Zeitung Heute : Auf der Strecke bleiben

Bald ist die Formel-Eins-Saison zu Ende. Was erlebt man denn auf einer Rennstrecke? Besuch in einer merkwürdigen Stadt – und ihrem Nürburgring.

Harald Martenstein

Je näher man an den Nürburgring herankommt, desto schneller fahren die Leute. In Altenahr denkt man noch, na prima, der Verkehr läuft schön zügig. Kurz vor Adenau kriegt man Angst. Hinter Adenau liegt das Durchschnittstempo 20 Kilometer über dem, was im Rest von Deutschland gerade noch als menschenmöglich gilt. In der Nähe von Nürburg fängt man automatisch selber an, die Kurven mit 80 zu nehmen und sagt sich: Whow, das ist grenzwertig. Aber die anderen röhren mit 130 an einem vorbei. Sie haben alle Alufelgen und Spoiler, und das Auto ist meistens tiefergelegt. Es ist der Wahnsinn. Es ist härter als Brandenburg kurz nach der Wende.

Wir sind in Rheinland-Pfalz. Auf der Fahrt durch die Eifel sieht man Mischwald, Bergkuppen mit und ohne Burg darauf, zahlreiche Bäche und Campingplätze sowie das Gasthaus „Zum Wurstkessel“. Man denkt vor sich hin: „Deutscher als dies hier kann eine Landschaft nicht sein.“ Die Straßen sind durchweg gut. Wenn auch extrem kurvenreich.

Dann also ist man am Ring. Ein Kassenhäuschen, eine Schranke, ein Parkplatz. Das Lokal „Zur grünen Hölle“, ein Betonbau im Stil der Neuen Hässlichkeit. Auf dem Parkplatz steht das Erhabene neben dem Trivialen, also beispielsweise ein 30 Jahre alter Austin Healey, ein wunderschönes englisches Sport-Cabrio, neben einem frisierten Toyota.

Meistens sind es Porsches. Man macht sich, wenn man nicht dort war, keine Vorstellung davon, wie viele Porsches es in Deutschland trotz Krise immer noch gibt. Sie sind am Nürburgring alle silberfarben. Nein, einige sind schwarz. Andere Farben kommen nicht vor, kein rot, grau oder gar grün. Ein grüner Porsche, das wäre wirklich eine bizarre Idee.

Um geöffnete Motorhauben herum versammeln sich Gruppen von Männern und lassen sich erklären, wie der Motor getunt ist. In vielen Autos fehlen die Rücksitze, statt dessen ist ein Gestänge eingebaut, damit beim Überrollen die Überlebenschancen größer sind.

Neben dem Kiosk steht eine Tafel mit Hinweisen. Man soll bei Unfällen nicht vergessen, die Zahl der Verletzten möglichst exakt durchzugeben. Man soll vor Fahrtbeginn auch unbedingt die SOS-Handynummer einspeichern, damit man im Falle eines Falles nur eine Taste drücken muss. Vielleicht kann man sich nur noch schwach oder unter Schmerzen bewegen, da freut man sich schon, wenn es nur eine einzige Taste ist. Außerdem steht auf der Tafel: „Unterschiedliche Reibwerte der Strecke machen den Eifelkurs zu einer sehr anspruchsvollen Herausforderung.“ Eine Runde kostet 14 Euro. Die meisten kaufen Fünferkarten, das gibt Rabatt. Und man hat vielleicht mehr von den Reibwerten.

Der Nürburgring wurde 1927 gebaut, das war unter anderem eine soziale Maßnahme zu Gunsten der armen Eifelbauern. In der Eifel herrschte schon damals Arbeitsplatzknappheit, Verschuldung, Reformstau und all das. Die Strecke war 22 Kilometer lang, und hatte auf 400 Metern Höhenunterschied 118 Kurven. Das war auch Wahnsinn.

Autorennen begannen damals noch zu Fuß. Das heißt, die Rennfahrer standen mit gezücktem Zündschlüssel in einer Reihe gegenüber von ihren geparkten Autos, beim Startschuss spurteten sie alle los, sprangen ’rein, starteten und ab. Der Sieger hieß in der ersten Zeit fast immer Rudolf Caracciola im Mercedes, ein Bursche aus einem Dorf der Nachbarschaft, trotz des italienischen Namens. Er fuhr ohne Gurt und Helm. Das war sein Stil.

1934 wurde eine neue Regel eingeführt. Als Höchstgewicht der Rennwagen waren 750 Kilo erlaubt, der neue Mercedes W25 aber brachte beim Testwiegen 751 Kilo. In der Nacht haben sie die weiße Farbe abgeschmirgelt, am Morgen stand das Auto mit vorschriftsmäßigen 750 Kilo da – in nacktem, silbrigem Blech. Dies war die Geburtsstunde der legendären Silberpfeile.

