Zeitung Heute : Auf die Dauer gefährlich

Bas Kast

Die Bemühungen, die Vogelgrippe einzudämmen, sind bisher erfolglos geblieben – jeden Tag werden neue Fälle gemeldet. Wie lange werden wir mit dem Virus noch leben müssen?


Noch lange wird uns die Vogelgrippe im Griff haben, sagen Experten. Noch sehr lange. Wochen bestimmt. Monate wahrscheinlich. Jahre vielleicht. In der vergangenen Woche hieß es sogar in vielen Meldungen, das Virus H5N1 habe „eine Laufzeit von 150 Jahren“. Zitiert wurde der Infektionsbiologe Emil Reisinger von der Universität Rostock. Gegenüber dem Tagesspiegel jedoch stellte der Forscher klar: „Wir wissen nicht genau, wann das Virus erstmals da war, es könnte schon seit 150 Jahren existieren und noch viele Jahre unter uns bleiben.“ Wie lange genau, könne man nicht sagen.

Tatsächlich fällt es Virologen extrem schwer, die „Amtsdauer“ eines Virus zu bestimmen. Es lässt sich deshalb auch schwer vorhersehen, wie lange das Virus H5N1 noch unter uns sein wird. Das Virus wurde erstmals 1959 in Schottland nachgewiesen. 1961 tauchte es in Südafrika auf. 1997 kam es in Hongkong erstmals zu einer Infektion beim Menschen.

Seitdem hat sich das Virus rasant vermehrt. Längst existieren mehrere gefährliche Varianten von H5N1 mit einer jeweils unterschiedlichen genetischen Ausstattung. Einige Virenstämme beispielsweise sind so verändert, dass sie resistent gegenüber dem antiviralen Medikament Amantadin sind.

Südchina scheint dabei die entscheidende Brutstätte für die immer neuen H5N1-Versionen zu sein. „Diese Region weist den größten genetischen Variantenreichtum auf“, stellte ein Team chinesischer Forscher kürzlich im US-Fachmagazin „PNAS“ fest.

Ein beunruhigender Bericht. Denn dass H5N1 so viele verschiedene Gesichter hat, stellt für die Impfstoffentwicklung eine zusätzliche Herausforderung dar. Grundsätzlich gilt: Das Virus, das die Menschheit in großem Maßstab bedrohen könnte, muss erst noch entstehen. Erst wenn es da ist, kann ein wirklich geeigneter Impfstoff entwickelt werden. Zwar sind weltweit bereits mehr als 170 Menschen an der Vogelgrippe erkrankt. Dabei handelt es sich allerdings um Ausnahmeerscheinungen.

Einige Experten hoffen, aus dem Vogelgrippevirus einen Impfstoff zu entwickeln, der uns Menschen zwar keinen optimalen, zumindest aber gewissen Schutz bieten würde. „Ende des Jahres wird es diesen Impfstoff geben“, sagt Reisinger.

Andere sind da skeptisch: Wenn unter dem Geflügel viele Virus-Varianten kursieren, welche Version sollte man dann für einen Impfstoff heranziehen? Es bieten sich unterschiedliche, immer wieder neue „heiße“ Kandidaten an, wie das Forscherteam in „PNAS“ berichtet.

In den nächsten zwei Jahren werden sich immer mehr Wildvögel mit H5N1 infizieren, sagt Reisinger. Während gegenwärtig vielleicht ein Tausendstel der Tiere befallen ist, könnte diese Zahl in den nächsten ein, zwei Jahren auf zehn Prozent oder noch mehr ansteigen. Dann allerdings stelle sich ein Gleichgewicht ein, weil die Vögel immun werden – und H5N1 könnte in den Hintergrund treten.

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