Zeitung Heute : Auf den Zahn gefühlt

Cordula Eubel

Seitdem es die Praxisgebühr gibt, gehen die Menschen seltener zum Zahnarzt. Könnte diese Neuerung Kostenprobleme im Gesundheitssystem noch verstärken, wenn nun niemand mehr auf Prävention achtet?

Die Deutschen sind 2004 seltener zum Zahnarzt gegangen. Nach Schätzungen der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) ging die Zahl der Arztbesuche im Vergleich zu 2003 um etwa zehn Prozent zurück. Die Praxisgebühr von zehn Euro habe einen „erheblichen Einfluss“ gehabt, sagt KZBV-Sprecher Reiner Kern.

Problematisch wäre es, wenn die Menschen auf regelmäßige Kontrolluntersuchungen verzichteten. Denn wenn notwendige Behandlungen zu spät erfolgen, wird es in der Regel teurer – und für den Patienten schmerzhafter als nötig. Dann kann sich aus einem klitzekleinen Loch schon richtige Karies gebildet haben. Sozialpolitisch unerwünscht wäre es zudem, wenn die Praxisgebühr in erster Linie sozial Schwächere vom Zahnarztbesuch abhalten würde, die mehr auf ihr Geld achten. Wenn die Versicherten allerdings überflüssige Arztbesuche vermeiden würden, hätte die Praxisgebühr die von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gewollte positive, steuernde Wirkung gehabt. KZBV-Sprecher Kern beteuert jedoch, beim Zahnarzt gebe es kein „doctor hopping“ – also keine überflüssigen Doppel– und Dreifachuntersuchungen bei verschiedenen Medizinern.

Die Zahnärzte ermahnen Erwachsene und Kinder, nicht auf den regelmäßigen Arztbesuch zu verzichten. Und sie betonen, was viele offenbar nicht wissen: Zwei reine Kontrolluntersuchungen im Jahr sind von der Praxisgebühr befreit. Und Kinder zahlen bis zur Volljährigkeit keine Gebühr. Bei der Kontrolle kann der Zahnarzt sogar einige zusätzliche Untersuchungen vornehmen, er kann zum Beispiel eine Röntgenaufnahme machen, um eine Diagnose zu bestätigen, ohne dass dafür die Praxisgebühr gezahlt werden muss. Die zehn Euro werden erst dann fällig, wenn der Arzt den Patienten behandelt – also zum Beispiel zum Bohrer greift.

Nach Ansicht der Zahnärzte lohnt sich der regelmäßige Zahnarztbesuch für die Versicherten finanziell noch aus einem weiteren Grund. Die Zahnstein-Entfernung zum Beispiel wird nur noch einmal im Jahr von der Krankenkasse bezahlt. Wird die Behandlung zweimal vorgenommen, muss der Patient eine der beiden Rechnungen aus eigener Tasche zahlen. Trotzdem kann sich die Vorsorge lohnen. So sind Zahnbeläge wie Zahnstein ein Risikofaktor für Zahnfleischerkrankungen. Im schlimmsten Fall kann der Patient seinen Zahn deswegen verlieren. Das kommt ihn dann teurer zu stehen als die Prophylaxe.

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