Zeitung Heute : Auf der Suche nach uns selbst

Thomas de Padova

Die Mission der Sonde „Cassini“ zum Saturn ist eine der teuersten der Raumfahrtgeschichte und war umstritten. Wie kommt es, dass sie jetzt trotzdem umjubelt wird?

Eine ganze Satellitenflotte umkreist gerade unseren Nachbarplaneten Mars. Zwei Roboter sind außerdem unterwegs. Ständig erreichen uns neue farbige 3-D- Aufnahmen von Vulkanen und ausgetrockneten Flussläufen, mikroskopische Boden- und Gesteinsanalysen. All dies hat jedoch weniger gekostet als jene eine Raumsonde, die gestern den Saturn erreicht hat.

Die Weltraummission „Cassini“ wirkt wie ein Anachronismus. „Schneller, kleiner, billiger“ – mit diesem Motto hat die amerikanische Weltraumbehörde Nasa in den vergangenen Jahren Maßstäbe in der Raumfahrt gesetzt. Und doch schickte sie 1997 zusammen mit den Europäern einen Weltraumriesen auf Reisen: „Cassini“. Ein Gefährt, das mit sieben Metern so hoch ist wie ein zweigeschossiges Wohnhaus. Dessen riskanter Start wegen des an Bord befindlichen Plutoniums von etlichen Protesten begleitet war. Eine Mission, die 2,8 Milliarden Euro kostet. Deren Planung 15 Jahre dauerte, während die Anreise zum Saturn weitere sieben Jahre erfordert hat. Wozu diese Gigantomanie?

„Cassini“ macht keinen Besuch in der nächsten Nachbarschaft der Erde. Es ist eine Fernreise – auch im astronomischen Sinne: 3,5 Milliarden Kilometer! Der Planet Saturn, seine Ringe und Monde werden nach dieser Entdeckungsfahrt für Jahrzehnte nicht wieder aufgesucht werden. Die Raumsonde ist daher mit wissenschaftlichen Instrumenten voll bepackt.

Die Reise verspricht so erfolgreich zu werden wie die Jupitermission „Galileo“. Diese hat gelehrt, dass fernab der Sonne nicht nur tote Eis- und Gesteinsbrocken kreisen. Stattdessen brodeln etwa auf dem Jupitermond Io unzählige Vulkane. Und der Mond Europa birgt unter einer Eisdecke wohl das größte zusammenhängende Meer im Sonnensystem.

Auch bei der „Cassini“-Mission sind dutzende Vorbeiflüge an kaum bekannten Monden geplant. Das Raumfahrzeug trägt eine Tochtersonde huckepack. Sie wird in einigen Monaten auf dem größten Saturnmond Titan landen.

Als einziger Mond in unserem Sonnensystem hat Titan eine dichte Atmosphäre. Sie besteht vor allem aus Stickstoff, dazu Wasserstoff und Methan. Aus jenen Stoffen also, aus denen sich auch die Uratmosphäre unserer Erde vor 4,5 Milliarden Jahren gebildet hat.

Forscher haben bisher nicht durch diese Atmosphäre hindurchschauen können. Wir wissen nicht, ob es auf Titan regnet, ob es dort Seen aus flüssigem Methan gibt. Uns erwartet eine unbekannte Welt, in der chemische Prozesse wegen der niedrigen Temperaturen viel langsamer ablaufen als auf der Erde. Wir können dort womöglich, wie mit einer Zeitmaschine, in die Urzeit unseres eigenen Planeten zurückblicken. Und einiges über die Voraussetzungen unseres Lebens lernen. Ein lohnendes Ziel. Das „schneller, kleiner, billiger“ leider kaum zu erreichen ist.

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