Zeitung Heute : Auf der Spur von Fall Nummer vier

Die Welt warnt vor der Vogelgrippe – und schickt ihr nun Ermittler hinterher. Erkenntnisse über ein Virus, das Millionen töten könnte

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Sunarko kann keine Freude mehr zeigen. Sein Blick ist leer, er hat Augenringe, Schweißperlen laufen über sein Gesicht – der Mann ist fix und fertig. „Dia wird leben“, sagt er knapp und ist den Erleichterungstränen näher als einem Lächeln. Bis eben saß Sunarko am Krankenbett seines Sohnes, sieben lange Tage hat er Angst gehabt, dass Dia stirbt. Das Kind hatte hohes Fieber, und weil die Familie und die Nachbarn Hühner halten, haben sie alle an Vogelgrippe gedacht. „Aber dann ging die Temperatur zurück, und der Vogelgrippe-Test war negativ. Heute wird Dia entlassen“, flüstert Sunarko.

Im zweiten Stock des Sulianti-Saroso-Krankenhauses hängt ein Schild, das die Indonesier längst aus dem Fernsehen kennen: „R. Cempaka“ steht darauf. So heißt die Intensivstation, auf die in Jakarta jene Patienten gebracht werden, die Atemnot haben und hohes Fieber – Vogelgrippe-Symptome. Seit zwei Jahren grassiert die Tierseuche in Indonesien, vor allem unter Hühnern, zehn Millionen sind bisher daran gestorben. Im Juli gab es Einzelfälle dann auch unter Menschen, danach war erst einmal Ruhe. Doch nun, seit Mitte September, ist die Cempaka-Station voll, am Sonntag starb hier wieder ein Mann, und mit jeder Woche, die vergeht und mehr Menschen sterben lässt, wächst international die Sorge. Allein in Indonesien gab es in diesem Jahr mehr als 60 Verdachtsfälle – und dabei kann das Virus noch nicht einmal von Mensch zu Mensch springen; bislang können sich Menschen eigentlich nur bei infiziertem Geflügel anstecken. Die Frage ist: Wann mutiert es?

„Jeden Moment kann eine neue Grippe-Pandemie ausbrechen“, hat Ende der vergangenen Woche David Nabarro, der neue Vogelgrippe-Koordinator der Vereinten Nationen, gesagt und vor bis zu 150 Millionen Toten weltweit gewarnt. Gerade gab es ein Krisentreffen auf den Philippinen, es gibt ein Notpaket der Uno von 82 Millionen Dollar und einen Dreijahresplan der südostasiatischen Länder – die Welt rüstet sich gegen ein winziges Lebewesen. Hinter den Schwingtüren zur Intensivstation im Sulianti-Saroso-Krankenhaus stehen Schwestern, von denen nur die Augen zu sehen sind. Der Rest ist mit blauen Plastikkitteln, Masken, Kopfhauben und Handschuhen verhüllt.

Die Schwingtüren sind ein Schicksalstor. Wer auf einem Rollbett hindurchgeschoben wird, braucht Glück. Ein Drittel der Patienten hat doch nur eine ordinäre Bronchitis wie Dia, der wieder nach Hause darf. Ein Drittel hat Vogelgrippe und überlebt. Ein Drittel stirbt. Wie Riska, fünf Jahre alt. Als sie ankommt, Beatmungsmaske über Mund und Nase, regt sich ihr Körper kaum noch. Mit geschlossen Augen liegt sie da, friedlich. Am nächsten Morgen atmet sie nicht mehr. Später stirbt Karwati, eine junge Frau, 27 Jahre alt. Vor den Schwingtüren hocken 30 Journalisten auf Plastikstühlen oder auf dem Boden. Alle tragen Schutzmasken. Weiße aus Stoff oder schwarze aus Plastik, die wie Gasmasken aussehen. Die Reporter warten und warten, dann geben sie grausame oder gute Nachrichten weiter. „Ich mache das hier seit vier Tagen“, meint ein junger Mann. Er strahlt. So wie Indonesier strahlen, wenn sie Kummer verstecken wollen.

Man darf den Grippetod nicht mehr dem Zufall überlassen, da sind sich die internationalen Organisationen einig. Und da kommt Gina Samaan ins Spiel. Samaan, die Australierin, Pferdeschwanz, starke Gläser im feinen Brillengestell, ist eine ehrgeizige Frau. Sie arbeitet für die Weltgesundheitsorganisation. „WHO Feld-Epidemiologe“ steht auf ihrer Karte. „Wir sind das FBI für Infektionen, wir ermitteln Krankheiten“, sagt sie. Es ist Sonntagabend, 23 Uhr, Gina sitzt bei einem Saft im Foyer ihres Apartment-Hochhauses. Zwei Handys liegen auf dem Tisch, alle fünf Minuten surrt eines. Die Schlafpausen fallen zurzeit kurz aus, Gina sucht fast rund um die Uhr nach Indizien. Sobald wieder ein Mensch an Vogelgrippe gestorben ist, beginnt ihr Job: Wo und wie wurde das Virus übertragen? Wer hatte Kontakt mit dem Toten? Fand gar eine Übertragung von Mensch zu Mensch statt? Hat das Virus also seine Eigenschaften verändert?

