Zeitung Heute : Auf der Suche nach neuen Werten

„Politik braucht den kritischen Blick der Ethik“, meint Christof Mandry, Geschäftsführer des Forschungsinstituts für christliche Ethik und Politik

Eick L

Kapital, Waren und Arbeitskräfte schwimmen um den Globus. Die sozialen Sicherungssysteme erhalten Risse. Politiker und Bürger suchen gleichermaßen nach neuen, verlässlichen Werten.

„Die politische Landschaft ist unübersichtlicher geworden und der Beratungsbedarf der Politiker, beispielsweise hinsichtlich der Reform unserer Sozialsysteme, wächst“, sagt Christof Mandry, Professor für christliche Sozialethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen (KHSB) in Berlin-Karlshorst. „Oft suchen die Entscheider nur juristische oder sozialwissenschaftliche Beratung. Doch wir wollen, dass auch die christliche Ethik stärker ins Gespräch kommt.“ Deshalb hat die Hochschule das Berliner Institut für christliche Ethik und Politik (ICEP) gegründet, dessen erster Geschäftsführer Christof Mandry ist. Das Forschungsinstitut kann sich sowohl auf die Kompetenzen im eigenen Haus als auch auf angesehene Ethiker in Tübingen, Hannover, Löwen (Belgien), Bamberg sowie die Katholischen Akademie stützen. „Unser Ziel ist es, den Kontakt mit Parlamentariern, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Fachverwaltungen und Selbsthilfeorganisationen zu suchen“ erläutert der 36-jährige Theologe, der seit Frühjahr des vergangenen Jahres an der Hochschule lehrt und forscht. „Vor uns liegen erhebliche Umstellungen bei der Krankenversicherung, bei der Pflegeversicherung, den Renten oder der Absicherung von Arbeitslosen und sozial Bedürftigen. Diese Reformen wollen wir mit unseren Forschungen wissenschaftlich vorbereiten und begleiten.“

Das Institut wurde Anfang Mai gegründet und hat bereits einen großen Forschungsauftrag auf dem Tisch: Der Deutsche Caritasverband hat die KHSB und das ICEP beauftragt, für drei sozial problematische Stadtgebiete in Hamburg, Stuttgart und Berlin ein Konzept zu erarbeiten, um die Arbeit der sozialen Dienste nach amerikanischem Vorbild zu reorganisieren. Das Projekt wird von dem amerikanischen Theologen Leo Penta geleitet. „In Berlin betrifft es Oberschöneweide, wo nach der Aufgabe des Kabelwerkes eine hohe Arbeitslosigkeit und teilweise soziale Verelendung herrschen“, berichtet Christof Mandry. „Die Kirchen und ihre Gemeinden könnten viel tun, um den Bürgern in diesem Kiez ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln.“ Dieser Auffassung ist auch Leo Penta, der das amerikanische Konzept des Community Organizing in Deutschland eingeführt hat: Sozialarbeiter und religiöse Gemeinden helfen den Einwohnern, ihre Probleme selbst anzugehen, indem sie Bürgerplattformen organisieren, die Menschen zusammenbringen. „Das Ziel ist ein sich selbst tragender Prozess, der den Kiez wieder nach vorn bringt“, sagt Penta. „Unser Projekt ist bis 2008 angelegt. Wir schicken dabei auch Studierende in das Viertel, um Ideen aus der Hochschule in die Praxis zu bringen.“

Dass den Ethikern die Arbeit nicht ausgehen wird, da ist sich Christof Mandry ziemlich sicher: „Unabhängig davon, welche Partei die Bundestagswahl für sich entscheidet, bleibt abzuwarten, ob und in welchem Ausmaß christliche Werte und ethische Erwägungen künftig Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Wir suchen Kontakte zu allen größeren demokratischen Parteien im Bundestag.“

Weitere Informationen im Internet: www.icep-berlin.de

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