Zeitung Heute : Auf den Straßen von San Francisco

Abgehauen aus Berlin, obdachlos seit 35 Jahren. Er fühlt sich frei, sagt er. Nur manchmal weint er plötzlich

Christine Meffert[San Francisco]

Wenn Meer und Nebel verschwimmen, die Brücken versinken und San Francisco zu schweben beginnt, bis es nur noch eine Illusion ist im Pazifik, dann braucht er Schnaps. Es ist zu schön oder zu traurig, er weiß es nicht. Er weiß nur, im Nebel ist alles weniger scharf, weniger exakt, und der Schnaps ist der Nebelverstärker. Auf der Straße, sagt er, ist Schnaps eine absolute Notwendigkeit.

Gestern aber war so ein dummer, scharfer Tag. Das Licht, ganz grell, schnitt allen Dingen harte Kanten. Er war ruhelos, hat seinen Wagen durch die Stadt geschoben. Hat sich immer weiter vom Meer entfernt, das ihm viel zu blau war an diesem Tag. Die Mission Street hinauf, wo es zwischen den hohen Geschäftshäusern kälter schien als sonst.

Es ging ganz gut. Die Leute waren großzügig. Bis er an die Ecke 6th Street kam. Da saß dieser Mann im Dreck, brüllte in den blauen Himmel, sein Arm steckte bis zum Ellenbogen im Schlamm, als wühlte er in den Eingeweiden der Erde. Ein Hydrant spuckte Wasser. Der Mann warf den Schlamm auf die Straße, wälzte sich auf der Erde. Neben ihm lag seine Decke, eine graue, wie sie die Stadt an Obdachlose verteilt.

Es war, als würde eine Tragödie aufgeführt, letzter Akt, der Held verzweifelt, gleich legt er Hand an sich. Aber es war kein Theater. Es schaute auch keiner zu. Die Passanten wechselten die Straßenseite. Was hier geschah, war ihnen nicht neu. Noch ein Verrückter.

Ralf-Dieter Friedrich hat diesen Anblick nicht ertragen, diesen Mann da im Dreck. Er musste auf der Stelle herumspringen wie Rumpelstilzchen, und geschrien hat er auch. Da waren es zwei Obdachlose, die den Himmel anschrien. Er wollte hinstürzen und dem Mann helfen, aber dann fiel ihm wieder ein, dass er ja auch so einer ist.

Neuerdings setzen sie die Leute in den Greyhound-Bus und bringen sie nach Hause, wo immer das ist. Zurück in die Heimat mit den Heimatlosen. Ihn kann man nicht im Bus nach Hause schicken. Das ist einmal sicher.

Prinzregentenstraße 82, in Berlin-Wilmersdorf, das war seine Adresse. Aber das ist 57 Jahre her. Es gibt dort kein Zuhause mehr. Auch wenn das Haus noch steht, ein herrschaftlicher Altbau, lachsfarben gestrichen, der Stuck abgeschlagen. Im dritten Stock ist Ralf-Dieter Friedrich aufgewachsen, in einer bürgerlichen Wohnung, vier Zimmer.

Heimat. Er lacht, ein bisschen irre. Nee. Heimat, wie lustig. Wenn in der Prinzregentenstraße an Weihnachten Schnee liegt, wenn die ersten Obdachlosen in Berlin schon erfroren sind, kann man in San Francisco noch draußen schlafen. Friedrich mag keinen Schnee, er liebt den Nebel. Er hülle die Stadt ein wie der Schleier die Tänzerin. Hier eine Hand, da eine Schulter, mehr zeigt sie nicht von sich, sagt er.

