Zeitung Heute : Auf den Spuren ihres Herrn

Deutsche Bischöfe auf froher Klassenfahrt ins Heilige Land. Nur über Kollege Mixa schütteln viele den Kopf

Claudia Keller[See Genezareth]

Alle paar hundert Meter ein Wunder. Am See Genezareth hat Jesus gelebt, hier hat er die ersten Jünger gefunden und die Bergpredigt gehalten. Jeder Hügel, jede Weggabelung trägt hier seine Spuren. Da kann auch ein Bischof durcheinander geraten. „Was genau hat Jesus an dieser Stelle gemacht?“, fragt einer den Mitbruder. Die 27 deutschen Ortsbischöfe sind für eine Woche im Heiligen Land unterwegs. Zu Hause sind sie die höchsten katholischen Würdenträger und müssen immer eine Antwort parat haben. Zwischen duftenden Rapsfeldern und Bananenstauden im galiläischen Hügelland dürfen sie Fragen stellen und private Pilger sein.

Am Montagmorgen haben sie sich am Flughafen in Frankfurt getroffen. Die Begegnung mit Bischof Walter Mixa aus Augsburg war kühl, keiner hatte wirklich Lust, mit ihm zu sprechen. Am Abend zuvor hatte Mixa bei Sabine Christiansen das Wort von der „Gebärmaschine“ zu relativieren versucht. Die meisten Bischöfe fanden, er hätte so ein Wort erst gar nicht in den Mund nehmen dürfen. Denn dass es Frauen gibt, die arbeiten und nicht drei Jahre beim Kind zu Hause sitzen wollen, können viele durchaus akzeptieren, auch wenn sie es sich anders wünschen. „Wir müssen das Ideal und die Wirklichkeit zusammenbringen“, sagt Bischof Heinrich Mussinghoff aus Aachen. Scharfe Töne helfen da nicht. „Aber wie es immer so ist, wer so auf die Sahne haut, dass es spritzt, wird gehört.“ Mussinghoff steht im Speisesaal des Pilgerhauses Tabgha am Ufer des Sees Genezareth, 500 Meter weiter soll Jesus Brot und Fische auf wundersame Weise vermehrt haben. Das Pilgerhaus gehört zur gehobenen Klasse der Pilgerherbergen. Terrakottafliesen, helle Holzmöbel, eingelassene Deckenlichter verströmen Atmosphäre. Mussinghoff schielt zu Mixa hinüber, der gerade ein paar Journalisten nicht ganz ohne Stolz erklärt, dass er die „Gebärmaschine“ bewusst aus dem Arsenal an Kampfbegriffen hervorgeholt hat. „Sonst hätte es nur wieder geheißen, ach ja, da hat irgendein Bischof was Frommes gesagt.“ Auch Limburgs liberaler Alt-Bischof Franz Kamphaus schaut zu Mixa und schüttelt den Kopf. Es ist Montagabend. Deutschland ist noch sehr nah. Über dem See hängt der Regen.

Am nächsten Morgen verziehen sich die Wolken. Bischöfe sind Frühaufsteher. Um sechs Uhr schnürt sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick die Turnschuhe. Er ist der zweitjüngste aus der Reisegruppe und einer der wenigen sportlichen. Mal eben hoch auf den Berg der Seligpreisungen, wo Jesus die Bergpredigt gehalten haben soll. Sein neuer Kollege aus Eichstätt setzt sich zur gleichen Uhrzeit ans Wasser und meditiert. „Jesus auf dem See, wie er zu den Jüngern spricht …“, Bischof Gregor Maria Hanke, groß und schlank, lächelt in sich hinein, wenn er ausdrücken soll, was ihm beim Meditieren am See durch den Kopf geht. Es sei nicht nur Denken, Hanke macht eine Pause, „die biblischen Geschichten ergreifen mich hier viel intensiver als zu Hause, hier wo sich alles zugetragen hat“. Der 52-Jährige ist der Jüngste und neu in der Bischofsrunde, bis vor kurzem war er Benediktinerabt. Das Zurückgezogene ist ihm noch näher als das Bischöflich-Offizielle. Aber dazu ist eine ordentliche Klassenfahrt ja da: Die gemeinsamen Erlebnisse schleifen den unterschiedlichen Persönlichkeiten die spitzen Ecken ab.

Während Hanke meditiert, Schick auf den Berg steigt, spazieren andere am Ufer entlang und beten den Rosenkranz – oder lachen schon frühmorgens über die Klippdachse, eine Art Murmeltier. „Das ist auch eine Form des Gebets“, sagt Werner Thissen, der Hamburger Erzbischof. Viele waren schon oft hier, andere sehen alles zum ersten Mal.

Aber auch hier im Heiligen Land, fern von Europa und Kirchenpolitik, sind die Geistlichen nie nur Privatleute, immer wieder wird aus der Pilgergruppe die Deutsche Bischofskonferenz, trotz offener Hemdkragen. „Wir brauchen Hilfe“, beendet Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in Deutschland, seinen Vortrag. Mit Ironie und Witz hatte er den Oberhirten vor Augen geführt, dass Israelis und Palästinenser unmöglich den Friedensprozess allein wieder in Gang bringen können. Auch die USA seien eher Teil als Lösung des Problems. Die Hoffnung ruhe auf der Europäischen Union, Deutschland und seiner EU-Ratspräsidentin. „Werden Sie uns also in Deutschland empfehlen“, bittet Primor. Die meisten Bischöfe klatschen kräftig.