Deswegen fahre ich am Ring einen silberfarbenen Mercedes. A-Klasse. Vollkasko. Es ist kein Silberpfeil, mehr so ein Silberknubbel. In den Kurven kommt Elchtest-Stimmung auf. Die Strecke? Es geht auf und ab, auf und ab, wie Achterbahn. Kurven sind meistens erst im letzten Moment zu erkennen. Kein Mittelstreifen, dafür am Rand der Strecke rot-weiße Begrenzungen.

Die Kurven tragen Namen. Quiddelbacher Höhe. Schwedenkreuz. Metzgesfeld. Bergwerk, da hat sich 1928 Vinzenz Junek mit seinem Bugatti den Hals gebrochen. Wippermann. Pflanzgarten, wo es 1958 den armen Peter Collins erwischt hat. Der Asphalt ist fast überall üppig bemalt und beschrieben. Mehrere Male wird einer gewissen „Gaby“ gehuldigt, einmal heißt es: „Stefan, gib Gummi!“ In der Geraden gehen 120 Sachen, in den Kurven 70, mit Mühe.

Aber das nützt nichts. Die Porsches röhren links und rechts an einem vorbei. Außerdem viele Motorräder. Das einzige Fahrzeug, das sich langsam und vorsichtig durch die Strecke tastet, gehört einem holländischen Touristenpaar. Eine Runde im A-Klasse-Mercedes dauert 14 Minuten. Es macht schon Spaß. Es ist wie Carrera-Rennbahn und total anarchistisch. Gefahren wird, so heiß es nur geht, überholt wird, wo und wie es sich gerade ergibt. In den Kurven schleudert man und denkt: „Schon okay. Auf dem Nürburgring nicht zu schleudern, das wäre ja, als ob man einen grünen Porsche fährt.“

Dass so was in Deutschland möglich ist! Es ist dereguliert bis zum Geht-nicht-mehr.

Ab 1950 gab es die Formel 1. Der beste Fahrer hieß damals Juan Manuel Fangio. Er war uralt. Das letzte Mal gewann er am Ring mit 46 Jahren. Die Deutschen hatten Graf Berghe von Trips auf Ferrari, geboren in der Nähe von Kerpen, der wegen seiner zahlreichen Unfälle den Spitznamen „Graf Crash“ trug. Im Familienwappen stand das Motto: In Morte Vita, im Tod liegt das Leben, und so ähnlich pflegte Graf Crash die Dinge auch anzugehen. 1961 war er drauf und dran, der erste deutsche Formel-1-Sieger zu werden, das wäre ein nationales Symbol fast von der Größe des Wunders von Bern gewesen. Aber dann kam das Rennen in Monza, wo Graf Berghe von Trips mit Jim Clark zusammenstieß, was ersterem das Leben kostete.

Immer wieder sagten Rennfahrer: Der Nürburgring ist für die Formel 1 einfach zu gefährlich. Der Ring wurde umgebaut und entschärft, das wichtigste Rennen, der Große Preis von Deutschland, wurde nach Hockenheim verlegt und wieder zurückerobert, jahrelanges Hin und Her. Niki Lauda fuhr auf dem Ring die schnellste Runde aller Zeiten, in 6 Minuten und 59 Sekunden. 1976 hat es ihn im Abschnitt „Bergwerk“ schwer erwischt, fast tödlich, das war das Ende des klassischen Rings. Eine neue Strecke wurde gebaut, gleich nebenan, 4,5 Kilometer, 14 Kurven. Dort fahren sie jetzt mit der Formel 1 immer den „Großen Preis von Luxemburg“. Aber die Freizeitpiloten wollen natürlich nicht auf die Weicheierpiste.

Dröhnen in der Kurluft

Neben dem Ring steht ein Funpark mit Rennsimulatoren, Kartbahn und solchem Zeug. Es gibt ein Kino, wo man sich die Szenen der spektakulärsten Unfälle ansehen kann. Gaston, ein Belgier, führt rum und zeigt, dass es in den Formel-1-Wagen einen Trinkknopf gibt. Die Fahrer haben im Ärmel einen Schlauch, der zum Kragen herausguckt. Wenn sie am Armaturenbrett auf den Knopf drücken, können sie während des Rennens trinken. Gaston sagt: „Klar, jede Woche erwischt es hier welche. Vor ein paar Tagen haben sie zwei Engländer aus der Kurve gekratzt. Aber es steht selten was darüber in der Zeitung.“

Das Dorf Nürburg besteht im Wesentlichen aus der Dorfstraße mit ein paar Seitenwegen. Es trägt erstaunlicherweise den Titel „Luftkurort“. Rundherum erstreckt sich die Rennstrecke, das heißt, es liegt immer ein leichtes Dröhnen in der Kurluft. Bevor die Rennstrecke gebaut wurde, züchteten die meisten Einwohner Kohlrübensamen. Nürburg war ein Kohlrübensamenzüchterdorf. Es schmiegt sich an den Fuß eines Berges, auf dem die Ruine der Nürburg steht.

Das Dorf wirkt auf den ersten Blick unauffällig, bis auf das große BMW-Center. Dann sieht man die Autos der Dörfler, in den Einfahrten. Sie haben Spoiler. Sie haben Alufelgen und Rennlenker. Sie sind tiefergelegt. Das ganze Dorf Nürburg ist ein komplett tiefergelegtes Gemeinwesen.

