Zeitung Heute : Auf den Teufel ist Verlass

Kult in Schwedt: An jedem Ostersonnabend werden Faust I und II hintereinander aufgeführt.

Das einstige Kulturhaus aus dem Jahr 1979 hat viel Platz für Theater. Foto: Udo Krause/UBS
Das einstige Kulturhaus aus dem Jahr 1979 hat viel Platz für Theater. Foto: Udo Krause/UBS

Theaterpause. Mephisto steht im Park, umringt von einer Menschentraube. Er verteilt DIN-A4-Blätter, auf denen der „Osterspaziergang“ abgedruckt ist. Ein älterer Herr hat ein Papier ergattert und darf ein Stückchen rezitieren: „Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge durch die Gärten und Felder zerschlägt, wie der Fluß, in Breit und Länge so manchen lustigen Nachen bewegt ...“ Ein anderer löst ihn ab – und braucht keinen Zettel. „Ich kann das auswendig“, sagt er stolz. Und findet, dass Uwe Schmiedel als Mephisto „sehr, sehr gut“ war. Der Schauspieler, langjähriges Mitglied im Ensemble der Uckermärkischen Bühnen Schwedt (UBS), lächelt und erzählt, dass er zuvor meist der „Valentin“ war. „Aber in diesem Jahr wurde der Teufel frei.“

„Faust auf Faust“ – seit 2001 – immer am Ostersonnabend. Das hat sich herumgesprochen. Immer mehr Zuschauer kommen, aus Berlin, aus der Mitte, dem hohen Norden und sogar aus Bayern. Der Theaterbesuch vorm Eiersuchen ist Kult. „Ein Wagnis“, glaubte Intendant Reinhard Simon, als er vor elf Jahren die Idee eines Journalisten aufgriff, Faust I und II hintereinander aufzuführen. „Das ist sehr aufwendig“, erklärt er. Die Bühne müsse zwischendurch komplett umgebaut werden. Und im Grunde könne man Faust II eh nur in Großstädten präsentieren, wo es ein „großes Bildungsbürgertum“ gebe.

Schwedt hat rund 35 000 Einwohner, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Wer was werden will, geht fort. Umso erstaunlicher, dass Goethe hier hervorragend funktioniert – und fast schon süchtig macht.

Die Inszenierung werde jedes Jahr leicht angepasst, sagt Simon, doch „das Grundgerüst steht“. Im Park verrät eine Dame stolz: „Siebenmal hab’ ich euren Faust schon gesehen.“ Schmiedel reibt sich die rötlich geschminkte Mephisto-Stirn und fragt schelmisch: „Haben Sie Ostern nichts anderes vor?“

Vielleicht wird die Sonne in diesem Jahr wieder strahlen wie 2011. Dann kann das Publikum in den Pausen zu den Oderauen flanieren. Oder durch den „Europäischen Hugenottenpark“ spazieren, der früher Schlosspark war. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg durch Granaten stark beschädigt, die Ruinen 1962 gesprengt.

Man kann sich vorstellen, wie prächtig es ausgesehen hat, wenn man darauf zufuhr, durch die breite Lindenallee. Anstelle des Schlosses entstand 1978 das wuchtige Kulturhaus Schwedt. Im Innern ist Platz für 732 Zuschauer.

Der Bedarf an Zerstreuung war groß. Rund 50 000 Menschen lebten in Schwedt, beschäftigt in Papierfabriken und der Erdölverarbeitungsindustrie. Das Öl gelangte über eine fast 3000 Kilometer lange Pipeline aus dem Uralgebiet in die uckermärkische Stadt. Der Schriftsteller Rolf Schneider erinnert sich in seinem Buch „20 x Brandenburg“ an die beeindruckenden Dimensionen des Werks. „Ich fand, die chemischen Anlagen mit dem Geflecht ihrer blanken Rohrleitungen besäßen eine Art düster-surreale Ästhetik, ich musste an Bilder des ( ...) Malers Fernand Léger denken.“ Weiter fiel ihm auf: „Draußen, in der Stadt Schwedt, standen für die von überallher geholten Arbeitskräfte viele Wohnblocks, DDR-typische Plattenbauten, normiert, einförmig und trist.“

Viele dieser Bauten sind im Rahmen des „kontrollierten Schrumpfens“ abgerissen worden. Die Stadt wirkt nun wie ein magerer Körper im viel zu großen Anzug. Ein Zentrum fehlt. Die autofreie Vierradener Straße mit ein paar Geschäften ist nach Ladenschluss gespenstisch leer. Doch Schwedt müht sich. Viele Skulpturen wurden aufgestellt, moderne in der Stadt, barocke im restaurierten Hugenottenpark.

Die Uckermärkischen Bühnen haben einen beträchtlichen Anteil daran, dass Schwedt wieder selbstbewusster wird. Oft erkennen Besucher erst auf den zweiten Blick, wie viel liebenswürdiges Potenzial die Stadt hat. Allein die Lage an den Oderauen ist Gold wert. „Hier kann man noch eine Menge machen“, sagt Simon begeistert. Und das tun sie bei den UBS.

Im Sommer wird eine Open-Air-Bühne mit 800 Plätzen bespielt. Zum Beispiel mit dem „Bannfluch der Göttin“, ein Fantasyspektakel. „Wir haben jetzt einen riesigen feuerspeienden Drachen gebaut, der im Inneren von drei Leuten bewegt wird“, erzählt Simon. Und ein Slawenschiff für 21 Ruderer. Selbst geschriebene deutsche Musicals vor allem gehören zum Repertoire. Die Leute kommen aus einem Einzugsgebiet von 100 Kilometern. Auch aus Polen. Deshalb hat das Theater fürs Weihnachtsmärchen eine „Zaubersprache“ eingeführt, die ist Polnisch. „Damit kommen dann sowohl deutsche als auch polnische Kinder klar“, sagt Simon.

Schwedt, immer mal wieder durch rechtsradikale Taten in die Schlagzeilen gekommen, ist ein schwierigesTerrain. „Man sieht keine Glatzen auf der Straße“, sagt Simon, aber es gebe Neonazis. „Doch viele Bürger sind sehr wachsam, und die Politik unterstützt uns.“ Wandel braucht Zeit – und viel Theater.

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