Zeitung Heute : Auf der Sonnenseite

Der Tagesspiegel

Ein fast vollkommen blauer Himmel, warmes, helles Sonnenlicht, auch im Schatten schon sechzehn Grad – nein, über das Wetter konnte gestern wirklich keiner meckern. Außerdem war Feiertag, die meisten Berliner hatten frei – und sie genossen den Frühling in den Parks, in den Gärten, in den Cafés.

Noch schöner ist: Es soll so weitergehen. Für Sonnabend sind bis zu 18 Grad, für Sonntag bis zu 19 Grad vorhergesagt. Allerdings sind sich die Meteorologen noch nicht ganz einig, ob dann am Nachmittag nicht auch Wolken aufziehen (die Mehrheit immerhin erwartet heiteren Himmel). Trocken soll es auf jeden Fall bleiben. Am Montag und Dienstag könnten sogar 20 Grad erreicht werden. Nachts gehen die Temperaturen zwar noch ziemlich weit runter; Frost soll es aber nicht mehr geben. Insgesamt: ein Oster-Festwetter, wie es kein Bilderbuch schöner ausmalen könnte.

Keine Frage also, wie der gestrige Tagesbefehl lautete: In! Die! Sonne!

Alles, was Autos fuhr, tat dies nur mit heruntergelassenen Fenstern, aufgeschobenen Dächern, verstauten Verdecks. Alles, was Milchkaffee trank, saß in den Cafés – wohlgemerkt auf den Sonnenseiten der Straßen. Im Schatten dagegen blieben die Tische zum großen Teil noch frei. Und wie der Mensch, so das Getier: „Alles, was Beine hat, stand in der Sonne“, formulierte sehr trefflich ein Mitarbeiter des Zoos. Und wer keine Lust auf Stehen oder Sitzen oder Laufen hatte, der haute sich einfach irgendwohin in die Sonne. Auf die Wiese, in die Anlage. Mit geschlossenen Augen der Wärme auf dem Gesicht, auf den Armen nachspüren. Die Augen öffnen und die Knospen sehen, aus denen immer zahlreicher die Blättchen brechen. Es schien, als komme Berlin, das im Winter immer so aussieht wie im Büßergewand, endlich wieder richtig zu sich.

Auch über den Kurfürstendamm – wo es keine Wiesen gibt und kein Getier, am Feiertag auch nichts einzukaufen und nur wenig Gelegenheiten, einen Milchkaffee zu trinken – bummelten schon kräftig die Touristen. Auf der Sonnenseite natürlich. Die Sightseeing-Busse rollten fast in Kolonne den Boulevard hinab. Doch allgemein blieb der österliche Reiseverkehr von und nach Berlin nach Polizeiangaben bislang ruhig; nur an der Grenze zu Polen kam es zu stundenlangen Wartezeiten.

Knospen, Blättchen… Das allerdings freut manchen nur bedingt. Für Heuschnupfengeplagte beginnt nun auch das Schniefen wieder. Von Erlen und Birken gehen die Unglückspollen derzeit aus. Immerhin ist die Belastung noch mäßig.

Gleichviel – das untrüglichste Zeichen, dass die Saison begonnen hat, konnte man gestern vor dem ehemaligen „Kranzler“ erleben. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – aber wenn der erste Vertreter der Gattung Straßenkünstler sich zeigt, dann hat der Winter wirklich ein Ende. how

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