Zeitung Heute : Auf die „Hypothese Gott“ verzichten

Am 12. Februar jährt sich der Geburtstag des Evolutionstheoretikers Charles Darwin zum 200. Mal

Holm Tetens
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Foto: ullstein

Als der französische Astronom und Mathematiker Pierre-Simon Laplace seinem Kaiser Napoleon ein physikalisches Modell für die Entstehung des Universums vorstellte, fragte Napoleon erstaunt zurück, wo denn in diesem Modell Gott geblieben sei. Laplace erwiderte, die Hypothese eines Schöpfergottes werde nicht mehr benötigt. Das war zu Beginn des 19. Jahrhunderts selbst für die Physik noch eine kühne und kulturpolitisch nicht ganz ungefährliche Auskunft. Was aber in der Physik der unbelebten Natur immerhin längst gedacht wurde, war zur selben Zeit in der Biologie der belebten Natur noch undenkbar. Die verschiedenen Tierarten sind intern zu raffiniert und komplex organisiert und extern zu verblüffend genau an ihre natürlichen Lebensräume angepasst, als dass dies sich die damaligen Naturforscher angesichts ihres vergleichsweise noch spärlichen Wissens lediglich als das Ergebnis blind wirkender Kausalkräfte erklären konnten. Nein, hier schien ein Wesen seine Hand im Spiel zu haben, das diese überwältigende funktionale Ordnung mit überragender Intelligenz und Macht im Voraus geplant und ins Werk gesetzt haben musste. So erschien zwar nicht in den Details, sehr wohl aber im Prinzip der Schöpfungsbericht der Bibel ungebrochen plausibel und alternativlos.

Selbst Immanuel Kant, der frühzeitig und scharfsinnig begründet hatte, dass Gott kein Gegenstand der Wissenschaften sein könne, räumte widerwillig ein, dass sich uns spätestens beim Anblick der Organismen die Vorstellung einer planenden Intelligenz unwiderstehlich aufdränge. Kant sah darin ein Dilemma der Biologie. Wolle sie Wissenschaft sein, müsse sie Gott aus ihren Beschreibungen und Erklärungen verbannen und alles durch gewöhnliche Kausalität wie Gravitation, Stoß und Magnetismus erklären. Aber um der Funktionalität und Ordnung, die in der Welt des Lebendigen herrschen, auch nur annähernd gerecht zu werden, müsse die Biologie die Natur dann doch so beschreiben, als ob in dieser mehr wirke als bloße Kausalkräfte, als ob zumindest die Natur selbst Zwecke setze und verfolge. Vor Darwin war Kant mit seiner Diagnose für die schwierige Lage der Biologie durchaus im Recht. Mit Darwin sollte sich das ändern.

Auch der junge Charles Darwin betrachtete die Welt der Tiere und Pflanzen als die untrügliche Spur für das Wirken Gottes in der Natur. Erst nach jahrelangen Forschungen und selbst dann nur zögerlich veröffentlichte Darwin eine Theorie, die nicht mehr auf das Wirken eines Schöpfergottes zurückgriff. Nur drei empirisch plausible Annahmen bot Darwin auf, um die Entstehung, die Vielfalt und das Angepasstsein der verschiedenen Tierarten an ihre Umwelt überzeugend zu erklären.

