Zeitung Heute : Auf die harte Tour

Er wollte zeigen, dass er es kann – kämpfen und siegen. Wollte den Triumph. Doch nun wird Jan Ullrich in Frankreich nicht dabei sein

F. Bachner[M. Klappenbach] A. Vornbäumen

Die Organisatoren der Tour de France haben Jan Ullrich wegen des Verdachts auf Doping ausgeschlossen. Wie geht es nun mit Ullrich und seiner Karriere weiter?


„Mir kann ja keiner was“, hat Jan Ullrich dieser Tage im Mannschaftshotel von T-Mobile in Blaesheim noch in einem Gespräch mit Journalisten der „Frankfurter Rundschau“ gesagt. Da war es bereits Mittwochabend, doch der T-Mobile-Kapitän wirkte entspannt und ganz und gar nicht so, als ob ihn irgendetwas bedrückte. „Ich habe nichts zu verbergen. Und ich habe auch nichts zu beweisen.“ Am Donnerstag wurde das Interview autorisiert – da waren die Indizien, dass der bislang erste und einzige deutsche Toursieger wohl doch in den Skandal um den spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes verwickelt sein könnte, schon konkreter. Doch Jan Ullrich hatte nichts zurückzunehmen. Kein Wort.

Als das Blatt am Freitag mit dem Interview erschien, hatte sich Deutschlands Radsportler Nummer eins vertan – man konnte ihm doch etwas. Um 9.25 Uhr teilte ihm Teamchef Olaf Ludwig mit, dass die Teamleitung und der Sponsor T-Mobile aufgrund der Dokumente der spanischen Justiz „erhebliche Zweifel“ an den Unschuldsbeteuerungen ihres Mannschaftskapitäns hätten. Jan Ullrich wurde suspendiert. Man glaubt ihm nicht mehr, obwohl Ullrich gestern Nachmittag erneut seine Unschuld beteuerte. „Das ist das Schlimmste, was mir bisher in meiner Karriere passiert ist“, sagte Ullrich. „Ich kann nur sagen, dass ich nach wie vor mit der ganzen Sache nichts zu tun habe. Ich fühle mich als Opfer.“

Der Mann, der neun Jahre nach seinem ersten Toursieg noch einmal im Gelben Trikot in Paris auf den Champs Elysées ankommen wollte, er muss nun noch vor der ersten Pedalumdrehung nach Hause fahren. Unter den obwaltenden Umständen ist es die größte denkbare Misstrauenserklärung, die sein Arbeitgeber abgeben konnte. Auch wenn der Sprecher des Teams T-Mobile, Christian Frommert, klarstellt, dass damit noch nichts darüber ausgesagt ist, ob Ullrich tatsächlich gedopt habe. Es ist ein weiterer herber Schlag für den ohnehin unter Generalverdacht stehenden Radsport, eine höchst unangenehme Angelegenheit für den Sponsor T-Mobile – für Jan Ullrich aber ist es eine Katastrophe.

Es sieht so aus, als ob das Ende seiner Karriere naht. Und es wird ihm kein Trost gewesen sein, dass auch sein vermeintlich größter Rivale im Kampf um den Toursieg, der Italiener Ivan Basso, nur wenige Stunden später von der Tourleitung ausgeschlossen wurde. Grotesk genug: auch er vermeintlich ein Abnehmer von Blutkonserven des gleichen Doping-Rings. Die Tour 2006 ist schwer beschädigt, es ist, als ob man den Pedaleuren die Luft aus den Reifen gelassen hätte.

Jan Ullrichs Karriereende – es wäre ein Ende, das in dürren, in nüchternen Fakten daherkommt, dokumentiert auf 500 Seiten Ermittlungsakten der Guardia Civil. Ullrichs Kontakte zu dem des Blutdopings verdächtigten Arzt Fuentes sollen darin exakt nachgewiesen sein. Auch Ullrichs Teamkollegen Oscar Sevilla und seinem Betreuer Rudy Pevenage wird dies zur Last gelegt. Beide wurden ebenfalls suspendiert. Pevenage, der „väterliche Freund“ und stets gutmütig dreinblickende Vertraute, trat daraufhin am Freitag sofort die Heimreise an.

Die letzten Stunden im Elsass, sie verliefen für das T-Mobile-Team so deprimierend wie dramatisch. Per SMS aus der Sitzung der Tourleitung, die die Ermittlungsakten in der Nacht zum Freitag erstmals sichten konnte, wurde der Sponsor informiert. Die Indizien verdichten sich von Minute zu Minute. Ullrich war also wohl doch „JAN“ und „Hijo Rudicio“, der „Sohn Rudis“, die die spanischen Ermittler in Dokumenten fanden, auf denen Blutkonserven codiert waren.

Ein DNA-Test könnte dies zweifelsfrei nachweisen – oder das Gegenteil. Ein Haar genügt dafür. Ullrich hatte in den vergangenen Tagen immer wieder durchblicken lassen, zu einem DNATest unter Umständen bereit zu sein – allerdings erst nach der Tour de France. Der nun suspendierte T-Mobile-Kapitän hatte sich beklagt, von den Medien ungerechtfertigterweise „an den Pranger gestellt“ zu werden.

