Zeitung Heute : Auf die Schule vorbereiten

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Paul ist wieder da. Paul war in Amerika, war Luise, der innigen, hinterhergeflogen im Billigflieger, Luise war mit ihren Eltern dort. Paul ist den ganzen weiten Weg alleine geflogen und jetzt ist er mächtig stolz, wie groß und erwachsen er schon ist. Vor dem Flug war Paul noch etwas mulmig, da hatten die Eltern Paul zum Flughafen gebracht. Die Taschen waren im Kofferraum, die Mutter saß im Auto, Paul auch, der Vater saß am Steuer, wollte losfahren, da rief Paul, er müsse noch mal nach oben in die Wohnung. Als er wiederkam, hatte er Phini unter dem Arm, „Phini muss mit“, sagte Paul. Phini stammt noch aus der Zeit vor der Rechtschreibreform und ist Pauls uralter Delfin, ein Kuscheltier, weiß und blau und weich und flauschig.

Ganz gerührt war da der Vater und auch die Mutter, und der Vater dachte, wenn Paul mit seinen 16 Jahren seiner Innigen hinterherreist und sein Kuscheltier aus Vorpubertistentagen mitnimmt, dann ist sein Paul ganz schön groß und erwachsen und mutig und selbstbewusst. Und als der Vater das zu Ende gedacht hatte, war er noch ein wenig mehr gerührt und konnte nicht losfahren, weil er sich erst einmal schnäuzen musste. Aber dann ist Paul am Flughafen durch den Scanner gegangen, hat sich in einem langen Gang noch ein paar Mal zu den Eltern umgedreht und dann war er weg, er und Phini, und die Mutter schnäuzte sich ganz heftig und der Vater auch.

Aber nun ist Paul wieder da, Phini auch, und vergangenen Sonntag erzählten Paul und Luise, wie es so war in Amerika. Heiß und groß und das Meer vor Florida schön und Florida sonst überwiegend langweilig und „nachts“, erzählte Luise, „nachts lag Phini mit bei uns im Bett.“ Manchmal morgens, wenn sie aufgewacht sei, erzählte Luise weiter, habe Paul neben ihr gelegen und nicht sie, sondern Phini im Arm gehabt. Dann lachten die beiden, so wie man lacht, wenn man sich gern hat und nichts verstecken muss, und dann nahm Paul Luise in den Arm und Luise Paul.

Und nun geht die Schule wieder los am Montag. Paul sagt, ihm sei wieder einmal mulmig, Paul ist immer in der letzten Ferienwoche mulmig, weil Paul, wie er sagt, Angst hat, sitzen zu bleiben. Paul fängt jetzt die letzte Klasse der Mittelstufe an. Bislang hat sich diese Angst immer noch als völlig unbegründet herausgestellt. Und wenn dieses Mal nicht, wenn Paul tatsächlich sitzen bliebe und die Klasse wiederholen müsste? Dann könnte der Vater in seinen Erfahrungsschatz greifen und wüsste ganz gut, wie das ist, wenn man sitzen bleibt. Nämlich nicht einmal halb so wild, und es nicht wert ist, dass man sich vorher, nachher oder irgendwann einmal deswegen verrückt machen müsste. „Ja, ja“, sagte Paul, „ich weiß schon, wie du in der Schule warst. Und wie haben deine Eltern reagiert?“

„Entspannt“, sagte der Vater, „sehr entspannt.“ Und das wird er auch so halten. Weil es nämlich viele, viele schönere Dinge im Leben gibt als gute Schulnoten. Phinis zum Beispiel. Siehe oben.

Was tun? Die Schultasche rechtzeitig von den Kindern packen lassen und dann dem kommenden Schuljahr in aller Gelassenheit entgegensehen.

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