Zeitung Heute : Auf der Spur

Mathias Klappenbach

Heute erscheint das Buch „Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers“ von Jef d’Hont, der lange im Profi-Radsport gearbeitet hat. Darin enthüllt er Details über die Dopingpraxis im Team Telekom. Liefert d’Hont neue Beweise im Fall Jan Ullrich?


Auf die Frage, ob sich Jan Ullrich die Dopingspritzen selbst gesetzt habe oder ob sie ihm gesetzt wurden, möchte Jef d’Hont nicht antworten. Er rechnet mit gerichtlichen Auseinandersetzungen, und für diesen Fall hat sich der ehemalige Betreuer des Teams Telekom „einiges aufgespart“. Doch auch so sind die Anschuldigungen, die der 65-Jährige in einem Gespräch mit dem „Spiegel“ und in seinem Buch „Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers“ erhebt, erheblich und aufsehenerregend.

D’Hont war 40 Jahre lang als Betreuer im Profi-Radsport dabei, und er berichtet detailliert darüber, wie Doping zum Alltag im Profi-Radsport gehört. Von 1992 bis 1996 war er beim Team Telekom, das heute T-Mobile Team heißt. D’Hont sagt, dass bei Telekom systematisch mit dem Blutdopingmittel Epo gearbeitet worden sei. Bjarne Riis hätte bei seinem Sieg bei der Tour de France 1996 so viel Epo genommen, dass sein Blut „dick wie Sirup“ war. Und auch Jan Ullrich, der bei seiner ersten Tour gleich Zweiter wurde, habe Epo im Blut gehabt, um mit mehr roten Blutkörperchen und besserem Sauerstofftransport schneller zu sein. Das alles sei gut organisiert gewesen, im Auftrag von Teamchef Walter Godefroot und in Zusammenarbeit mit den Ärzten der Universitätsklinik Freiburg, die das Team auch heute noch betreuen.

Beweise hat d’Hont für seine Behauptungen nicht, die genauen Dosierungspläne und Abrechnungen für die Fahrer seien von seiner Frau vernichtet worden, als d’Hont 2000 im Festina-Skandal zu den wegen Dopingmachenschaften Angeklagten gehörte und zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Das macht ihn eher noch glaubwürdiger – und d’Hont braucht keine Beweise, damit seine Anschuldigungen Konsequenzen haben. Denn der Radsport kämpft gerade um seinen Ruf und um seine Zukunft. Alles, was mit Doping zu tun hat, wird anders als früher nicht nur nach außen hin ernst genommen. Auf d’Hont könnte die eine oder andere Verhandlung zukommen, doch wer ihn verklagt, muss damit rechnen, dass weitere Zeugen auftauchen, die seine Behauptungen stützen.

Das „Gesetz des Schweigens“, wie es d’Hont nennt, bröckelt seit einiger Zeit, auch immer mehr Verantwortliche im Radsport treten die Flucht nach vorne an. T-Mobile, das sich im Antidopingkampf seit der Affäre in Spanien um den Arzt Eufemiano Fuentes profiliert, ging schon einmal vorsichtig auf Distanz zu seinen Ärzten, die die Vorwürfe „unerklärlich“ finden. Sie dementieren ebenso wie die beschuldigten ehemaligen Telekom-Profis Uwe Ampler und Olaf Ludwig sowie Walter Godefroot. Vor ein paar Jahren hätten die Beschuldigten nicht einmal dementieren müssen, aber die Radwelt und ihre Sponsoren reagieren jetzt empfindlich auf solche Anschuldigungen, wie sie nun d’Hont erhebt – selbst wenn der keine Beweise vorlegen kann und niemand mit rechtlichen Konsequenzen rechnen muss.

Das Buch bringt zumindest neuen Aufruhr im Kampf um das Image des Radsports. Gestern waren beim Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich keine Profis am Start, die in der Fuentes-Affäre verdächtigt werden. Die Teamchefs hatten drei verdächtigte Fahrer wieder gestrichen und die Nachricht stolz verkündet. Zudem planen die 21 Chefs der Teams der höchsten Rennserie Pro Tour, mit einer Delegation nach Spanien zu fahren und zu fordern, die Fuentes-Affäre restlos aufzuklären. Sie plädieren für DNS-Abgleiche – wie bei Jan Ullrich bereits gemacht – von allen 51 verdächtigten Profis. Ullrichs Abgleich stimmte mit sichergestelltem Blut überein. Die Abgleiche könnten Beweise erbringen, die Jef d’Hont nicht hat.

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