Nachdem der Diplomat gegangen ist, breitet sich Ratlosigkeit aus. „Ob man mit der Hamas ins Gespräch kommen kann, bezweifle ich“, sagt Bischof Reinhard Marx und streicht sich über den Bart. „Es kann aber auch nicht sein, dass wir nach Hause kommen, und es tut sich nichts.“ Aber was? Mit Merkel und der CDU reden, das geht natürlich. Eine Friedensinitiative der Deutschen Bischofskonferenz? Mmh. Aber mit wem sprechen? Wer sind die Avi Primors auf palästinensischer Seite, fragt Marx. „Wir kennen uns viel zu wenig aus.“ Man müsste mal mit dem Vatikan sprechen. „Ich bin etwas mehr ermutigt nach dem Vortrag als vorher“, sagt Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Im Foyer des Pilgerhauses lehnt er sich im Sofa nach vorne. „Politisch ist ja alles so weit ausgereizt, da müssen Impulse von außen kommen. Vielleicht ja gerade von unabhängigen Institutionen, von denen man es nicht erwartet, wie den Kirchen.“ Aber die Hamas? Man müsste, könnte, sollte.

Auch die Christen in Israel und in der Westbank fordern mehr Unterstützung von den Bischöfen. Die meisten sind Palästinenser. Die deutschen Christen schicken Geld für Schulen. Aber nach dem Abitur wandern viele Jugendliche aus, weil sie als Christen und Palästinenser kaum Chancen auf gute Arbeit in Israel sehen. Wohin die Solidarität richten? Israel gilt die uneingeschränkte Solidarität der Deutschen, auch der Bischöfe, natürlich, andererseits sind die meisten Christen hier Palästinenser. Wir können schlecht mit der israelischen Regierung über die Christen hier vor Ort verhandeln, sagt ein Bischof. Vermintes Gelände.

Die Weltpolitik muss am nächsten Morgen warten. Um sieben Uhr stehen die 27 Bischöfe vor der kleinen steinernen Kapelle am Seeufer und streifen sich weiße Messgewänder über die schwarzen Anzüge. Unter dem Altar schaut ein Stück Felsen hervor. Hier soll Jesus Petrus zum Nachfolger berufen haben. Es ist die Urszene der Katholischen Kirche, der Anfang des Bischofsamtes. Schweigend sitzen die deutschen Geistlichen um den Altar. Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter zelebriert die Messe. „Unser tägliches Geschäft muss beseelt sein von der Liebe zum Herrn und der Liebe zu den Menschen. Wir müssen uns fragen: Steht das wirklich im Mittelpunkt unseres Amtes?“ Nach dem Gottesdienst spazieren einige schweigend am Ufer entlang. Die Sonne lässt das Wasser glitzern. In der Ferne springen Fische. „Hier weiß man wieder, woher wir kommen“, sagt der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst. Man spüre das mit allen Sinnen.

Über Familienpolitik zu reden, mit Mixa noch mal zu streiten, dazu hat jetzt keiner mehr Lust. Im privaten Gespräch haben viele dem Augsburger Mitbruder gesagt, was sie von seiner Äußerung halten. Die „kastrierten Kater“, mit denen der SPD-Vorsitzende die Bischöfe verglichen hatte, machen als Witz die Runde. Bei der Predigt in der Verkündigungskirche in Nazareth erwähnt Kardinal Georg Sterzinsky das an diesem Ort naheliegende Thema Familie mit keiner Silbe.

Am Mittwoch, als die 27 als Ständiger Rat der Bischofskonferenz tagen, steht die Familie auch noch mal auf dem Programm. Auch da ist die Sache schnell erledigt. Schließlich will keiner wegen der deutschen Krippen die Bootsfahrt auf dem See Genezareth verpassen.

Spätestens diese Tour schweißt die Gruppe der sonst so unterschiedlichen und uneinigen Bischöfe zusammen. Die Älteren und die Neulinge, die Konservativen und die Liberaleren, die Lebenslustigen und die Asketen, alle sitzen mit den gleichen weißen Baseballmützen unter der Sonne Israels, lauschen dort, wo Jesus übers Wasser ging, der Bibellesung und singen „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“. Am Donnerstag fuhren die Bischöfe für den zweiten, den offizielleren Teil der Reise nach Jerusalem, am heutigen Freitag besuchen sie die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. Am Sonntagabend ist jeder wieder bei sich zu Hause, wo die Finanznöte drücken und zwischen Köln und Mainz und München wieder über vieles gestritten werden wird. Aber die Fotos auf den Handys und Kameras der Bischöfe, die werden bleiben. Sie zeigen eine Schar Männer, die zusammen lachen, beten und sich neu berühren lassen von der Welt, den eigenen Gefühlen und den Wundern ihres Herrn.

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