Zeitung Heute : „Auf der Bühne bewegt sich nur mein Kiefer“

Dieser Mann liest gern Lexika rückwärts und durchwandert Kontinente. Und wenn Art Garfunkel Bäume sieht, dann denkt er an Lollipops.

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Art Garfunkel, 65, wurde mit Songs wie „Mrs. Robinson“ und „Sound of Silence“ an der Seite von Paul Simon weltberühmt. Simon & Garfunkel erhielten 2003 den Grammy für ihr Lebenswerk. Art Garfunkel lebt mit seiner Familie in New York. Gerade erschien sein Album „Some Enchanted Evening“.

Interview: Anna Kemper und Norbert Thomma Herr Garfunkel, vor diesem Gespräch wurden wir gewarnt, Sie besser nicht nach Ihrer Zeit mit Paul Simon zu fragen. Sie würden richtig böse.

Naja, wir haben uns vor mehr als 36 Jahren getrennt! Seitdem haben wir zwar ab und zu zusammen auf der Bühne gestanden, zuletzt bei der „Old Friends“-Tour …

… nachdem Sie sich 2003 bei der Grammy-Verleihung versöhnt hatten …

… und ich mag Paul natürlich sehr, für mich ist er wie ein Familienmitglied.

Sie kennen sich seit der Kindheit und haben 1957 zusammen als „Tom & Jerry“ Ihr erstes Lied, „Hey Schoolgirl“, aufgenommen.

Hören Sie, ich freue mich ja, dass die Menschen sich immer noch für Simon & Garfunkel interessieren, aber mein restliches Leben gibt doch genug für ein Interview her. Ich ziehe zwei Kinder groß, habe ein Buch mit Gedichten geschrieben, in Filmen mitgespielt und immerhin zwölf Soloalben gemacht. Haben Sie das neue gehört? Sie müssen es ganz laut aufdrehen!

Ja? Das war im Büro etwas schwierig ...

Dann haben Sie es nicht richtig gehört. Wenn etwas es wirklich wert ist, musst du es ganz nah an dich heranlassen. Wie nah? So nah wie möglich! Alles, was gut ist, muss laut sein. Wenn ein guter Film läuft, setz dich im Kino ganz nach vorne, lass dich von ihm fesseln. Und schöne Musik muss man laut hören. Wer sie leise hört, entfernt sich von ihr. Kriech in sie hinein!

Vor ein paar Wochen titelte das Magazin „Geo“: Singen macht glücklich.

Oh ja. Ladadadam – dida! Ob du umarmst, eisläufst oder singst: Es befreit dich, du drückst aus, wer du bist, und formst etwas. Wenn ich singe, bin ich wie ein Töpfer: So wie seine Hände die Vase, so formt mein Hals den Ton. Das kann hart und metallisch klingen, ungefähr so: „aaaaaaa“, oder aber sanft und weich: „aaaahhhh“. Habens Sie’s gehört? Das zweite Mal war mein Herz dabei.

Sie haben mal gesagt, Singen und Alleinsein gehöre zusammen. Das klingt seltsam für jemanden, der 1981 im Central Park vor einer halben Million Menschen und 2004 in Rom vor 600 000 gesungen hat.

Ich bin ein Studiotyp. Bei Konzerten würde ich mich liebend gerne umdrehen, hinter die Bühne gehen und dort weiter so gut singen, wie ich nur kann, um meine Ohren zu begeistern und natürlich auch die des Publikums. Ich bin keiner von denen, die auf der Bühne eine Show abziehen: Hey, sieh mich an, wenn ich singe, kommt Rauch aus meinen Ohren. Nein, auf der Bühne bewegt sich nur mein Kiefer: auf und ab. Wir Jungs aus der Rock’n’Roll-Generation, die Eagles, die Beatles, James Taylor, wir singen einen Song, das Publikum applaudiert, wir singen einen anderen Song, Applaus, Song … Wir geben dir Groove und Schönheit der Musik für deine Ohren, dein Herz und deine Beine.

Placido Domingo hat manchmal Albträume, dass er aufwacht und seine Stimme komplett weg ist.