Erstens: Immer wenn Tiere sich fortpflanzen, können bestimmte Eigenschaften der Eltern bei den Nachkommen mehr oder weniger stark verändert werden oder ganz verloren gehen. Zweitens: Diese Unterschiede in den Eigenschaften können einerseits allmählich so groß werden, dass nur noch Nachkommen einer Spezies, die diese Unterschiede in den Eigenschaften nicht aufweisen, gemeinsam Nachkommen erzeugen können. Das erklärt das Entstehen neuer Arten aus schon vorhandenen Arten. Andererseits lassen drittens die mit der Vererbung einhergehenden Unterschiede in den Eigenschaften die Exemplare einer Spezies unterschiedlich gut an ihre Umwelt angepasst sein. Je besser Tiere an ihre Umwelt angepasst sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich reproduzieren und die umwelttauglichen Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben. Das erklärt, wie Arten entstehen und überleben, die besonders gut an ihre Umwelt angepasst sind. Erstaunlich ist Darwins intellektuelle Leistung unter anderem auch, weil er seine Theorie gegen vorherrschende Auffassungen durchsetzen musste – nicht zuletzt von eigenen Überzeugungen musste er sich lossagen. Persönlich hat er seine Theorie mit dem Verlust seines religiösen Glaubens bezahlt. Der religiös motivierte und begründete Sturm der Entrüstung über Darwins Theorie war gewaltig, und bis zum heutigen Tag ist er nicht gänzlich abgeflaut. Kreationismus und Intelligent Design laufen publizitätsträchtig unvermindert an gegen die „Gottlosigkeit“ des Darwinismus. Trotzdem liegt diesem Streit ein Missverständnis zugrunde. Es ist wissenschaftsphilosophisch aufzuklären. Richtig ist: Wer den Schöpfungsbericht der Bibel wortwörtlich für wahr hält, kann nicht gleichzeitig ohne Selbstwiderspruch die Evolutionstheorie Darwins unterschreiben. Umgekehrt ist einem Anhänger der Evolutionstheorie der Glaube an eine wortwörtliche Deutung der biblischen Schöpfungsgeschichte verwehrt. Deshalb werden christliche Fundamentalisten, die die Bibel um jeden Preis wortwörtlich nehmen wollen, vermutlich niemals ihren Frieden mit der Evolutionstheorie Darwins schließen. Aber wie plausibel ist es, die Bibel wortwörtlich auszulegen?

Jenseits dieses extremen Umgangs mit der Bibel demonstriert Darwins Theorie dieses, aber auch nur dieses: Um die Entstehung der biologischen Arten und ihre Anpassung an die Umweltbedingungen zu erklären, braucht man entgegen einer damals fast ausnahmslos in der Gelehrtenwelt geteilten Überzeugung die „Hypothese Gott“ nicht. Ist die Annahme eines Schöpfergottes nicht vonnöten, um bestimmte Phänomene in der Welt zu erklären, folgt daraus keineswegs, dass es einen solchen Schöpfergott nicht gibt. Vielmehr muss die Frage als offen gelten. Ein solches Offenhalten der Existenzfrage nennt man Agnostizismus.

Allerdings war mit Darwins Evolutionsbiologie das Dilemma durchbrochen, in dem noch Kant die Biologie gefangen sah. Auf einmal war der Weg frei für die Maxime, in der Wissenschaft bei der Beschreibung und Erklärung empirischer Phänomene auf Annahmen über das Wirken Gottes konsequent zu verzichten. Für uns Heutige ist diese Abstinenz gegenüber der „Hypothese Gott“ vollkommen selbstverständlich geworden: In einer wissenschaftlichen Beschreibung und Erklärung empirischer Phänomene hat die Berufung auf Gott nichts zu suchen. Die vermeintliche „Gottlosigkeit“ des Darwinismus ist lediglich ein methodologisch verordneter und gewollter Agnostizismus. Das missverstehen die Kreationisten gründlich an der Wissenschaft im Allgemeinen, an der Theorie Darwins im Besonderen. Doch wir alle scheinen zu vergessen, welcher Anstrengungen es bedurfte, diesen methodologisch verordneten Agnostizismus in den Wissenschaften durchzusetzen. Darwins Theorie ist ein Meilenstein auf dem Wege zu ihm gewesen. Der 200. Geburtstag von Darwin sollte auch Anlass sein, sich dieser ebenso folgenreichen wie sinnvollen Errungenschaft der Wissenschaft angemessen zu erinnern.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.

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