Manche Statistiken sagen, jeder fünfzigste der 800 000 Bewohner dieser Stadt sei ohne festen Wohnsitz – das ist die höchste Rate in den USA. Das schöne, reiche, kultivierte San Francisco ist Amerikas Hauptstadt der Penner. Unter diesen 15 000 gibt es 5000, die nennen die Behörden „Hard Core“, weil sie jede Nacht draußen sind, drogenabhängig oder verrückt. Sie bauen sich ihr Lager in den Hauseingängen mit Pappe, Schlafsäcken und Plastiktüten. In manchen Straßen liegt nachts in jedem Eingang einer. Die Stadt lässt sie, aber morgens, bevor sie erwacht und die Geschäftsleute ihre Läden öffnen, kommen die Polizisten, und die Obdachlosen müssen das Feld räumen. Reinigungswagen fahren durch die Straßen und waschen die Spuren weg.

Dann kommt der Tag, ein Tag, an dem Tausende wieder schreien, schimpfen, stinken, sich einen Schuss setzen und vor die Autos wanken. Im besten Fall hocken sie nur im Rinnstein und betteln. Oft fehlt ihnen ein Bein, von der Droge aufgefressen. Sie ruckeln in ihren Rollstühlen durch die Stadt. Sie sind alt und jung, Mann und Frau, schwarz und weiß. Sie sind ein Heer.

Warum kommen sie alle hierher, aus allen Bundesstaaten, aus Asien, aus Europa? Ist die Stadt zu gut zu ihnen, zu liberal?

Beach. Sunshine. California. Friedrich kichert. Yes, that’s why. Berlin. Nee. Nie vermisst. Friedrich trägt eine grüne weite Hose, ein Jackett, Wanderschuhe, Hut, Bart und eine verspiegelte Sonnenbrille. Er braucht viele Sachen, um sich nicht nackt zu fühlen vor den Menschen. In der Hand hält er eine Lupe. Sein Zeug hat er auf einen Metallwagen gebunden, Decken und Kartons für die Nacht und die Zeitungen – alles macht er mit ihnen, außer lesen. Er hat sich an die Kartons gewöhnt, auch an den Regen.

Friedrich riecht sauer, er hat keine Frau, kein Kind, keine Eltern, kein Haus. Im Jahr 1948 hat er sich in der Berliner Prinzregentenstraße 82 von seinem Klavier, von Vater und Mutter und den drei Schwestern verabschiedet. Er hat schon eine Ewigkeit kein Deutsch mehr gesprochen. Mal einen Gruß an deutsche Touristen, aber die waren weitergezogen, ehe ein Gespräch daraus werden konnte. Er beherrscht seine Muttersprache nach all den Jahrzehnten noch sehr gut, es freut ihn sehr, nur Friedrich, sein Nachname, freut ihn nicht. Er nennt sich lieber „La Terra, die Erde, ja, the road, the highway. Ich bin always on the road.“

Erst sickert die Erinnerung langsam ins Bewusstsein, als sie dann wiederkommt mit Macht, fängt er an zu weinen. Er ist 75 Jahre alt, er hat seine eigene Geschichte, auch wenn die Menschen, die an ihm vorbeigehen, das nicht in Betracht ziehen. Niemand kennt Friedrichs Geschichte, er hat keinen Freund, das macht ihn so frei, auch in der Auslegung. Doch es macht ihm auch große Angst, Angst, dass ihm, dem letzten Kenner seiner Geschichte, alle Zusammenhänge verloren gehen, wenn ihm durch den Kopf schießt, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte, dass alles nur noch von ihm abhängt.

Er weiß nicht, ob irgendjemand aus seiner Familie noch lebt. Es gibt seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr. „Jedes Leben“, er schreit jetzt wieder, „ist schlimm. Und jedes Leben ist gut. Man kann sich überall die Hölle machen oder den Himmel. Aber ich liebe das Leben auch.“ Er schlägt sich an die Brust, dass es weh tun muss.

Er hat Hitler gesehen, den Krieg, das kaputte Berlin. Der Junge musste helfen, die Automobilwerkstatt des Vaters wieder aufzubauen. Mit 17 Jahren hatte er genug davon. „Ich in die Welt, zu meinem Onkel nach New York, zehn Tage bin ich auf dem Schiff gefahren. Zehn Tage seekrank.“ Er fällt zurück ins Englische. Impressive, the skyline, so impressive, sagt er, zupft sich am Bart.

