Zeitung Heute : Auf der Suche nach dem Gleichgewicht

Kerstin Decker

An den Haustüren hängen Begrüßungskränze aus Schleifen, Stroh und Blumen. Einer neben dem anderen, es passen viele Kleinstwohnungen in so ein Konstanzer 60er-Jahre-Haus. Eine blaue Keramiksphinx überwacht den Treppenflur. Im dritten Stock wohnt Peter L., Sozialhilfeempfänger. Kranzlos, natürlich. Die Stroh-Blumen-Illusionen von Heimat ringsum stören ihn nicht mehr. Und wenn einer die blaue Sphinx vom ersten Stock klauen würde, er würde sie vermissen. Früher hätte er so viel bekränztes Spießertum nicht ausgehalten. Und nicht die Höhlenmenschen der Wohlanständigkeit. Peter L. hat zehn Jahre auf der Straße gelebt – auf den Straßen ganz Europas. Im Haus weiß das keiner. Dass einer von draußen drin sein kann, Wand an Wand mit ihnen, würde sie erschrecken. Peter L. ist das, was unser sozialer Gebirgsblick „unten“ nennt – als schauten wir alle von oben.

Nord bleibt Nord und Süd bleibt Süd. Ost bleibt Ost und West bleibt West. So hat es der Bundespräsident gesagt, sinngemäß. Als Tendenzauskunft. Nur dass man es, einmal ausgesprochen, anders weiß als vorher. Es gibt keine Gleichheit. Ist es schwerer, in Konstanz (Süd-West!) ein Verlierer zu sein? Oder ist es in Rostock (Nord- Ost!) schwerer? Dabei könnten Rostock und Konstanz Geschwister sein – zwei schöne alte Städte am Wasser. Konstock. Rostanz. Der Bodensee macht keine Wellen. Ein unköhlersches Gleichheitsgewässer.

Peter L. liebt Konstanz, es ist die Stadt seiner Wahl. Unwillkürlich sucht man die Spuren des Versagens in seinem Gesicht. Es würde auf jede Rasierwasser-Reklame passen, dieser Ausdruck des Lächelnd-Virilen. Er ist Mitte 50. Aber etwas stimmt nicht. Sein Lächeln trägt andere Spuren.

Bei Peter L. steht der Wäschetrockner breitflügelig im Schlafzimmer, ein paar lange schon trockene Jeans sind oben drübergeworfen. Neben seinem Bett liegt Kants „Kritik der Urteilskraft“. Die Menschen sind wirklich ungleich. Nicht viele lesen Kant. Wenn man nichts weiter hineinstellt in Miniwohnungen, wie sie Sozialämter bezahlen, kann man gut drin Luft holen. Jeder Schrank wäre eine Raumbarriere. Peter L. hat keinen Schrank. Irgendwann weiß man, wenn das Verlierertum in dieser Stadt ein Gesicht hat, dann seins. Ein sehr selbstbestimmtes.

Die Welt der Werbung war die Welt des Peter L. Acht Jahre lang war er Werbedesigner in Frankfurt. Bis er sich vorkam wie ein Gespenst. Bis er merkte, er hatte nichts mehr mit sich selbst zu tun. Und nichts mehr mit dem Maler, der er war. Ausgesucht mit neun anderen Studenten unter 600 Bewerbern. Er kann es am besten mit Franz Kafka in Prag erklären. Wer heute nach Prag fährt, dem blickt überall Kafka entgegen. Von Reklamen, von T-Shirts. Peter L. lacht: „Dieser ängstliche, scheue Mensch auf jedem T-Shirt!“ Es ist nicht Hohn in diesem Lachen, eher ein unbestimmtes Bedauern. Er erkennt in diesem T-Shirt-Kafka die Grimasse unserer Zeit, die kein Ding in seiner eigenen Beleuchtung lassen kann, die alles ins grelle Scheinwerferlicht zerren muss. Er erkannte in den Prager Kafka-T-Shirt-Produzenten sich selber.

Der Nachteil, nicht mehr zu dieser gesellschaftlich bedeutsamen Gruppe zu gehören, ist, dass ihn ab und zu das Sozialamt holt. Zu „gemeinnütziger Tätigkeit“. Das sind schwarze Tage für Peter L. Er war schon Lackierer, Schuhmacher, Fischer in Frankreich. Zuletzt wollte er in Konstanz Imker werden oder Bodensee-Fischer. Aber der Angelschein kostet mehr als der Sozialhilfesatz eines Monats. Das sind 297 Euro in Konstanz.