Da kommt ein Fahrrad, mit Kind. Das Kind sieht normal aus, aber das Fahrrad nicht. Es hat einen Tacho, eine gigantische Gangschaltung, Rückspiegel, vier Katzenaugen und Wimpel und extrabreite Reifen.

Das sind die schnellen Kinder von Nürburg.

Nachts aber gehen überall gebogene Peitschenlampen an, und das am Tag relativ romantische Nürburg leuchtet hell wie einst die Zonengrenze. Alle Straßen und Wege sind dann plötzlich mit Porsches und BMWs zugeparkt. Man sieht tatsächlich keinen einzigen Fußgänger, nur silberfarbene Porsches unter Peitschenlampen.

Dann geht man in ein Gasthaus hinein. Es heißt „Pistenklause". An den Wänden hängen Rennfahrerfotos. An langen Tischen sitzen Gäste, dicht an dicht. 90 Prozent sind Männer zwischen schätzungsweise 45 und 55. Das sind die Porschefahrer. Wenn du jünger bist, hast du das Geld noch nicht. Wenn du älter bist, hast du die Reaktionen nicht mehr.

Die Männer haben fast alle Polohemden an. Einige tragen auch nachts Rennsonnenbrillen, in die Stirn geschoben. Die Männer reden in verschiedenen Sprachen, Englisch, Französisch, Schweizerdeutsch. Zehn Prozent der Gästeschaft besteht aus Frauen. Sie sind alle zwischen 20 und 30. Das sind offenbar die Freundinnen der Porschefahrer. Es sitzt immer eine einzelne Freundin mit acht oder neun Porschefahrern an einem langen Tisch und trinkt Mineralwasser. In dem Moment versteht man: Nürburg ist eine Art Kurort für Midlife-Crisis-Kranke. Im Laufe der Zeit haben sie die Dorfbewohner angesteckt. In Nürburg kommt man schon als Midlife-Crisis-Kranker zur Welt. Deshalb haben es sogar die Kinder.

Männerrituale

Die Wirtin sagt: „Nein, Tourismus im üblichen Sinn haben wir hier kaum. Die Herren sind alle wegen dem Nürburgring da.“ Was genau machen sie? „Sie buchen im Fahrsicherheitszentrum einen Kurs. Manche kommen seit zehn Jahren oder länger. Die Schweizer Gruppe sogar zweimal im Jahr. Sie üben im Kurs und dann drehen sie auf dem Ring Runden. Sonst können die Herren ihre Autos ja nirgendwo ausfahren.“

Das Fahrsicherheitszentrum liegt hinter dem Funpark, zwei Übungsplätze und ein Bürogebäude. Viele Hostessen in schwarzen Uniformen laufen umher. „Interessieren Sie sich fürs Intensivtraining oder fürs Perfektionstraining?“, fragt die Hostess und reicht den Prospekt ’rüber. Im Prospekt steht: „Wie aus dem Nichts schießen vor ihnen Wasserfontänen aus dem Boden. Eine hydraulisch bewegte Platte zieht ihrem Auto die Hinterräder zur Seite. Wir sorgen dafür, dass ihr Auto komplett den Kontakt zur Fahrbahn verliert.“ Das also ist das Fahrsicherheitszentrum.

Graf Berghe von Trips verglich das Rennfahren mit den Turnieren der Ritterzeit. Der Tod muss als Möglichkeit mitgedacht werden, daraus besteht der Kitzel. Beim Boxen wollen die Zuschauer ein K. O. sehen, beim Autorennen liegt immer der spektakuläre Unfall in der Luft. Zu sagen, die Zuschauer wollen, dass jemand stirbt, wäre übertrieben. Sie wollen es nicht unbedingt, aber die Möglichkeit, dass jemand sterben könnte, erhöht die Attraktivität der Veranstaltung schon ein wenig.

In der Dorfchronik von Nürburg steht, dass die Burg etwa 1150 durch Ulrich von Are errichtet wurde. Ulrichs Bruder aber wollte, dass die Erbfolge an seine Linie übergeht. Deswegen, so erzählt die Dorfsage, ließ er den Grafen Ulrich durch einen gedungenen Tunichtgut entmannen. Nicht etwa töten, nein, nur entmannen, so viel Bruderliebe war denn doch. Das ist seltsam: Ein deutscher Ort, der so viel mit Männerritualen und Midlife-Crisis und vielleicht Potenzsymbolen zu tun hat, falls man die populäre These akzeptiert, dass ein Porsche ein Potenzsymbol ist, ein solcher Ort also hat als Dorfsage ausgerechnet eine Kastrationsfantasie. Wirklich sonderbar. Und oben, auf der Burg, hört man immer dieses Röhren. Es könnten Motoren sein. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich das abgetrennte Gemächt des Grafen Ulrich, das hier irgendwo vermodert und bis auf den heutigen Tag röhrend nach Rache ruft.

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