„Welcome to New York! Das war mein schönstes Erlebnis, wie die Menschen uns da empfangen haben, die Amerikaner, die Arme weit offen, am Hafen.“

Er fand eine Arbeit als Automechaniker. Nach einer Woche bekam er seinen ersten Scheck, 36 Dollar. „Ich ging zum Tanz. Pay a quarter and dance with a girl.” Er kichert. Er hat dann noch vieles gemacht, Flugzeuge fürs Militär gewartet, auf großen Schiffen die Motoren instand gehalten. Er war in Indien, in China.

Warum ist aus seinem mutigen Anfang so ein einsames Ende geworden?

Er wird unwillig, schüttelt den Kopf. Job verloren, kein Geld mehr gehabt. „Immer dieses verdammte money, nie genug money gehabt im Leben.“ Irgendwann hat er eine Nacht in New York auf der Straße geschlafen, dann zwei, drei, dachte, das sei vorübergehend. Dann ist er nach San Francisco, wenn schon auf der Straße schlafen, dann besser im Warmen, in einer friedlicheren Stadt, als es New York damals war. Das ist jetzt 35 Jahre her. Er habe nie geplant, „wenn man plant, wenn man anfängt zu denken, dann macht man nie was“, sagt er. Vielleicht war es ein langsames Hinübergleiten.

„You pay a price in life, no matter what you do. Ich bin so unabhängig, es gibt nichts, was ich nicht tun könnte, deshalb haben die Leute Angst vor mir.“

Macht die Straße verrückt, oder landen die Verrückten auf der Straße?

Viele Obdachlose kamen in den 80er Jahren in die Stadt und gingen nie wieder fort. Die Vereinigten Staaten haben damals geisteskranke Menschen aus den Kliniken entlassen, haben Kliniken geschlossen. Die ökonomische Situation wurde schwieriger, Drogen waren leichter zugänglich. Die Gesellschaft veränderte sich. Manche folgten den Verheißungen der Hippies – all across the nation – und scheiterten an der Erfüllung. Jedes Jahr hat die Stadt mehr Geld ausgegeben, um das Problem zu lösen, und jedes Jahr kamen mehr Obdachlose nach San Francisco. Die Menschen in der Stadt, auch die mit festem Wohnsitz, ertrugen es nicht mehr.

Dann betrat einer die Bildfläche, der versprach, die Obdachlosen zu seinem persönlichen Problem zu machen. Dieses Versprechen machte ihn zum Bürgermeister von San Francisco. Gavin Newsom ist 38 Jahre alt, sehr smart, er sieht aus wie Robert Kennedy, bis vor kurzem hatte er auch noch eine wunderschöne Frau, und selbst die Scheidung konnte seinem Strahlen nichts anhaben. In San Francisco hat der Demokrat bei vielen gewonnen mit seinem Einsatz für die Ehe von Homosexuellen, in den USA hat er seine Chancen auf ein höheres Amt verschlechtert. Es ist schwierig, ihn zu treffen, er scheint überall zugleich zu sein und nirgends.

Newsom ist fast zwei Meter groß, und wie er so dasteht, hoch aufgerichtet inmitten seiner Entourage bei irgendeinem Pressetermin, wirkt er wie ein Heilsbote, obwohl er nur ein rotes Band durchschneiden soll. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, ein Pfund Brillantine in den Haaren: Das ist der Mann, der den Obdachlosen das Geld weggenommen hat.

Er hat einen Zehnjahresplan vorgelegt, mit drei großen Zielen. Erstens: Es sollen Sozialwohnungen für alle Obdachlosen gebaut werden. Das ist in San Francisco, wo die Immobilienpreise extrem hoch sind, ein erstaunliches Unterfangen. Zweitens, weniger erstaunlich: Alle Stellen, die sich um die Obdachlosen kümmern, sollen ihre Maßnahmen bündeln. Und drittens: „Care not Cash“ – die Obdachlosen erhalten statt 410 Dollar nur noch 59 im Monat, mit dem eingesparten Geld werden die Wohnungen gebaut.