Im Flur hängen seine Gräserbilder. Die Halme sind nicht zum Strauß gebunden, sondern einzeln gemalt – wegen der Individualität der Gräser. Manchmal glaubt er, dass Gräser viel individueller sind als Menschen. Viel ungleicher, sieht doch jeder. Die zweite Hauptgruppe Bilder sind die Strand- und Wasserbilder. Wobei es immer mehr Luftmatratzen und Badende gibt als Wasser, flächenmäßig gesehen. Wenn die Härte der Straße in seine Bilder gekommen wäre, Charles Bukowski in Farbe, man hätte es verstanden. Aber da sind Feinheit, Lachen und – Nachsicht.

Wenn man seine Ölbilder für Aquarelle hält, wird Peter L. böse. „Das ist Öl. Ich trage nicht dick auf.“ Nicht als Mensch, schon gar nicht als Maler. Dick auftragen ist teuer. Er nimmt eine Tube vom Arbeitstisch. 9,90 Euro, sagt Peter L. Er nennt die Summe wie andere den Preis eines Neuwagens. So etwas kauft er sich nicht oft. Vielleicht, überlegt der Maler, wird man diesen allerdünnsten Farbauftrag mal für meinen Stil halten. Ist aber kein Stil, sagt er und sein Blick wird lang. Es ist Armut. Die meisten seiner Pinsel haben längst akuten Haarausfall. Als Sozialhilfeempfänger malst du immer mit dem dünnsten Pinsel. Und eigentlich sollst du gar nicht malen. Sondern endlich aufstehen aus der sozialen Hängematte und arbeiten. Weniger Mitnahmementalität! – Man sollte Arbeit anders definieren, antwortet Peter L. kurz. „Das Wort Arbeit knirscht, merken Sie das nicht? Ich mach’ uns mal einen Tee!“ In der Kleinstküche, in der eine dicke Hausfrau sich nicht mal vor ihrem Herd umdrehen könnte, liegen ein paar Falläpfel und eine große Zucchini. Vier Büchsen mit Kidneybohnen, gelben Bohnen, Texasbohnen und Chilibohnen stehen geöffnet auf dem Kühlschrank. Darüber im Regal mindestens sechs Teesorten. Das ist der Luxus, den er sich leistet.

Ab Januar wird Peter L. zu den „arbeitsfähigen“ Sozialhilfeempfängern zählen, zu den stärker „zu fordernden“. Es ist unmöglich, die Worte „arbeitsfähig“ und „stärker zu fordern“ in seiner Gegenwart auszusprechen. Arbeitet er denn nicht? Wenn er noch zu den Kafka-T-Shirt-Produzenten gehörte, jeder würde Arbeit nennen, womit er seine Tage verschleudert. Er ist kein Asket. So zu leben, wie er leben muss, ist schwer genug. Es erfordert eine Disziplin, die die Fremd-Arbeiter nicht kennen. Es braucht eine jeden Tag neu erzeugte Innenspannung, denn ohne die fällt man zusammen. – Immer, wenn das Sozialamt sich meldet, weiß er, dass all das nicht zählt. Sein Leben ist öffentlich begehbar. Sozialhilfeempfänger haben keine Privatsphäre. Jeder Beamte sieht auf ihn mit diesem Berg-Tal-Blick der gesellschaftlichen Wertschätzung.

Peter L. nimmt die dicke Zucchini vom Küchentisch. Das Gemüse ist aus seinem eigenen Garten. Wenn er einmal quer durch den Wald geht, ist er in seinem Garten. Mit der dicken Zucchini geht er jetzt quer durch die Stadt zum Industriegebiet. Er läuft gern durch die Straßen von Konstanz: „Manchmal im Winter hört man hier noch das Klirren der Rüstungen des Mittelalters.“ Zehn Minuten, sagt Zucchini-Hersteller L., dann sind wir bei „Herrn Pape“. Herr Pape ist der Zucchini-Empfänger und Chef der örtlichen Arbeitsloseninitiative. Es werden noch mal zehn Minuten. Und dann noch mal zehn Minuten. Das „Industriegebiet“ von Konstanz ist eher ein Gewerbegebiet, zwei, drei Baumärkte, nichts weiter. In den letzten Jahren sind ein paar Kleinindustrien aus der Stadt weggegangen, die Konstanzer Arbeitslosenzahl ist trotzdem gesunken. Wahrscheinlich ist das das Phänomen der Köhlerschen regionalen Ungleichheit. Man kann sie nicht wirklich erklären, es gibt sie einfach. Die 80568-Einwohner-Stadt hat 2631 Arbeitslose, das sind 6,3 Prozent, und 2644 Sozialhilfeempfänger, noch unsortiert in die Arbeitsfähigen und die anderen.