Das muss ja schrecklich sein! Solche Ängste kenne ich nicht. Ich fürchte nur manchmal, den Text zu vergessen. Wenn ich gerade so richtig drin bin in einem Song, mit den ganzen Instrumenten hinter mir, die mich vorantreiben, „Like a Bridge over …“ – und dann muss ich weitersingen …

Herr Garfunkel, Sie würden doch nicht den Text von „Bridge over Troubled Water“ vergessen!

Okay, kein sehr überzeugendes Beispiel. Den vielleicht nicht. Aber andere!

Sie sind seit Mitte der 80er in Etappen quer durch die USA gewandert, von ihrer Heimatstadt New York zur Westküste – das sind einige tausend Meilen …

... fast viertausend .

Waren Sie allein unterwegs?

Meistens. Meine Frau Kim war in South Dakota dabei, ein guter Freund in Idaho, mein Bruder Jerry in West Virginia. Aber meistens war ich allein mit den Vögeln, den Wolken, den Feldern …

Haben Sie nie Angst gehabt?

Nein. Vielleicht bin ich ein bisschen naiv in meinem Vertrauen in die Menschheit, aber ich glaube, dass die Welt gut ist.

Sie hätten sich schlicht verlaufen können!

Oh, ich kann sehr gut Karten lesen. Außerdem hatte ich ja meine Kreditkarte und Geld dabei, so dass ich im nächsten Pub telefonieren konnte, falls irgendwas schiefgeht.

Staaten wie Montana und Idaho sind aber verdammt dünn besiedelt …

Montana liegt sehr im Westen, dort kann man schon mal 20 Kilometer wandern, ohne auch nur eine Spur von Zivilisation zu sehen. Aber mehr als 20 Kilometer? Ich war auf kleinen Landstraßen unterwegs, da kommt immer ein Dorf.

Jetzt gehen Sie durch ganz Europa, von England nach Istanbul.

Ja, im Moment bin ich etwa bei Neapel und danach geht es weiter nach Brindisi. Mittlerweile wandere ich mit einem Assistenten. Er setzt mich an dem Punkt ab, an dem ich zuletzt aufgehört habe, abends holt er mich dann ab und hat eine Übernachtung organisiert.

Zählen Sie Ihre Tagesmärsche in Meilen oder in Stunden?

Ich liebe Mathematik! Und ich liebe es, mit Zahlen zu spielen und Dinge auszurechnen …

… kein Wunder, Sie haben ja auch einen Doktortitel in Mathematik …

… und ich zähle in Meilen. Für mich hat ein guter Wandertag 18 bis 20 Meilen, 16 ist ein leichter Tag, 23 ein schwerer, mein Rekord waren 28 Meilen, etwa 44 Kilometer. Wandern erdet mich, da ist irgendwas in diesem Links-rechts-Rhythmus, das gut ist für unsere Balance und unsere Würde.

Durch diesen Rhythmus passen Wandern und Singen ja auch gut zusammen …

… Falleriiiieeh! Falleraaaaaa!

Singen Sie beim Wandern?

Ja, und zwar sehr laut. Ich liebe es, beim Gehen allein zu sein, ich arbeite dann an Songs, übe Silbe für Silbe, wie ich einen Song aus meinem Album auf der Bühne singe.

Singen Sie nur neue Sachen?

Nein, alles Mögliche. Momentan liebe ich „The Thrill is Gone“, ein alter Jazzsong, hören Sie mal: „I can see it in your eyes / I can hear it in your sighs / feel your touch and realize / the thrill is gone“ – wie melancholisch! Wie traurig!

Und ziemlich langsam. Welcher Song bringt Sie denn wieder in Schwung, wenn Sie abends total erschöpft sind und noch fünf Meilen vor sich haben?

Für solche Fälle habe ich meinen Walkman dabei, und dann höre ich den besten Typen aller Zeiten, was Musik angeht: Johann Sebastian Bach. Die Brandenburgischen Konzerte – ihre Töne! Ihre Fugen! Wie brillant J. S. Bach sie konstruiert hat! Ich frage mich ehrfürchtig: Wie hat er das bloß gemacht? Diese Musik hält mich auf Trab.

