Zeitung Heute : Auf der unsicheren Seite Die CDU gibt sich optimistisch – hinter den Kulissen rumort es

Peter Siebenmorgen

Seit Freitag der vergangenen Woche blasen sie bei der Union die Backen noch etwas dicker auf als ohnehin gewohnt. Schröders Rückzug aus dem SPD-Parteivorsitz sei der Anfang vom Ende, Markus Söder, der CSU-Generalsekretär, sieht in dem Kanzler „nicht nur einen angeschlagenen Boxer“, sondern „er liegt schon halb am Boden“. Neuwahlen fordern sie jetzt allenthalben, die Winde scheinen, glaubt man den vollmundigen Tönen aus der Union, ausgesprochen günstig für die Opposition zu stehen.

Doch in der unmittelbaren Umgebung der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel sehen sie die Lage in Wirklichkeit nicht ganz so rosig. Im Gegenteil: „Seit Freitag ist Hamburg verloren“, so ließ sich am Wochenende jemand aus dem extrem kleinen Kreis der ihr nahe Stehenden im vertraulichen Gespräch vernehmen. Bislang habe alles auf eine absolute Mehrheit der CDU für die Wahl am 29. Februar hingewiesen. Zum einen, weil der Bürgermeister und Spitzenkandidat der Union, Ole von Beust, über die Parteigrenzen hinweg ungeheuer populär sei. Zum anderen, weil die SPD in der Hansestadt bis dato ein echtes Problem mit der Mobilisierung ihrer Stammwähler gehabt habe: ein blasser Spitzenkandidat, Thomas Mirow, und, mehr noch, die tief sitzende Verärgerung über die Regierungsgenossen in Berlin. Seitdem nun feststeht, dass Franz Müntefering demnächst die Partei übernimmt, seien die Menschen zwar noch immer nicht besser auf den Reformwirrwarr in der Bundeshauptstadt zu sprechen. Sie schöpften aber wieder Zutrauen in ihre Parteiführung. Und eben dies könne durchaus einige Prozent von SPD-Stammwählern, die ansonsten am Wahltag zu Hause geblieben wären, doch noch zur Stimmabgabe für die Sozialdemokraten bewegen. Und das dürfte reichen. Denn vor Schröders Rückzug lagen CDU und Rot-Grün in den Meinungsumfragen gleichauf.

Die einzige Rettung in dieser neuen Lage brächte der Wiedereinzug der FDP in die Hamburger Bürgerschaft. Damit sei aber nicht zu rechnen. Dirk Fischer, der Hamburger Landeschef der CDU, konnte am Montag seinen Kollegen im Bundesvorstand auch nicht viel mehr Hoffnung machen. Aus eigener Kraft würden es die Liberalen wohl kaum schaffen, so dass man kurz vor Schluss, in zwei Wochen, vielleicht doch noch über eine Leihstimmen-Kampagne nachdenken müsse.

In den am Montag tagenden Führungsgremien der CDU haben sich Angela Merkel und ihr Generalsekretär Laurenz Meyer nicht über ihre Sorgen verbreitet. Doch aus deren Gesichter glaubten einige Sitzungsteilnehmer herauslesen zu können, dass da womöglich große Sorgen im Unausgesprochenen liegen. Auf einen strategischen Lagevortrag im Lichte der neuen Entwicklungen bei der politischen Konkurrenz wartete man jedenfalls vergeblich. Auch zur Bundespräsidentenfrage nichts Neues: „Wir bleiben bei dem, was wir in Hamburg verabredet haben“, erklärte Merkel schmallippig. Und das heißt nun einmal: Nichts Genaues weiß man nicht. Denn auf der Klausurtagung der CDU vor drei Wochen in der Stadt an Elbe und Alster hatte man tatsächlich nichts verabredet.

Was man schon am Abend zuvor bei „Sabine Christiansen“ beobachten konnte, wollen auch einige CDU-Bundesvorstandsmitglieder in den Sitzungen ausgemacht haben: Merkel sei „extrem verunsichert“, sagt einer – „die wissen nicht, was jetzt seit Freitag los ist“, meint ein anderer. Da liegt die Frage, die der Bremer Landesvorsitzende Bernd Neumann in den Sitzungsraum gestellt hat, tatsächlich in der Luft: „Ich frage mich nach dem Sinn solcher Sitzungen.“

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