Auf der Treppe der „Arbeitsloseninitiative“ steht ein Mann mit langen grauen Haaren und langem grauen Bart. Ein Rentner, 60 Jahre mindestens! Und dass der in dem Alter und mit den Haaren keine neue Arbeit bekommt, ist auch klar. Peter L. überreicht dem Chef der örtlichen Arbeitsloseninitiative die Zucchini. Der Beschenkte lächelt dankbar zuerst Peter L. an, danach das Gemüse. Pape wird bald 83. Ganz ohne Krankenversicherung. Der Bundeskanzler hätte ihn als Vorbild nennen müssen, als er über die deutsche „Mitnahme-Mentalität“ von unten sprach. Herr Pape nimmt nichts mit. Keine Sozialhilfe. Keine Krankenversicherung. Seit Jahrzehnten lebt er ohne Geld in Deutschland. Herr Pape formuliert das so: „Ich habe nicht die Absicht, irgendeine Anbindung an diesen Staat herzustellen.“ Denn der vormalige Wehrmachtsoffizier und spätere Physiker Pape ist gegen seinen Willen in Deutschland. Er verließ das Land nach seiner Entmündigung in einem Familienrechtsstreit. Irgendwann ließ ihn die Schweiz abschieben, zurück nach Deutschland. Peter L. lächelt, wie man bei Geschichten lächelt, die man schon oft gehört hat. Und die so unwahrscheinlich klingen, wie es nur wahre Geschichten tun. Herr Pape definierte sich fortan als „selbstständiges Völkerrechtssubjekt“. Arbeit leistet er grundsätzlich unentgeltlich, zum Beispiel für die Arbeitslosen. Was brauchen die am dringensten? Einen kostenlosen Rechtsbeistand natürlich. Die Gesetzesbücher kennt der Ex-Physiker längst so gut wie ein Jurist.

Unser Bundespräsident hat Recht, wir glauben zu sehr an die Gleichheit. Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe sind große Gleichmacher. Aber vielleicht sind die wahren Gleichheitsflegel wir, mit unseren vorgeprägten Begriffen von Erfolg, von Individualität? Nach einem Tag mit Peter L. und Herrn Pape stimmen die gewohnten Koordinatensysteme nicht mehr. Vielleicht sind wenige ungleicher als Herr Pape und Peter L. Paradiesvögel, sagen die Gedankenlosen. Sie sind keine. Paradiesvögel leben leicht.

* * *

Morgens früh geht sie los.Wie damals, in ihrem vorigen Leben. Karin R. ist eine große Frau, so alt wie Peter L., der Typus, den man „tatkräftig“ nennt. Oder „mit beiden Beinen im Leben stehend“. Nachdem sie arbeitslos wurde, stand sie mit beiden Beinen neben ihrem Leben. Über elf Jahre lang, bis sie im April diese ABM-Stelle bekam. Sie fährt von Groß Klein einmal quer über die S-Bahn-Gleise hinüber nach Schmarl. Groß Klein ist das Neubaugebiet direkt hinter Rostock-Warnemünde, dort wohnt Karin R. Schmarl ist das Neubaugebiet direkt hinter der Werft und dem Seehafen, einer Rest-Werft und einem Rest-Hafen. In Rostock leben heißt, in Resten zu leben. Es gibt auch viel Neues, überhaupt sieht die Stadt viel schöner aus als früher, aber diese Schönheit ist ihr fremd. Sie hat etwas Feindliches, sie Ausschließendes. Ihr Mann ist jetzt zu Hause und raucht. Bauarbeiter, arbeitslos. Die meisten Männer in Groß-Klein sind jetzt zu Hause und rauchen. Ein ganzer Stadtteil voller Peter L.’s, nur dass keiner malt. Der Tag liegt wie eine unendliche Leere vor Karin R.’s Mann. Die Zeit fällt aus der Uhr überm Küchentisch. Bauarbeiter, Werftarbeiter, Hafenarbeiter sollen plötzlich leben wie Peter L. Wie ein Künstler also: dem Tag selbst eine Form geben. Eine Spannung. Er kann das nicht. Er war nie darauf vorbereitet. So ohnmächtig sind nur Männer, weiß Karin R. Jetzt, wo sie die ABM-Stelle im Arbeitslosenzentrum hat, könnte er mehr im Haushalt machen. Das hat sie ihm gesagt. Die Fenster müssten dringend geputzt werden.

