Zeitung Heute : Auf der sicheren Seite

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Nach der Stürmung eines palästinensischen Gefängnisses in Jericho halten die gewaltsamen Proteste in den Palästinensergebieten an. Wem nutzt diese Situation – und wem schadet sie?


Der israelische Ministerpräsident dürfte auch nach den Knessetwahlen am 28. März mit ziemlicher Sicherheit Ehud Olmert heißen. Seiner Kadima-Partei ist der Wahlsieg kaum noch zu nehmen – spätestens seit Dienstagabend, 19 Uhr Ortszeit. Genau zu dieser Zeit ergaben sich im Gefängnis von Jericho die letzten Häftlinge kampflos den israelischen Truppen, an ihrer Spitze der Chef der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), Ahmed Saadat.

Inzwischen werden in Israel Parallelen zur Bombardierung des irakischen Atomreaktors Osirak 1981 gezogen. Der damalige Ministerpräsident Menachem Begin befahl die Militäraktion – und sicherte sich so nach allgemeiner Einschätzung seine Wiederwahl. Die Opposition unter Schimon Peres kritisierte die Bombardierung damals scharf. Diesen Fehler wiederholte nun in ähnlicher Weise der heutige Likud-Chef Benjamin Netanjahu. Er lobte gestern zwar die israelische Armee für ihr Vorgehen, nicht aber seinen Intimfeind Olmert – und bezog dafür prompt journalistische Prügel.

Auch für Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ist die Situation nicht gerade einfacher geworden. Er muss nicht nur verkraften, dass ihm die israelische Führung mit der Militäraktion einen Schlag unter die Gürtellinie versetzt hat. Vielmehr hagelt es für ihn auch Kritik aus Washington und London: Er habe sich nicht wie vereinbart um die Sicherheit der amerikanischen und britischen Gefängniswächter gekümmert und so deren Abzug und die anschließende israelische Militäraktion provoziert, heißt es von dort.

Doch andererseits könnte Abbas aus der jetzigen Situation durchaus auch Nutzen ziehen: Jetzt nämlich kann er Hamas auf die dramatischen Folgen hinweisen, welche jede Missachtung oder Verletzung internationaler Abkommen nach sich zieht. Hamas als künftige Regierungspartei und deren Chef Ismail Hanija sind damit vor die Wahl gestellt: Entweder sie nähern sich Abbas’ relativ gemäßigter Linie an oder sie riskieren eine aussichtslose militärische Konfrontation mit Israel.

Seit der Militäraktion sieht es zumindest so aus, als habe bei Hamas die politische Einsicht über kämpferische Emotionen gesiegt. Ihr Gewaltverzicht hält an, Hanija ruft zur Zurückhaltung auf. Warum sollte er als Repräsentant des politischen Islamismus wegen ein paar weitgehend isolierter PFLP-Kommunisten, die einen weltweit verurteilten Ministermord begangen haben, jetzt schon eine Konfrontation mit den USA und der EU suchen?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben