Zeitung Heute : Auf der Suche nach dem Hohlraum

Der Tagesspiegel

Von Werner Schmidt

Je länger er warten musste, desto weniger Verständnis schien der Ukrainer für den erzwungenen Aufenthalt zu haben. Dennoch musste der 35-Jährige sich gedulden. Er stellte keine Fragen, murrte nicht. Lief nur immerzu auf dem Parkplatz Mühlenbeck auf und ab. Zollkontrolle.

Auf dem nördlichen Berliner Ring Richtung Hamburg hatte die Mobile Gruppe des Zolls ihre Kontrollstelle eingerichtet: Schon etwa 500 bis 800 Meter vor dem Parkplatz kündigte eine große Klapptafel die Kontrolle an. An der Zufahrt standen zwei Zollbeamte, von denen einer mit Hilfe eines Fernglases die ankommenden Lastwagen „aussortierte“, sein Kollege winkte sie anschließend mit der Haltekelle heraus. Knapp 30 Minuten dauerte es, bis sich unter den Lkw-Fahrern die Kontrollstelle herumgesprochen hatte: Danach kamen deutlich weniger Fahrzeuge, stellte der Leiter der Einsatzgruppe Frank Wagner fest. Manche fuhren vermutlich Umwege oder steuerten einen „Zoll freien“ Parkplatz an.

Die Fusion mit Brandenburg ist beim Zoll längst erfolgt. Die einst in Berlin ansässigen Zolldienststellen unterstehen jetzt Cottbus und lediglich die für Verbrauchssteuern zuständige Abteilung, zu der auch die beiden Mobilen Kontrollgruppen gehören, haben ihren Sitz noch in Berlin am Columbiadamm. Ihr Zuständigkeitsbereich aber reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus in die umliegenden Brandenburger Landkreise.

„Wir holen nur Fahrzeuge heraus, die für uns interessant sind“, sagte Wagner. Wobei die Erfahrung – die „Nase“ – eines Zöllners vorgibt, was interessant sein könnte. So geriet auch der Ukrainer in die Kontrolle. Er war mit einem leeren Auto-Transporter unterwegs. Bei sich hatte er 30 000 – an der Grenze bei der Einreise bereits deklarierte – Euro. Damit wolle er in Deutschland Autos kaufen, erklärte er. Eine plausible, auch vom Zoll akzeptierte Erklärung für eine derartig hohe Summe Bargeld.

Dennoch herrschte zunächst Misstrauen. Die Personalien des Mannes wurden überprüft - ergebnislos. Dann mussten die Geldscheine herhalten. Da nicht auszuschließen war, dass es „Drogengeld“, also mit Rauschgift in Berührung gekommen war, wurde es einem chemischen Test unterzogen.

Tatsächlich verfärbte sich der Teststreifen geringfügig, aber nicht genug, um mit absoluter Sicherheit auf Rauschgift-Anhaftungen schließen zu lassen. Ein zweiter Versuch fiel ebenso vage aus: „Die Tests sind leider noch nicht hundertprozentig“, sagte Frank Wagner. Der Ukrainer erhielt sein Geld zurück und setzte seinen Weg zum Autohändler mit gut eineinhalbstündiger Verspätung fort. Die Verständigung mit dem Mann war kein Problem: In Wagners Kontrollgruppe sind auch frühere DDR-Zöllner, die Russisch sprechen.

Und natürlich kennen sich alle Zollbeamten mit den jeweiligen Fahrzeugtypen aus. In Kursen wird ihnen beigebracht, wo bei welchen Fahrzeugen, Schiffe eingeschlossen, geeignete Hohlräume zum Verstecken von Schmuggelware zu finden sind. Doch Wagners Mitarbeitern geht es nicht nur um Schmuggelware wie Zigaretten, sondern auch um den Inhalt der Lkw-Tanks. Lastwagen, die aus den Ländern kommen, die nicht der EU angehören, dürfen maximal 200 Liter Diesel nach Deutschland einführen. Wer mehr im Tank hat, muss nachzahlen. Fahrer, die behaupten, sie hätten ihren Tank an einer deutschen Tankstelle gefüllt, müssen die Quittung vorlegen: „Aber auch die werden inzwischen gefälscht“, sagt Wagner. „Nachgemacht wird alles, womit man Geld machen kann.“ Weil mit Zigaretten nicht nur in Deutschland viel Geld verdient werden kann, sind sie nach wie vor das beliebteste Schmuggelgut. Laster werden oft aufwändig mit Tarnladungen bestückt. Also: Kontrolle.

Die Beamten nehmen zwei mit Holz beladene Sattelschlepper aus Polen besonders aufmerksam unter die Lupe: Mit einem „Kuhfuß“ biegt einer die dicht gestapelten Bretter auseinander, leuchtet mit einer Taschenlampe ins Innere, sieht nach, ob Zigaretten versteckt sind. Es sind schon ganze Lkw-Ladungen mit ausgehöhlten Balken sichergestellt worden, die Hohlräume gefüllt mit Zigaretten, über die Bretter geklebt waren.

Deutschland ist nach Wagners Erfahrung längst nicht mehr das Hauptabsatzgebiet für Schmuggelzigaretten. Viel interessanter für Schmuggler sei Großbritannien, wo die Tabaksteuer deutlich höher liegt als in Deutschland, sagt er. Da sind die Gewinne höher. Trotzdem ist mit einem Ende des illegalen Zigarettenhandels in und um Berlin nicht zu rechnen. Da ist Wagner sich sicher.

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