„Sollte das Virus eine Form annehmen, die leicht springen kann, haben wir ein Problem“, meint Gina. Die WHO befürchtet, dass früher oder später so ein Supervirus entsteht – so gefährlich wie das Vogelgrippevirus und gleichzeitig so leicht übertragbar wie ordinäre Grippe. Millionen würden umkommen. Und weil das Supervirus auch im Körper eines Menschen entstehen kann, läuten die Alarmglocken jedes Mal, wenn wieder jemand Vogelgrippe bekommt. Jeder Fall hat Desasterpotenzial. „Um bestmöglichen Schutz zu empfehlen, müssen wir noch mehr wissen“, sagt Gina ernst. „Das Virus steckt in infizierten Vögeln und ihrem Kot. Es kam aber auch in Eierschalen und gefrorenem Entenfleisch vor. Berührung kann Ansteckung bedeuten. Und leider können wir nicht ausschließen, dass es weitere Quellen und weitere Übertragungswege gibt.“

Gina hat guten Grund, anzunehmen, dass die Viren Wege kennen, von denen Wissenschaftler noch keine Ahnung haben. Sie hat bei einer Großfahndung einen halben Vorort auf den Kopf gestellt, ohne schlauer zu werden.

Vom lauten Betondschungel Jakarta geht es 30 Kilometer nach Südwesten: Hier liegt BSD, kurz für Bumi Serpong Damai. BSD sieht aus wie ein kalifornischer Vorort: Einfamilienhäuser, Golfplatz, Sicherheitsleute an Schranken und Palmen in Reih und Glied. Vogelgrippe, hier? In BSD hält niemand Hühner. Hier gibt es keine Landwirtschaft, keine schmuddeligen Märkte mit Federvieh. Hier wohnen Bankangestellte, Beamte und Versicherungsmakler. Für sie war die Vogelgrippe immer weit weg. Und so dachte niemand an etwas Schlimmes, als die kleine Basrina Ende Juni Fieber bekam. Aber zwei Wochen später war sie tot. Ihre Schwester Thalita auch. Und ihr Vater Iwan auch.

Zwei Monate danach liegt sie verschlafen in der Mittagshitze, die Straße, in der Iwan und seine Töchter starben. Die Reihenhäuschen haben hübsche Giebel, auf kleinen Terrassen stehen Topfpflanzen. Wenn eine warme Brise geht, rauschen die Bäume. Iwans Witwe ist gerade aus Mekka zurück, sie hat eine Pilgerreise gemacht. Ein Sohn ist ihr geblieben. „Rosalina steht noch unter Schock“, sagt eine Bekannte. In der Straße wollen viele bis heute nicht wahrhaben, was geschah. „Die drei sind nicht an Vogelgrippe gestorben“, meint Kiki Mangoenkarta, Iwans Nachbar. „Iwan war ja Regierungsbeamter. Bestimmt hat er einen Korruptionsfall aufgedeckt. Da haben sie ihn verhext. Magie hat ihn umgebracht.“ Ein anderer sagt: „Wir wollen das endlich verstehen. Wie konnte das nur passieren?“

Genau das hatte auch Gina Samaan herausfinden wollen, die WHO-Ermittlerin. Drei Fälle in einer Familie! Das roch nach Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Kann das Virus das jetzt? Ist die weltweite Katastrophe nahe?

Es gab also einen Großeinsatz. 30 Experten fuhren nach BSD, befragten 170 Menschen aus Iwans Umfeld und testeten sie alle auf Vogelgrippe. Ehefrau. Sohn. Hausangestellte. Nachbarn. Erweiterte Verwandte. Arbeitskollegen. Bekannte. Schulfreunde und Lehrer. Alle Tests negativ. Gina marschierte durch Iwans Siedlung und testete und testete. „Unsere Hypothesen wurden immer kreativer.“ So umschreibt eine Wissenschaftlerin Verzweiflung. „In Iwans Haus war ein kleiner Fischteich. Wir überlegten, ob nicht ein Vogel ins Haus hätte fliegen und in den Teich scheißen können. Steckte das Virus im Teichwasser? Negativ.“ Gina grub Iwans Vorgarten um, nahm Erdproben: nichts. Sie fuhr auf alle drei Golfplätze in der Umgebung. „Auf den Teichen habe ich Enten vermutet. Aber es gab keine.“ Und dann fand Gina das Virus doch noch. In der Nähe von Iwans Haus, im Käfig eines Ziervogels. Aber: „Leider hat das nur verwirrt. Der Vogel war negativ, der Kot in seinem Käfig positiv.“ Wie kann das sein? Und warum blieben die Besitzer gesund, während um die Ecke Iwan und seine Töchter starben? Die Schwestern schliefen in einem Bett. Haben sie sich gegenseitig und später ihren Vater angesteckt? Wenn ja, warum nicht auch Mutter und Bruder? Gina zuckt mit den Schultern.

Der BSD-Fall ist abgeschlossen. Er gilt als ungelöst. Seit die Vogelgrippe vor mehr als 100 Jahren identifiziert wurde, hat es weltweit nur drei Fälle gegeben, bei denen die WHO eine Übertragung von Mensch zu Mensch für möglich hält. Iwan und Töchter sind Fall Nummer vier. „Am wichtigsten ist, dass es nicht zur Virusveränderung kam“, sagt Ginas Chef Georg Petersen, „Iwan trug das klassische Vogelgrippe-Virus.“ Kein Supervirus. Keine Millionen Toten.

Glück gehabt.

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