Zeitung Heute : Auf die Polizei warten

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

Als ich mich einmal mit der Polizei anlegen wollte, tauchte prompt meine Mutter auf. Ich war damals 18 und hielt mit meinen Kumpels die „Stadtsgi“, die ehemalige Stadtgärtnerei von Basel, besetzt. Auf einem hölzernen Turm konnte man dort unter freiem Himmel Schlagzeug spielen. Mannshohe Sonnenblumen wuchsen auf den Wiesen, und sogar ein Schwein lebte in diesem kleinen Paradies mitten in der Stadt. Regelmäßig traten Punkbands auf, und wir tanzten und feierten die Nächte durch. Leider beschwerten sich die Anwohner ständig über den Lärm. Bis es zu einer Volksabstimmung kam: Danach war die „Stadtsgi“ tot. Wir blieben trotzdem: „Mir bruuche Freyrüühm!“ (Wir brauchen Freiräume!), lautete unsere Kampfparole.

Auf eine Schlägerei mit der Polizei hatten wir es allerdings nicht abgesehen. Im Ernstfall wollten wir uns im Geiste Gandhis aus der Stadtgärtnerei tragen lassen. Aus sicherer Quelle erfuhren wir, wann die polizeiliche Räumung geplant war, und sofort druckten wir Eintrittskarten zu diesem Event: „Karli Schnyder und die Schugger“ nannten wir es. Karl Schnyder war Basler Polizeipräsident, und „Schugger“ ist bei uns ein Kosename für „Bulle“.

Bereits in den frühen Morgenstunden versammelten wir uns in der „Stadtsgi“ und warteten. Doch weder Schnyder noch die Schugger ließen sich blicken. Dafür traf gegen 13 Uhr meine Mutter ein. Sie war ganz schön aufgeregt. Ich jobbte damals als Minibar-Kellner bei der Schweizer Bahn, und hatte meinen Einsatzplan nicht richtig gelesen. Der erste Zug war bereits ohne mich los gefahren.

Zum Glück läuft das in Berlin raffinierter mit den illegalen Partys: Sie finden mal hier und mal da statt. Sozusagen als mobile „Stadtsgi“. Clever, denn Schugger und Mütter können ja nicht die gesamte Stadt überwachen. Allerdings verpasst man so auch als Greenhorn alle illegalen Partys.

Einmal aber hat mir mein Kumpel Dirk einen heißen Tipp gegeben: „Heute, 23 Uhr, in Charlottenburg.“ Meine erste illegale Party seit 15 Jahren! Es war eiskalt, und es schüttete. Beim Volleyball-Zentrum kletterten wir durch ein Loch im Zaun. An einem Baum hing ein Lageplan in Plastikfolie wie früher bei den Pfadfindern. Wir mussten durch den Schlamm waten und einem Flüsschen folgen. „Prima, hier werden uns die Schugger sicher nicht finden“, dachte ich. Dann rutschte ich aus.

Das Ziel war eine ehemaligen Fabrikhalle, spärlich beleuchtet von ein paar Glühbirnen und Kerzen. Die Wände rochen modrig, an der Bar gab es zwei Sorten Bier, und aus den Lautsprechern erklang Chill-Out-Musik. Immer mehr schlammverspritzte Menschen strömten in die Halle.

Der Trend geht offenbar zur illegalen Party: Mit der Zeit wurde es eng wie am Tag der Einheit vorm Brandenburger Tor. „Achtung, die Bullen!“, rief jemand aus der Menge, alle erschraken, aber es war nur ein Scherz. Ein super Abend! Schon weil meine Mutter nicht vorbei gekommen ist.

Die Termine und Orte von illegalen Partys sind im Internet zu finden. Aber ich darf die Web-Adresse nicht aufschreiben, sagt Dirk. Am besten einfach Szene-Kenner in Szene-Kneipen anquatschen.

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