Ihre ABM-Stelle geht nur bis November. Die letzten Wochen ihrer Beinahe-Berufstätigkeit wird sie genießen. Sie hat plötzlich wieder Kollegen, so wie früher im Rostocker Datenverarbeitungszentrum. 1992 wurde sie entlassen, es gab keine Daten mehr zu verarbeiten. Die neuen Kollegen sind in Wirklichkeit Kollegen in der Arbeitslosigkeit. Ihre Nachwendeschicksale ähneln sich bis aufs Haar. In der Konstanzer Arbeitsloseninitiative blieb das Telefon über Stunden still. Der Konstanzer Normal-Arbeitslose versteckt sich noch immer, erklärte Pape. In Rostock versteckt sich keiner, jeder fünfte Rostocker ist arbeitslos. Es kommen viele ins Schmarler Arbeitslosenzentrum, mit Hartz-IV-Anträgen und ohne. Karin L. lächelt. Einer hat ihr mal gesagt, sie sei noch aus der DDR übrig geblieben. Bin ich, sagt sie. Es ist kein Bekenntnis, nur eine Feststellung. Sie alle hier sind übrig Gebliebene. Menschliche Altlasten, die man nicht so einfach entsorgen kann wie alles andere. Der Kapitalismus hat mehr mit ihr zu tun als ihr lieb ist. Das Gesetz vom Mehrwert, hat sie gelernt, gilt auch für das Leben selbst. Ohne einen kleinen Mehrwert des Daseins ist es eigentlich nicht zu ertragen. Früher war er wie selbstverständlich da. Und das meint nicht nur das Geld. 100 Euro Haushaltsgeld pro Woche hat sie für ihre Familie zur Verfügung. Wie das werden soll, wenn beide Arbeitslosengeld II bekommen, weiß sie noch nicht. Frauen mit Bürojobs haben Angst vor ihren arbeitslosen Männern, weil die dann nicht nur arbeitslos sind, sondern keinen eigenen Cent mehr haben.

Karin R. weiß jetzt viel über die Physik des Daseins. Über merkwürdige Gravitationskräfte: dass es das Geld immer dahin zieht, wo schon welches ist. Und wer Arbeit hat, bekommt noch mehr Arbeit. Aber dass es mit dem Unglück genauso ist, hat sie doch überrascht. Als ihre Tochter starb, hat sie ihren Enkel adoptiert. Jetzt ist er sieben und geht in Warnemünde zur Schule. Wegen seines schweren Asthmas. Und weil Warnemünde nicht nur für ein Asthma-Kind besser ist als Groß Klein. Manchmal, wenn sie an der Ostsee steht, vor dem Rauf und Runter der Wellen, ist sie beinahe einverstanden mit ihrem Schicksal. Das Meer ist auch nie gleich. Oben und unten sind wohl ewige Dinge, nur dass man das in der DDR nicht gemerkt hat. Aber dann denkt sie plötzlich: Können Arbeitslose überhaupt Eltern sein? Schon bei den Tieren lernen die Jungen von den Alten, wie man durchs Leben kommt. Das ist der Sinn der Elternschaft. Karin R. weiß nicht, wie man durchs Leben kommt. Sie lebt zwischen immer mehr Menschen, die es nicht wissen. In Warnemünde ist das anders. Dabei passt ihr Enkel überhaupt nicht in diese Warnemünder 1. Klasse. Zu viele Wohlhabende, Kinder mit West-Eltern: Mein Vater ist im Vorstand von … in Hamburg. Was soll ihr Junge sagen: Mein Großvater ist arbeitslos und putzt nicht die Fenster?

Jeden Tag sorgt sie, dass das Leben weitergeht. Das macht das Leben dann auch. Im Arbeitslosenzentrum, wenn sie nicht gerade Telefondienst hat, bastelt sie mit anderen Frauen Glückwunschkarten. Keiner kann sein Leben wählen. Umso wichtiger ist es, seine Risiken zu kennen. Peter L. kannte sie. Er hat sich entschieden. Für die schwerste Variante. Karin R. und viele andere hatten nichts zu entscheiden. Das Grundrisiko ihres Lebens kannten sie nicht. Dass das ArbeitslosengeldII im Westen höher sein wird, ärgert alle, hauptsächlich wegen der Symbolik. Denn dass die Lebenshaltungskosten in Rostock niedriger sind, glaubt kein Mensch. Jedenfalls kein Rostocker. Benzin ist gerade so teuer wie sonst nirgends in Deutschland. Wegen der hohen Mieten ist schon jetzt mancher aus seiner alten Wohnung ausgezogen. Zu groß oder zu gut saniert oder beides. Hoffnung auf Arbeit? Karin R. lächelt. Sie weiß, was sie nicht akzeptieren kann, weil sie noch lebt: dass ihre Generation das Opfer der Einheit ist. Ihr Mann holt den Jungen aus Warnemünde von der Schule ab. Wenn sie nach Hause kommt, werden die Fenster nicht geputzt sein.

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