Romane um Doping, Entführungen und sonstige Skandale im Rennsport, die fast immer in urenglischem Ambiente angesiedelt sind.

So detailgetreu schreibt Francis, daß sich seine Romane auch als Reiseführer eignen - zum Beispiel für Newmarket, die gepflegte Rennsportmeile, in der hinter jeder Häuserreihe ein Reitweg verläuft und Pferde immer und überall Vorrang vor dem Autofahrer haben. "Er lebte am äußeren Rand von Newmarket, der Stadt, die seit langem als Wiege und Zentrum der internationalen Rennsportindustrie galt", heißt es in "Zügellos": "Fünfzehnhundert ausgesuchte Vollblüter rasten hier über das windgepeitschte Trainingsgelände und die weiten schwierigen Arbeitsbahnen, und immer wieder einmal zeugten sie Wunderkinder, die ihre glorreichen Gene an kommende Generationen weitergaben. Ein altes, sehr rentables Gewerbe, die Züchtung schneller Pferde." Und ein idealer Hintergrund für Geschichten um Neid, Gier und Rachlust, die essentiellen Eigenschaften des Genres. TIPS FÜR OSTENGLAND

Anreise: Besonders günstig für East Anglia liegt der Flughafen London-Stansted. Autofahrer müssen am wenigsten fahren, wenn sie nach Felixstowe übersetzen (von Hamburg oder Hook von Holland).

Dorothy L. Sayers: Fans finden in Witham im Dorothy L. Sayers Center (in der Stadtbibliothek, 18 Newland Street, Witham, Essex, CM8 2AQ) Ausgaben und eine Dokumentation der Arbeit dieser Schriftstellerin, die in Witham einen großen Teil ihres Erwachsenenlebens verbrachte. Geöffnet donnerstags von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung (Telefon: 013 76 / 51 96 25). Witham liegt 65 Kilometer nordöstlich von London zwischen Chelmsford und Colchester.

Lektüre: P. D. James: Ein unverhofftes Geständnis; Rowohlt Taschenbuch.Dick Francis: Zügellos; Diogenes Taschenbuch.Dorothy L. Sayers: Der Glocken Schlag; Rowohlt Taschenbuch. Barbara Vine: Keine Nacht dir zu lang; Diogenes Taschenbuch.

Auskunft: Britische Zentrale für Fremdenverkehr, Urlaubsservice Großbritannien, Westendstraße 16-22, 60325 Frankfurt am Main; Telefonnummer: 069 / 97 11 23.

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