Es war nicht das erste Mal in seiner Karriere. 2001 schrieb die italienische Zeitung „La Repubblica“, dass der Name Ullrich auf einer schwarzen Liste mit 64 verdächtigen Radprofis stehe, gegen die die Staatsanwaltschaft Florenz ermittele. Italienische Fahnder hatten zuvor bei Ullrich Kortikoide gefunden, die auf der Dopingliste stehen. Allerdings war Ullrich schon seit Jahren gestattet, diese Substanz zu nehmen. Sie half ihm gegen sein Asthma. „Das steht in seinem Gesundheitsbuch“, erklärte der damalige Teamsprecher Olaf Ludwig empört. Im gleichen Jahr attackierte auch der frühere Festina-Betreuer Willy Voet den Tour-Sieger von 1997. Voet ist eine der Schlüsselfiguren beim spektakulären Dopingskandal während der Tour de France 1998. Er hatte behauptet, ihm sei kein Tour-de-France-Sieger bekannt, der ohne Doping gewonnen habe. „Das ist natürlich für mich eine Riesenrufschädigung“, sagte Ullrich damals Journalisten. Er erwäge juristische Schritte.

Ein Jahr zuvor hatte der frühere Festina-Rennstall-Direktor Bruno Roussel behauptet, Ullrich habe bei der Tour de France 1997 dem damaligen Festina-Kapitän Richard Virenque gegen umgerechnet 33 000 Mark den Etappensieg in Courchevel überlassen. Ullrich dementierte empört.

Der Ausnahmeathlet hat sich oft unverstanden gefühlt von der Welt – und sich umso lieber in seine eigene zurückgezogen. Eine Welt, womöglich mit eigenen Regeln und Maßstäben, in der das Radsportidol tat, was es glaubte, tun zu müssen. Eine Welt, zu der offenkundig auch ganz außerordentliche Verdrängungsleistungen gehören. Er tat es, um Erfolg zu haben, für den ihn auch die Öffentlichkeit gerne in Anspruch genommen hat. Das ist bei Idolen so. Wenn sie sich sichtbar quälen, dann umso mehr.

Doch Ullrich war diese Öffentlichkeit, sobald er vom Sattel stieg, immer auch lästig. Dem Tagesspiegel hatte er Anfang des Jahres bei einem Interview im Trainingslager auf Mallorca seine Empörung darüber mitgeteilt, dass alles, was er tue, in den Medien „aufgebauscht“ würde. Aber auch im engeren, im privaten Umfeld fühlte sich der Radsportstar bisweilen hintergangen. Unlängst erst hatte er damit gehadert, dass sogar seine Hochzeitspläne öffentlich bekannt wurden, obwohl die Gästeliste überschaubar war und die Eingeladenen weder exakten Zeitpunkt noch den Ort mitgeteilt bekamen. Einer der Geladenen muss es der „Bild“-Zeitung gesteckt haben. Die machte am Freitag vergangener Woche daraus den Aufmacher: „Endlich eine gute Nachricht“, hieß es in den ersten beiden Zeilen, dann folgte: „für alle, die an die Liebe glauben“.

Eine gute Nachricht, doch sie hielt nicht lange. Ullrich gilt als psychisch wenig stabil, sobald er sich außerhalb der Radszene bewegt. Das passt durchaus ins Bild: So exzessiv, wie er seinen Sport betreibt, so exzessiv war er auch bereit, sich davon Auszeiten zu nehmen. 2002 nahm der verletzte Ullrich von einem eher flüchtig Bekannten am Tresen einer Diskothek zwei Tabletten an, obwohl er nicht wusste, was er da schluckte. „Das hilft dir, das ist harmlos“, wurde ihm nur gesagt. Es war eine Partydroge, ein verbotenes Stimulanzmittel. Kurz darauf kam ein Dopingkontrolleur, Ullrich wurde positiv getestet. Sechs Monate Sperre lautete das Urteil. Die interessierte Öffentlichkeit wurde skeptisch, doch viele waren nur allzu bereit, ihm das als Unachtsamkeit durchgehen zu lassen.

Nun ist dieser Kredit fürs Erste aufgebraucht – und ob der Rostocker ihn je wiedererhält, ist mehr als fraglich. Jan Ullrich wird jetzt Beistand brauchen, aber ob es reicht, dass er in die für ihn feindliche Welt zurückkehrt, ist ungewiss. Schon als die ersten Meldungen über den Dopingverdacht auftauchten, zweifelten Insider, ob der Radsportstar überhaupt noch in der Lage sei, ernsthaft um den Tour-Sieg mitzufahren. Sein Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Vieles hatte darauf hingedeutet, dass die diesjährige Tour sein letzter großer Kraftakt werden sollte, der Beweis, dass er auf allerhöchstem Niveau Rad fahren kann, dann, wenn der des Dopings extrem verdächtige Lance Armstrong nicht dabei ist.

Jan Ullrich ist in viele Löcher gefallen während seiner spektakulären Karriere, die vielen immer noch nicht spektakulär genug war. Er ist aus diesen Löchern immer wieder rausgekommen – aber er hat dazu immer auch die Hilfe anderer benötigt. Viele haben in der Vergangenheit geholfen, weil sie von seiner Unschuld überzeugt waren. Das geht nun nicht mehr. Jan Ullrich ist zu tief gesunken.

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