Der Regisseur Wim Wenders sagt, wenn er im Freien ist, will er keine Musik hören, sondern seinen Herzschlag, die Vögel, die Natur …

Oh. Dann ist er ein besserer Mensch als ich. Vielleicht bin ich ein Ignorant, verglichen mit ihm.

Was sehen Sie, wenn Sie wandern?

Die Schönheit der Landschaft, ihr sanftes Auf und Ab – wie eine Cello-Melodie, legato, ganz ruhig. Ich liebe es, einen Baum von weitem zu sehen, seine Fülle, ich betrachte den Stamm und denke an einen Lollipop. All die Äste, wie perfekt sie ausbalanciert sind. Und wenn ich dann um den Baum herumlaufe, dann bleibt diese Balance, von jedem der 360 Grad aus gesehen!

Sind Sie einer von denen mit Multifunktionsjacke und Teleskopstöcken?

Was denken Sie! Bluejeans und T-Shirt, das ist alles. Und seit kurzem mag ich diese schwarzen Turnschuhe hier, schauen Sie, mit ganz dicken Sohlen. Ich habe Amerika in fünf Paaren von New Balance-Turnschuhen durchquert.

Hermann Hesse sagte: „Wandern ist ein Weg, die Melancholie zu überwinden und Abstand zu gewinnen“.

Das stimmt. Man bekommt einen Überblick, weil man aus seinem gewohnten Leben heraustritt und zurückschauen kann. Gegen Melancholie hilft es, weil das Hirn gelüftet wird und die Arbeit der Lunge die Stimmung hebt.

Selbst wenn es regnet oder stürmt?

Im Regen wandere ich grundsätzlich nicht. Ich habe immer ein Buch dabei, das rettet mich, wenn das Leben mich aufhält: Wenn ich beim Arzt warten muss, dann habe ich mein Buch. Ich bleibe bei Regen also im Motel und lese. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich weiterlesen kann – egal wann, egal warum. Was ich lese, hat immer irgendwie mit meinem Leben zu tun, bei meinen Wanderungen durch Italien entdecke ich gerade die italienische Literatur der Renaissance.

Auf Ihrer Homepage listen Sie alle Bücher auf, die Sie seit 1969 gelesen haben, mit Erscheinungsjahr und Seitenzahlen – Tolstoi, Proust, Joyce ...

Mittlerweile bin ich bei Buch Nummer 985!

1993 habe Sie sogar ein ganzes Lexikon gelesen. Was war denn da los?

Und wir sprechen hier nicht über irgendein Lexikon, sondern über das riesige Random House Dictionary, 1664 Seiten, 375 000 Worte! Ich habe sie alle gelesen, meine Lieben. Das Buch lag auf meinem Küchentisch. Faszinierend! Ich habe mich von hinten, von „Z“, nach vorn durchgearbeitet, jeden Tag vier oder fünf Seiten. Neben mir lag mein Notizbuch, dort habe ich Worte in zwei Kategorien eingetragen: erstens die, mit denen ich meinen Wortschatz verbessern wollte, um mich präziser auszudrücken, nicht, um besonders intellektuell zu wirken. Die zweite Kategorie war eine Liste mit Worten, die einen wunderbaren Klang haben, eine magische Anziehungskraft. Worte, die bezaubern wie Muscheln am Meer …

... zum Beispiel?

Ich mag das Wort „exquisit“. Oder „scintillating“, das bedeutet funkeln oder schillern, was für ein schöner Klang, mit diesem „sc“ am Anfang, es klingt wie Goldfolie.

Die Buchliste ist nicht die einzige auf Ihrer Homepage. Es gibt eine Liste der besten Popsongs, der besten Klassik-Werke …

Listen, ich liebe Listen!

Unser Lieblingsbeispiel haben wir in Ihrem Buch „Still Waters“ gefunden: Die Liste „Wie lang die Dinge dauern“: „Einatmen-Ausatmen: 4 Sekunden; Waschen und trocknen: 80 Minuten; Versuch, über einen Streit mit einem Freund hinwegzukommen: 1–5 Jahre.“ Haben Sie eine Ihrer Listen bei sich?