Newsom hat sich oft verteidigen müssen wegen drittens. Viele sahen darin eine Beschneidung der Freiheit der Obdachlosen. Die Obdachlosen selbst fanden es auch nicht gut.

Es heißt, Gavin Newsom habe eine schwierige Kindheit gehabt. Seine Eltern trennten sich, nie war genug Geld im Haus, seine Mutter hatte drei Jobs gleichzeitig, um die Familie zu versorgen. Die Mutter des jüngsten Bürgermeisters, den San Francisco je hatte, hat sich durchgebissen, und er hat sich auch durchgebissen.

„Herr Newsom, können Sie verstehen, dass Menschen scheitern?“

„Ja, natürlich. Ich glaube, uns alle kann etwas treffen, das größer ist als wir.“

Seine Hand zeichnet etwas Großes nach. Bei ihm müsste dieses Etwas wohl sehr groß sein.

Die Billy-Graham-City-Hall, ein paar Tage später. „I hope you feel the energy“, sagt Newsom vor Beginn zu den Helfern. Es ist der Tag der Obdachlosen – Newsom hat ihn erfunden. Hunderte von Obdachlosen stehen schon am Morgen draußen Schlange, und auch drinnen warten mit dem Bürgermeister Hunderte: Masseure, Krankenschwestern, Optiker, Ärzte, Lehrer, Rentner, alle sind freiwillig hier. Einmal im Monat helfen sie den Heimatlosen, sie massieren sie, geben ihnen Essen und Methadon, beraten sie, passen Brillen an.

Es spielen sich dann manchmal in dieser großen, nüchternen, dunklen Halle biblische Szenen ab. Da sitzt Sandra, zierlich, blond, 41 Jahre alt und Kosmetikerin, sie lebt noch bei ihrer Mutter. Sie ist hier wegen Gott, sie arbeitet für ihn. Richard ist eigentlich nicht Gott, aber – in dem Geringsten sollst du mich erkennen.

Da tritt also Richard, dem viele draußen nicht einmal die Hand geben würden, in die City-Hall, und dem Unberührbaren werden die Füße gewaschen von einer hübschen blonden Frau. Er wackelt mit seinen langen weißen Zehen im Waschbecken, und Sandra massiert ihm sanft die Sohlen mit behandschuhten Händen. Richard hat ein fein geschnittenes weißes Gesicht, trägt einen dunklen Zopf und einen winzigen Hund in seiner Jacke. Er sieht gut aus, gar nicht verwahrlost. Er erzählt der aufmerksamen Sandra sein Schicksal, das Schicksal eines Liebenden, der seine große Liebe verlor an die Drogen. Es klingt sehr romantisch. Sie sei einfach irgendwann verschwunden, sagt er. Seitdem suche er sie. Überall und in San Francisco.

Ralf-Dieter Friedrich ist nicht in der City-Hall. Er hat viel zusammengebettelt in den vergangenen Tagen. Er kann sich selbst etwas zu essen kaufen. Und eine Brille braucht er auch nicht, er hat ja seine Lupe. Es gehe ihm eigentlich ganz gut, sagt er, aber er bewegt dabei so seltsam den Oberkörper, vor und zurück. Er hätte eben nicht an sein altes Klavier in Berlin denken sollen, sagt er. Auch nicht an seine Lehrerin mit den Spinnenhänden und nicht an sein Lieblingsklavierstück „Liebestraum“ von Liszt. Auch an Reis und Fruchtsoße hätte er nicht denken sollen. Das hat seine Mutter ihm immer gekocht. Er verstummt.

„Manchmal ist mein Vater mit mir ins Kino Arkadia gegangen“, sagt er nach einer Weile. „Einmal haben wir ,Quax, der Bruchpilot‘ mit Heinz Rühmann gesehen.“ Er kichert, ein bisschen irre. „Ich bin wie der.“

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