Zeitung Heute : Auf der Suche nach neuen Wörtern

Georg W. Bertram ist zum neuen Professor für Philosophische Ästhetik berufen worden

Christine Boldt

Sie gehören zu den Besten ihres Fachs: Renommierte Wissenschaftler aus dem In- und Ausland folgen gerne dem Ruf der Freien Universität Berlin, um hier zu lehren und zu forschen. In einer Serie stellen wir Ihnen künftig einige der „Neuen“ vor. Lesen Sie heute über Georg W. Bertram, Professor für Philosophie.

Eigentlich wollte Georg Bertram Dirigent werden. Als eines von sechs Kindern in eine Musiker- und Theologenfamilie hineingeboren, „in der das Essen vierstimmig eingeleitet wurde“, stand für ihn lange fest, dass er Kapellmeisterei studieren würde. Er spielte Klavier und Geige und verdiente sich als Bratschist während seiner Schulzeit als Orchesteraushilfe etwas dazu. Doch es kam anders. Studiert hat Georg Bertram schließlich Philosophie und Deutsche Literaturwissenschaft, dazu einige Semester Kunstgeschichte. Ein naturwissenschaftliches Studium hätte ihn auch gereizt. Oder Informatik. Zum vergangenen Wintersemester ist Georg Bertram auf die Professur für Philosophische Ästhetik an der Freien Universität berufen worden.

Wenn der 40-Jährige von seinen vielfältigen Neigungen erzählt, kommt einem unweigerlich der Begriff des Universalwissenschaftlers in den Sinn: „Wer ein breites Interesse hat, landet irgendwann bei der Philosophie“, erklärt Bertram die Entscheidung für das Fach seiner Wahl. Das klingt nach Zwangsläufigkeit, doch zu Beginn seiner akademischen Karriere gab zunächst der Zufall den Ausschlag. Der junge Mann, der im schwäbischen Esslingen aufgewachsen ist, wartete damals nämlich auf einen Platz als Zivildienstleistender im Frankfurter Raum. Um die Wartezeit zu überbrücken, schrieb er sich für zwei Semester an der Universität Gießen ein. Dort hörte er Philosophie-Vorlesungen bei Odo Marquardt – und wollte fortan von der „Liebe zur Weisheit“ nicht mehr lassen.

Nach dem Studium und der Assistenzzeit in Gießen und nach Stationen als Wissenschaftler in Pittsburgh, Wien und Hildesheim wirkt Georg Bertram seit vergangenem Herbst am Institut für Philosophie der Freien Universität in Berlin. Ernst Tugendhat hat hier gelehrt, Michael Theunissen und Albrecht Wellmer – Vorgänger und Vorbilder, denen sich Georg Bertram verbunden fühlt.

„Die Philosophie hat an der Freien Universität immer eine große Rolle gespielt“, sagt Bertram und verweist auf den Namen des Fachbereichs „Philosophie und Geisteswissenschaften“. Als „Zwischenort“ zwischen den verschiedenen Disziplinen würde Bertram die Philosophie an der Freien Universität dann auch gerne ansiedeln. Als Ort, an dem sich Bilder, Musik und Sprache im Nachdenken über Kunst berühren: „Die Kunst ist ein wichtiger Teil, der uns als geistige Wesen ausmacht“, sagt Bertram. Das Thema seiner Antrittsvorlesung an der Freien Universität Ende Januar „Was die Kunst der Philosophie zu denken gibt“ und seines vor kurzem erschienenen Buches belegen das: Die Kunst nämlich stachle den Menschen an, sich zu verändern, den eigenen Geist zu erweitern. Georg Bertram gibt ein Beispiel: „Wir sprechen vor einem Kunstwerk, zum Beispiel vor einem Gemälde, anders als im Alltag: Wir suchen nach neuen Wörtern.“

Philosophie sei eine Begriffsdisziplin, die nach Grundbegriffen forsche, um das Verhältnis des Menschen zur Welt aufzuklären, sagt Bertram. Der Mensch setze sich – vermittelt durch Sprache und Zeichensysteme – ständig mit der Welt auseinander und frage dabei zugleich: „Was verbindet uns mit den anderen? Was trennt uns?“ Als Nächstes will sich Bertram neben seinen Arbeiten zur Kunst und zu Fragen des menschlichen Geistes mit dem Thema „Anerkennung, Liebe und Verantwortung“ beschäftigen und beleuchten, was es bedeutet, „an andere gebunden zu sein“. Der Mensch – ein soziales Wesen. Die immer noch verbreitete Ansicht, Philosophen grübelten weltabgewandt im stillen Denkerstübchen, will Bertram als Klischee entlarven. In Hildesheim hat der Philosoph im Nachtcafé des Stadttheaters über den Begriff der Zeit diskutiert, und auch in Berlin will Bertram mit Kulturinstitutionen zusammenarbeiten und die Philosophie mit der Öffentlichkeit ins Gespräch bringen.

Privat hat Georg Bertram sich in Friedenau niedergelassen. Er schätzt es, mit dem Rad nach Dahlem fahren zu können. Die Musik soll, sobald er wieder Zeit dafür findet, erstes Hobby bleiben: Noch ist Bertram, der zehn Jahre lang einen Chor in Köln geleitet hat, auf der Suche nach einem guten A-Capella-Chor in Berlin.

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