Zeitung Heute : Auf die Füße, fertig, los

Um Kindern den Rücken zu stärken, sollten Eltern und Lehrer ihnen viel Bewegung ermöglichen

Adelheid Müller-Lissner

Viele Schülerrücken tragen heute schwer. Und das, obwohl die Schulranzen selbst immer leichter werden. Was die Kids jeden Tag in die Schule mitnehmen, bringt oft trotzdem weit mehr als die immer wieder als Obergrenze empfohlenen zehn bis zwölf Prozent des Körpergewichts auf die Waage. Alljährlich werden zu Beginn des neuen Schuljahrs die Eltern ermahnt, täglich die Ranzen ihrer Kleinen zu inspizieren, die Lehrer werden gebeten, in der Schule Platz zu schaffen für die Dinge, die nachmittags nicht zu Hause gebraucht werden. Mit den Büchern und Heften, die unbedingt nötig sind, soll man den Ranzen zudem möglichst gleichmäßig beladen.

Das sei alles richtig, aber es greife trotzdem zu kurz, meint der Sportwissenschaftler Dieter Breithecker, Leiter der vom Familienministerium geförderten Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung in Wiesbaden. „Untersuchungen an 2000 Grundschülern haben ergeben: Sie tragen meist mehr als das empfohlene Gewicht. Aber sie tragen die Ranzen im Unterschied zu früher heute meist gar nicht mehr so weit.“

Und darin steckt für Breithecker das Hauptproblem. Die Kinder bewegen sich heute weniger als frühere Generationen, und das fängt schon morgens an. Sie werden mit dem Auto oder dem Schulbus gebracht, sie legen auch kurze Strecken mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. „Wir leben heute in einer Welt mit bewegungsrestriktiven Bedingungen auch für Kinder", sagt Breithecker und findet es deshalb wichtig, dass sie ihren Schulweg, wenn es irgend geht, zu Fuß zurücklegen. „Wer sich in der Zeit des Wachstums und der körperlichen Entwicklung wenig bewegt, verträgt weniger Belastungen und wird weniger widerstandsfähig.“

Neben dem Gewicht des Gepäcks, das den Schulweg mitmacht, ist speziell für den kindlichen Rücken auch ganz entscheidend, dass der Ranzen für den Fußmarsch dicht am Körper, also nah an der Wirbelsäule getragen wird. Dann ist das Kraft-Last-Verhältnis am günstigsten. Es ist kein Problem, die Länge der Gurte dafür richtig einzustellen. Theoretisch. „Nur haben viele Kinder spätestens ab der dritten Klasse lieber Rucksäcke dabei. Und die tragen sie ganz cool und lässig fast in der Kniekehle.“ Für die Eltern, die bei der Einschulung noch ganz gewissenhaft alles bedacht haben, was Kinderorthopäden empfehlen, wird es dann schwieriger.

Breithecker und seine Mitstreiter haben aber auch an den Tischen und Stühlen, die heute in Deutschlands Schulen stehen, einiges auszusetzen. „Im Büro hat jeder Mitarbeiter Anspruch auf einen ergonomischen Arbeitsplatz. Aber wir müssen realistisch sein: Auch Grundschüler sitzen heute im Durchschnitt neun bis zehn Stunden am Tag. Und die Möbel, die wir in den Schulen haben, gehören fast ausnahmslos auf den Sperrmüll.“ Nur 17 Prozent der Schüler sitzen Untersuchungen zufolge auf Stühlen, die ihrer Körpergröße entsprechen.

Und es gibt ein Problem, das möglicherweise noch entscheidender ist: Kinder müssen zappeln. Ihr Gehirn braucht die Bewegung als notwendige Entwicklungs-Nahrung. Doch auf den Stühlen, die heute in den Klassenzimmern stehen, kann man sich nicht bewegen, ohne den Unterricht zu stören und den Lehrer in ständige Alarmbereitschaft zu versetzen. „Wir brauchen Stühle, die das Kippelbedürfnis aufnehmen, ohne den Boden zu verlassen“, sagt Breithecker. Zur Expo-Zeit hat man in Hannover eine gesamte Schule mit solchem Mobiliar für das „Klassenzimmer der Zukunft“ ausgestattet: Alle Möbel waren auf Rollen, hatten eine Wippmechanik und nach unten verjüngte Rückenlehnen, die auch das „umgedrehte“ Sitzen im Reitersitz möglich machten.

Kleinere Kinder dürfen sich heute im Unterricht meist noch bewegen, doch Breithecker ist der Meinung, dass sie das Stillsitzen zu früh lernen müssen. Eine Fragebogenerhebung der Uni Karlsruhe an 1500 Viertklässlern aus verschiedenen Bundesländern ergab, dass schon in dieser Altersgruppe 47 Prozent über gelegentliche Rücken- und Kopfschmerzen klagen. Acht Prozent sind wegen chronischer Schmerzen in Behandlung. Für Kinder, die wegen orthopädischer Probleme Krankengymnastik verordnet bekommen, sind oft nur bestimmte Haltungen und Übungen wohltuend, andere Bewegungen sollen sie möglichst sein lassen. Anders die gesunden Kinder: „Vermeidung bedeutet für sie Einschränkung in der Entwicklung“, sagt der Sportwissenschaftler.

Wer Kindern im Alltag ganz selbstverständliche Gelegenheit zur Bewegung und motorischen Entwicklung gibt, stärkt ihnen damit nicht nur den Rücken. Sondern legt auch den Grundstein für eine gesunde Entwicklung des Gehirns – und nicht zuletzt des Selbstbewusstseins.

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