Moment, ich habe eigentlich immer irgendeine dabei, lassen Sie mich mal in meinen Hosentaschen schauen … Kreditkarte, Kleingeld … komisch, heute habe ich mal keine dabei.

Kennen Sie eigentlich die Bücher von Ben Schott?

Nein, sollte ich?

Er hat einige Bestseller geschrieben, die nur Listen enthalten. Schott sagt, Listen zu machen, ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, wir würden so versuchen, System in das Chaos der Welt zu bringen.

Ja, unsere Gedanken flitzen den ganzen Tag hin und her, sie haben eine Art Eigenleben wie ein flackerndes Feuer. Diese Impulse müssen wir irgendwie in sinnvolle Haufen ordnen: Unseren Terminkalender, unsere Things-to-do-list, was auch immer es ist. Lebendig zu sein, bedeutet einen Überschwang an Gefühlen – ein Chaos!

Wir würden gerne spontan ein paar Listen mit Ihnen machen. Bereit?

Versuchen wir’s.

Die drei besten Stimmen der Popgeschichte?

Linda Ronstadt fällt mir ein. Don Everly. Ich möchte Carl Wilson nennen, den Beach Boy, aber er ist eher unter den Top Ten… was wäre dann mit Sam Cooke?

Was hilft am besten gegen Blasen an den Füßen?

Vaseline. Pflaster. Mehr fällt mir nicht ein.

Die drei besten Schauspieler?

Ich bin ein Fan von Jack Nicholson, er ist ein sehr guter Freund von mir, und ich finde seine Art zu schauspielern einfach umwerfend.

Was macht ihn so besonders?

Er ist Ire. Er hat so viel Leben in sich, so viele Facetten – wie ein Wirbelwind. Und er liebt das Leben. Das ist Jack. Ich bewundere seine Einstellung, er ist davon überzeugt, dass man immer und in jeder Rolle hervorragende Arbeit abliefern sollte.

In dem Film „Carnal Knowledge“ von 1971 spielen Sie beide zwei beste Freunde, die über Jahrzehnte hinweg über ihre Frauenprobleme reden – muss man sich so die Freundschaft Garfunkel-Nicholson vorstellen?

Bloß nicht! Die Typen im Film sind doch zwei sexistische Schweine! Die können Frauen nicht als gleichwertige Wesen sehen. Weder ich noch Jack denken so beschränkt. Aber natürlich haben wir Männer immer Ehrfurcht vor Frauen, wir können sie also nie in einem objektiven Licht sehen.

In Ihrem Buch vergleichen Sie das Leben mit einem Tag, die Geburt ist um sieben Uhr morgens. Wissen Sie, wie viel Uhr es für Sie gerade ist?

Also, ich erkläre das jetzt erst mal Ihren Lesern: Wenn ein Tag um sieben Uhr morgens beginnt und gegen neun Uhr abends endet, dann stelle ich diese 14 Stunden einem 84-jährigen Leben gegenüber. Für einen Zwölfjährigen wäre es jetzt also neun Uhr morgens, ich bin in meinem späten Nachmittag. Und ich hoffe – so Gott will – dass ich 84 Jahre habe.

Nach dieser Rechnung sangen Sie vor einer halben Stunde vor 600 000 Menschen in Rom. Was passiert in der nächsten halben Stunde?

Mein 16-jähriger Sohn James wird zu einem jungen Mann heranwachsen, ich bin gebannt davon, wie unglaublich er ist. Dann ist da noch der Gedanke, wieder mit meinem Freund Paul zu arbeiten – mir würde es Spaß machen.

Keine Angst vor der Dämmerung?

Ich nähere mich dem Ende des frühen Abends. Das ist die Zeit, wo du getan hast, was du mit diesem Tag anfangen wolltest. Jetzt neigt sich der Tag dem Ende zu und der Himmel beginnt zu glühen. Dieses Abendrot ist wunderschön.

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