Zeitung Heute : Auf der Jagd

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Als ich mal in New York war, kurz vor der Jahrtausendwende, ging ich mit meinem Freund, der inzwischen der Vater meines Sohnes ist, im Central Park spazieren. Dort gibt es eine endlos lange Treppe. Am unteren Ende stand eine Phalanx von Kinderwagen, die sportliche Sorte: dreirädrig, in den Saisonfarben Schwarz, Rot und Jungle. Die Mütter, ebenso lässig wie figurbetont gekleidet, joggten die Treppe rückwärts hoch und vorwärts runter, zehnmal, zwanzigmal, dreißigmal, dann absolvierten sie noch ein kleines Dauerlauf-Pensum. Die Sorte Frau, die verschwitzt fast noch besser aussieht als frisch geduscht. Ich dachte mir: Wow, in New York sind selbst die Mütter cool. Und sie haben keinen Schwangerschaftsspeck.

Zu Noahs Geburt fiel mir auf, dass die Coole-Mütter-Welle auch Deutschland erreicht hatte, und natürlich haben wir uns auch gleich so einen Kinderwagen gekauft. Leider habe ich kurz nach der Geburt gelesen, dass die dreirädrigen Modelle in Schwarz, Rot und Jungle inzwischen völlig out sind. Die modebewusste Mutter fährt heute mit einem orangenen, flokatigefütterten Kinderwagen mit Chromgestell und weißen Reifen spazieren, und mit denen kann man nicht joggen. Mit unserem Kinderwagen aber auch nicht, stellte ich wenig später fest. Bei jedem meiner Schritte wäre Noah beinahe im hohen Bogen in die Alster katapultiert worden, um die ich meine Runden drehte.

Meine Freundin J. schlug vor, wir könnten ja unseren Schwangerschaftsspeck beim Pilates-Training loswerden, das sei jetzt mindestens so cool wie 70er-Jahre-Kinderwagen. Unsere Männer würden sich um die Babys kümmern, während wir uns wieder in Form bringen. Pilates ist eine Art Bodybuilding, nur ohne Stringbodys und isotonische Getränke. Bei Pilates geht es nicht um Spaß, sondern um harte Arbeit: Die Geräte, an denen man trainiert, heißen „Reformer“ und „Trapeztisch“. Der Erfinder Joseph Pilates soll mal gesagt haben: „Nach zehn Stunden spüren Sie die Veränderung, nach 20 Stunden sehen Sie sie, nach 30 haben Sie einen neuen Körper.“ Und nichts als das wollten wir nach zehn Monaten Schwangerschaft (womit wir alle kinderlosen Leser in das Geheimnis einweihen, dass die Sache mit den neun Monaten, die man uns in der Schule erzählt hat, leider falsch ist). J. nahm mich mit zum Schnuppertraining, da waren unsere Kinder fünf Monate alt. Sie hatte noch eine angebrochene Zehnerkarte aus ihrer Schwangerschaft, und ich habe mir auch gleich eine gekauft.

Das Schnuppertraining ist jetzt schon ein paar Monate her, und wir waren noch ein einziges Mal zusammen da. Irgendwie hat es nie geklappt. Entweder eines der Kinder war krank oder niemand konnte sich um die Kinder kümmern, manchmal waren wir auch zu müde oder wir hatten einfach keine Lust. Aber das Gefühl, die Zehnerkarte zu besitzen, ist unglaublich gut. Mit diesem Gefühl lassen sich Kaffee-und-Kuchen-Verabredungen erst richtig genießen. Die klappen seltsamerweise meistens.

Wir haben uns in den vergangenen Monaten damit in Form gehalten, unseren Kindern hinterherzujagen. Sie sind jetzt ein Jahr alt und krabbeln ziemlich schnell. Das Hinterherjagen ist mindestens so anstrengend wie das Training auf dem „Trapeztisch“. Und nach ein paar Monaten sind wir wie ausgewechselt: An ihrem 30. Geburtstag sagte J. mir, ihr neuer Körper fühle sich inzwischen an, als wäre er 70.

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